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Bildrechte: Baltic Opera Festival, Krzysztof Mystkowski KFP.

Rezension"Der Fliegende Holländer" beim ersten Baltic Opera Festival in Sopot

24. Juli 2023, 10:45 Uhr

Sopot an der polnischen Ostsee: Zum ersten Mal lud das Baltic Opera Festival vom 14. bis 17. Juli dorthin ein. Auf der historischen Waldbühne des Ortes wurden bereits in den 1920ern Wagner-Opern gezeigt. Jetzt, zur Premiere des Festivals an der Ostsee, Wagners "Fliegender Holländer". Manuel Brug hat die Aufführung für MDR KLASSIK besucht und sich mit der historischen Spielstätte auseinandergesetzt.

Die Wald-Oper Zoppot, eine Freiluftspielstätte in einem mondänen Seebad neben der Stadt Danzig, das war einmal eine berühmte Musiktheaterbühne unter den Sternen Pommerns. 1909 ging es los, doch nach dem Zusammenbruch des Nazis-Regimes war der legendäre Ruf als "Bayreuth des Nordens" schon wieder dahin. Nach 1945 spielte man auf dem idyllischen Gelände der Wald-Oper vorwiegend Pop, wurde Zoppot im Ostblock auch wegen der Übertragung von Song-Wettbewerben berühmt.

Neustart als Baltic Opera Festival

Bildrechte: Baltic Opera Festival, Krzysztof Mystkowski KFP.

Jetzt aber startete der polnische Bassbariton Tomasz Konieczny in Erinnerung der musikalischen Vergangenheit der Wald-Oper das Baltic Opera Festival neu: Unter der Schirmherrschaft des polnischen Präsidenten und des deutschen Bundespräsidenten, samt einem Ehrenkomitee renommierter Opernintendanten mit Katharina Wagner an der Spitze. Hauptprogrammpunkt: "Der fliegende Holländer" mit dem erklärten Opernabstinenzler Marek Janowski am Pult, inzwischen 84 Jahre alt, eben als Chef der Dresdner Philharmonie ausgeschieden, geboren in Warschau.

Gegenüber dem MDR KLASSIK schwärmte Janowski vom Zauber dieses Ortes, aber eben auch von seiner ruhmreichen Geschichte: "Erich Kleiber und Hans Knappertsbusch haben hier dirigiert, Frida Leider und Lotte Lehmann gesungen. Außer ,Tristan und Isolde‘ hat man alle Bayreuther Wagner-Opern hier gespielt, inklusive Rienzi!"

Das war natürlich verlockend, zumal ich den 'Holländer' noch nie im Graben dirigiert hatte.

Marek Janowski, Dirigent

Zwischen 1909 und 1922 wurde in der Zoppoter Wald-Oper vor allem romantisches Repertoire gespielt, von Conradin Kreuzer "Das Nachtlager von Granada", außerdem Werke von Weber, Humperdinck, Smetana. Einen ersten "Tannhäuser" ohne zweiten Akt gab es auch. Der Vorhang bestand damals aus fahrenden Gittern, in die vor jeder Vorstellung frische Blätter geflochten wurden. Es war primitiv, aber heimelig – und enorm erfolgreich. Mit Stehplätzen konnten 8000 Zuschauer dabei sein, heute sind es 5500 auf bequemen Holzsitzen.

Problematische Vergangenheit mit eigenen Wagner-Festspielen

Bildrechte: Baltic Opera Festival, Krzysztof Mystkowski KFP.

1922 bis 1942 wurden dann ausschließlich Wagnerfestspiele gegeben, man verstand sich als  "Bayreuth des Nordens". Geld kam nun auch von Joseph Goebbels, Danzig sollte musikalisch glänzen. Konieczny stellt sich durchaus dieser Vergangenheit, will aber bewusst neben Wagner auch unbekannte polnische Werke einem hoffentlich internationalen Publikum nahebringen. Den Anfang machte in diesem Jahr ein Gastspiel der Oper Krakau im Danziger Opernhaus. Man gab die halbvergessene Jugendoperette "Lotterie für Ehemänner oder Verlobter Nummer 69" von Karol Szymanowsky, eine vergnüglich alberne Farce, bei der freilich die Dialoge verlorengegangen waren. Die hat man jetzt aktualisiert neugeschrieben. Auch einen Filmabend mit polnischen Opern gab es.

Höhepunkt: "Der Fliegende Holländer" unter Marek Janowski

Herzstück des Baltic Opera Festival waren aber die beiden gelungenen Aufführungen des "Fliegenden Holländers". Konieczny selbst hatte ein minimalistisch-szenisches Konzept mit sechs fahrbaren, durchlöcherten schrägen Wänden erstellt: Die waren Schiff und Webstuhl und gute Akustikstütze. In einer Riesenwanne fuhr der wackere Chor herum, Senta brachte auf einem Leiterwagen kleine Püppchen und eine große Holländer-Puppe mit – am Ende schnitt sie sich als Selbstopfer die Kehle durch. Und immer wieder säuselten dahinter, weiß, grün oder liebesrosa angestrahlt, die Blätter der eindrücklichen Waldkulisse. 

Bildrechte: Baltic Opera Festival, Krzysztof Mystkowski KFP.

Das Festspielorchester klang rund und wurde von Marek Janowski eisern zusammengehalten. Reife Stimmen, darunter der Pole Andrzej Dobber in der Titelrolle, und einige von Bayreuth-Format, wie Ricarda Merbeth (Senta) Franz Hawlata (Daland) und Stefan Vinke (Erik) pflügten neben dem polnischen Steuermann und der Frau Mary durch Tongischt und Rollenklippen. Das Publikum im fast vollen Auditorium war begeistert.

Tomasz Konieczny ist fest davon überzeugt, das Baltic Opera Festival zu einem festen Termin im internationalen Festspielkalender machen zu können. Nächstes Jahr soll es eine Puccini-Oper (man munkelt von "Tosca") und eine weitere unbekannte polnische Oper geben. 2025 ist neben der "Walküre" eine Uraufführung geplant. Zunächst aber musste der Chef gleich wieder per Privatjet nach Bayreuth: Der grüne Hügel rief ihn als Wotan zu den Generalproben.

MDR KLASSIK am Morgen