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Wenn Heinrich Schütz auf Reisen ging, war das nicht nur unbequem und anstrengend, sondern auch gefährlich. In Europa herrschte der 30-jährige Krieg. (Druck aus dem 19. Jahrhundert, Bombardierung Prags) Bildrechte: imago images/H. Tschanz-Hofmann

Jubiläum: 350. Todestag von Heinrich SchützReisen zu Zeiten von Heinrich Schütz: Tod und Gefahren überall

12. Oktober 2022, 17:02 Uhr

In diesem Jahr gedenkt die Musikwelt des 350. Todestages von Heinrich Schütz. 1585 in Köstritz geboren, zog er später mit der Familie nach Weißenfels und wurde mit 13 Jahren von Landgraf Moritz von Hessen als musikalisches Wunderkind entdeckt. Kassel, Marburg, Venedig, Dresden, Breslau, Kopenhagen waren wichtige Lebens- oder Reisestationen des Dresdner Hofkapellmeisters. Dabei tobte in Europa ab 1618 und später auch in Sachsen der Dreißigjährige Krieg. Wie muss man sich das Reisen damals vorstellen?

von Heike Schwarzer, MDR KLASSIK

André Kaiser ist passionierter Hobbyhistoriker und erforscht seit dem Ende der 1980er Jahre die Post- und Verkehrsgeschichte speziell in Sachsen: "Zur damaligen Zeit war man in der Regel zu Fuß unterwegs. Luxus war es schon mit Maultier, Esel oder Pferd. In der Regel schloss man sich den Frachtfuhrwagen der Handelsreisenden an. Adlige waren mit Kutschen unterwegs, aber Postkutschen gab es damals noch nicht."

In der Regel war man zu Fuß unterwegs.

André Kaiser, Hobbyhistoriker

Reisen auf eigene Faust

Unterwegs war man auf Trampelpfaden oder unbefestigt Straßen. In größeren Orten gab es Gasthöfe zum Übernachten und zum Wechseln der Pferde. André Kaiser verweist auf die großen europäischen Fernhandelsstraßen oder Pilgerwege wie die Via Regia von Moskau nach Santiago de Compostela oder die Via Imperii von Stettin nach Rom mit Leipzig als wichtigem Kreuzungspunkt.

Brücken gab es damals kaum, auf den Höhenwegen ging es nur langsam – auf den schmalen Saumwegen über die wenigen Alpenpässe sogar nur zu Fuß – voran.

"Gasthöfe waren in Kriegszeiten oft abgebrannt und ausgeplündert", sagt der Hobbyhistoriker, "und da hat man es natürlich noch viel schwerer gehabt überhaupt Unterkunft zu finden. Durch die Not nahm auch die Straßenräuberei zu."

Dass Heinrich Schütz allein auf seinen zahlreichen "Dienstreisen" unterwegs gewesen sein sollte, davon ist nicht auszugehen. Aber Quellen, die Aufschluss darüber geben könnten, liegen nicht vor. Auch im Heinrich-Schütz-Haus in Bad Köstritz kann man nur mutmaßen.

Das Heinrich-Schütz-Haus in Bad Köstritz, dem Geburtsort des Komponisten. Bildrechte: imago/Hanke

Möglichst nie alleine

1628 jedenfalls führte den Dresdener Hofkapellmeister eine zweite Italienreise über Cremona nach Venedig und vermutlich, so André Kaiser, sei er in einer Kutsche und in Begleitung von Handelsreisenden gewesen.

Eine Reise allerdings, ergänzt der Dresdner Musikwissenschaftler Oliver Geißler, sei gut dokumentiert: "Da musste Schütz nach Breslau zur Huldigung der schlesischen Stände reisen. Ein riesengroßer Tross von 855 Leute im Gefolge von Kurfürst Johann Georg. Ich habe das Bild vor Augen, da zieht durch dieses kriegsverzerrte Mitteleuropa dieser glänzende höfische Tross, fast tausend Menschen, Kutschenpferde, eine Riesenlogistik. Wo macht man Pause? Kommt bekommt man Nahrung her? Und mittendrin Heinrich Schütz mit seinen 16 Musikern."

Auch Grenzübertritte dürften auf Schütz‘ Reisen 1633 mitten im Dreißigjährigen Krieg nach Kopenhagen oder auch nach Venedig mühsam gewesen sein. "Das waren vielleicht 30 oder 40 Grenzkontrollen mit je eigener Sprache, eigenen Modalitäten. Immer wieder Briefe vorzeigen, Dokumente ausfüllen, anhalten."

Das ist eine irre Leistung dann trotzdem so mobil zu sein wie er.

Oliver Geißler, Musikwissenschaftler

Gefahren lauerten überall

Mobilität zu Heinrich Schütz Zeiten: ohne öffentliches Transportwesen, ohne Postkutschen und auf Wegen, die gleichermaßen von Soldaten oder marodierenden Söldnern benutzt wurden. Gefahren lauerten überall. André Kaiser: "Gerade an internationalen Handelsorten wie Venedig war man Krankheiten und Seuchen besonders ausgesetzt. Hygienemaßnahmen kannte man noch nicht. Da konnte man sich kaum schützen."

Als im Juni 1630 ein Diplomat des Herzogs von Mantua mit seinem Gefolge nach Venedig kommt, bringt er die Pest mit. Hofkapellmeister Heinrich Schütz, gerade 45 Jahre alt, war nur wenige Monate vorher nach Sachsen abgereist. Erst mit 87 Jahren starb Schütz eines natürlichen Todes in Dresden. "Es hätte auch ein sehr kurzes Leben werden können", sagt Oliver Geissler. "Wo Menschen reisen, reisen eben auch Krankheiten. Das finde ich fast die größere Gefahr – und das ist es ja auch heute wieder."

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Dieses Thema im Programm:MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 12. Oktober 2022 | 08:40 Uhr