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Bildrechte: Kirsten Nijhof

RezensionAus der Zeit gefallen oder aktuell?: "Der Rosenkavalier" an der Oper Leipzig

02. April 2024, 14:05 Uhr

Seit seiner Uraufführung 1911 in der Dresdner Semperoper gehört "Der Rosenkavalier" von Richard Strauß zu den unverwüstlichen Klassikern der Oper. Aber ist diese Opernkomödie, die unter Adeligen und Neureichen in der österreichischen Habsburgermonarchie spielt, und in der das Rokoko zitiert wird, noch zeitgemäß? Nun hat die Oper Leipzig, nachdem bis 2019 sehr lange dort eine Inszenierung von Alfred Kirchner im Repertoire stand, wieder eine Neuproduktion dieser Musikkomödie herausgebracht.

von Bernhard Doppler, MDR KLASSIK

Zwar aus der Zeit gefallen ist "Der Rosenkavalier" vielleicht dennoch gerade deshalb aktuell, weil er Zeit selbst, das Vergehen von Zeit  und das Spüren von Zeit in einer bisweilen als Endzeit empfundenen Epoche zum Thema macht. "Die Zeit ist ein sonderbar Ding", meint die Marschallin in ihrem Monolog im ersten Akt, bisweilen "rein gar nichts" und dann ist Zeit plötzlich alles: Hugo von Hofmannstahls Libretto und Richard Strauß´ Musik geben dem "Rosenkavalier" dabei einen Hintergrund, der der Philosophie, der Sprachskepsis und der Psychoanalyse der "sogenannten Moderne" vor dem Ersten Weltkrieg entspricht.

Liebe und Altern

Ein Generationsunterschied: Die Feldmarschallin und ihr Geliebter Octavian. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Michael Schulz unterstreicht das Thema Zeit, in dem er die drei bei Hofmannsthal nur innerhalb weniger Stunden spielenden Akte zeitlich auseinanderreißt und in verschiedenen Epochen spielen lässt. Den ersten Akt (das Frühstück) verlegt er in die Habsburger Monarchie vor 1914, den zweiten (die Zeremonie) in die 30er Jahren, den letzten (ein Abend im Wirtshaus) in die 80erJahre der Vorwendezeit. Historisch scharf kontrastiert ist das Bühnenbild von Dirk Becker in allen drei Akten nicht, insbesondere der DDR 1980er-Club im 3. Akt scheint in einem Jugendstil-Altbau Platz gefunden zu haben. Die Figuren jedoch altern! Allerdings bleiben das Liebespaar Octavian und Sophie in der Leipziger Inszenierung im Gegensatz jung, hingegen verschärfen sich die Generationsunterschiede: zwischen der Marschallin und ihrem Liebhaber sowie zwischen dem alten Platzhirsch Ochs und seinen Freundinnen werden sie prägnanter.

Erotische Versteckspiele als große Oper

Intimes erotisches Versteckspiel, doch auch öffentlich! Die adeligen beziehungsweise neureichen Liebespaare werden nämlich dezent –bisweilen aufdringlich dezent – bedient, umsorgt, kommentiert, ermahnt: von Kammerdienern, viel Personal, Künstlern, Bittstellern, Bürokraten, Verwandten, Schreibern, Polizisten - ja bisweilen sogar auch von einem etwas aufmüpfigen Chor "verdächtige Gestalten" (Hofmannsthal) bedrängt. Diese siebzehn mittleren und kleineren Rollen im "Rosenkavalier" weiß die Oper Leipzig allesamt gut zu besetzen, und ihnen allen hat die Inszenierung Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Feldmarschallin und Octavian. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Baron Ochs, heute ein Fall für Me too

Tobias Schabl singt als Baron Ochs einen schlanken Schwerenöter und Frauenheld. Bildrechte: Kirsten Nijhof

Der Rosenkavalier eröffnet mit der Liebesnacht zwischen der Marschallin und ihrem zwanzig Jahre jüngeren Geliebten Octavian. Sexuelle Anziehung und Liebe bestimmen schon von der Ouvertüre die Musik von Richard Strauß und Hugo von Hofmannsthals Libretto. Vital, souverän, geradezu jugendlich klar und gleichzeitig in ihrem gelassenen einsichtigen freundlichen Loslassen-Können berührend: Solen Mainguené als alternde Marschallin. Tobias Schabl als Baron Ochs ein schlanker Schwerenöter und Frauenheld, der sich keines Unrechts bewusst ist, auch wenn er sein weibliches Dienstpersonal, ob sie es wollen oder nicht "lustvoll" ins Heu zu werfen weiß. Im dritten Akt spielt man dem Baron, nun ein alter weiterhin unverbesserlicher Herr, einen Streich, heute wäre er wohl schön längst ein Fall für Me-too, und doch weiß Schabl ihn psychologisch sehr genau, fast bemitleidenswert als einen an der Zeit vorbeiplappernden Schwätzer vorzuführen.

Erotik und Transzendenz

Auch der junge und jung bleibende Mann wohl ohne große Selbstkritik: draufgängerisch, stimmstark Stepánka Pucálková als Octavian. Strauß und Hofmannsthal spielen bei Octavian geschickt mit verwirrendem Geschlechtswechsel. Pucálková bezirzt und verwirrt als "süßes Mädel" in grellem wienerischem Dialekt den Macho Ochs, solange dieser nicht merkt, dass das "Mädel" eigentlich ein Mann ist.  Die unbeherrschbare Energie von sexueller Anziehung und – verbotener - Liebe auf den ersten Blick, wird aber vor allem im Kernstück der Oper, dem Überreichen der silbernen Rose an Sophie (Olga Jelinková) unter transzendierenden, dennoch nicht verkitschenden Celesta-Klängen erlebbar.

Noch mehr Oper:

Mag Richard Strauß Musik nach "Elektra" und "Salome" bisweilen auch als rückwärtsgewandt gesehen werden, unter Christoph Gedschold lässt sich  diese Einordnung nicht nachvollziehen; denn der "Rosenkavalier" erscheint im Gewandhausorchester nuancenreich, und trotz großem Orchesterapparat oft zart, auch melancholisch, nie ermüdend, in immer wieder neuen Nuancen.  Eine sehr lange, nie langatmige Komödie mit Musik, die man erheitert, nachdenklich milde und – ja -  ein wenig hochgestimmt verlässt.

Weitere Aufführungen des Rosenkavaliers an der Oper Leipzig finden am 6.4, 13.4., 4.5. und 12.5. statt. Für 2025 ist eine weitere Aufführungsserie geplant. Musikalische Leitung: Christoph Gedschold, Regie: Michael Schulz.

Dieses Thema im Programm:MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 02. April 2024 | 07:10 Uhr

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