Wort zum Tag Augenblick mal

Täglich um 6:20 und 9:20 Uhr hören Sie bei MDR THÜRINGEN - Das Radio "Augenblick mal", das Wort zum Tag. In dieser Woche spricht es Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach
Täglich hören Sie das Wort zum Tag bei MDR THÜRINGEN - Das Radio. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Freitag, 30. Oktober: Woher kommt mir Hilfe?

"Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?" So beginnt ein Text der Bibel (Psalm 121). Gesprochen, wahrscheinlich gesungen haben diese Worte Menschen, die auf Pilgerreise zum Tempel in Jerusalem waren.

Jerusalem, die Stadt auf dem Berg, ist von Bergland umgeben. Viele Menschen glaubten damals, Gott dort besonders nahe zu sein. Doch Bergland ist auch gefährliches Land. Viele böse Überraschungen können dort lauern, auch vor Räubern ist man damals nicht sicher.

Woher kommt mir Hilfe?

Die besorgte Frage ist berechtigt, wenn man sich auf den Weg durch die Berge macht. Das ist sie bis heute. Zwar sind wir nicht pilgernd im Gebirge unterwegs, aber bildlich gesehen schon. Unser Leben, im Grunde jeder Tag, ist ein Weg mit ungewissem Ausgang. Und Berge tun sich gerade mehr als genug auf. Was kommt da noch alles auf uns zu bei diesem Teil-Lockdown? Wie viele Existenzen werden bedroht sein?

Woher kommt mir Hilfe? Die Antwort gibt sich der biblische Textschreiber selbst. Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Da traut jemand Gott ganz schön viel zu. Im Grunde alles. Er hofft: Egal, was kommt, Du, Gott, wirst bei mir sein. Ob ich auf dem Gipfel stehe oder ob es gerade bergab geht mit mir.  

Naiv ist dieser Mensch nicht. Er erwartet nicht, dass alles gut wird. Er hofft einfach, dass Gott an seiner Seite ist, ihn trägt, ihm Kraft gibt. Das fühlt sich gut an, gerade jetzt. Und am Ende des Textes steht ein Segen: "Der Herr behüte dich vor allem Übel. Er behüte deine Seele."

Das wünsche ich uns für heute. Cornelia Biesecke aus Eisenach und evangelisch.

Donnerstag, 29. Oktober: "Kindern Zukunft schenken"

Kollekte sammeln - das gehört zu jedem Gottesdienst dazu. Kollekte bedeutet sovviel wie "zusammenlegen". Menschen legen ihr Geld zusammen für einen guten Zweck. Die Idee begleitet die Kirche schon von Anfang an. Zuerst wurden Lebensmittel gesammelt und an Bedürftige weitergegeben. Egal, was nun gesammelt wird, es ist Nächstenliebe ganz konkret.

Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Auch das Kollekte-Sammeln. Durch die Corona-Einschränkungen kommt nicht mehr soviel Geld zusammen wie sonst. Besonders schmerzlich wird das in der Advents- und Weihnachtszeit. Da wird nämlich traditionell für die Hilfsaktion "Brot für die Welt" gesammelt. Um die Not in ärmeren Ländern zu lindern. Besonders in den Weihnachtsgottesdiensten kommt alljährlich eine Menge Geld zusammen. Ich bin immer ganz überwältigt, wenn ich das am Heilig Abend erlebe.

Doch wer weiß heute schon, wie wir in acht Wochen Weihnachten feiern werden? Proppenvolle Gottesdienste wie sonst wird es ganz sicher nicht geben. Doch das Geld wird dringend gebraucht. In diesem Jahr besonders für Kinder in aller Welt. Viele gehen seit der Pandemie nicht mehr zur Schule. Sie arbeiten, um die Familie mit zu ernähren. Und das Schulessen war oft die einzige gesicherte Mahlzeit.

Darum heißt das diesjährige Motto: "Kindern Zukunft schenken". Die Kollekte dazu wird, zum allerersten Mal, online gesammelt, auf der Internetseite von "Brot für die Welt". In der Hoffnung, dass viele Menschen diese Möglichkeit nutzen werden. Um vom Licht der Weihnacht etwas leuchten zu lassen, weltweit. Gerade jetzt. Das hofft Cornelia Biesecke, aus Eisenach und evangelisch.

Mittwoch, 28. Oktober: Gegen die Einsamkeit

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." (1. Mose 2,18)

Diesen Satz aus der Bibel habe ich bislang immer nur mit Hochzeiten in Verbindung gebracht. Doch seit Corona hat er für mich einen ganz neuen Klang bekommen. Da ist zum Beispiel Frau Krüger. Hoch in ihren Achtzigern, freundlich und zurückhaltend. Frau Krüger wurstelt sich so recht und schlecht durch den Alltag. Sie wohnt im 5. Stock, weil sie den Blick ins Grüne liebt. Im Haus hat sie kaum Kontakte. Sie bittet auch ungern um Hilfe. "Nein danke - das schaffe ich schon," sagt sie freundlich, wenn ihr jemand helfen will. Obwohl der tägliche Einkauf längst mühsam geworden ist.

Solche Frau Krügers gibt es viele. Besonders in Großstädten. Sie leben allein, die Familie ist weit verstreut. Da ist der tägliche Einkauf oder der Seniorentreff einmal im Monat oft der einzige Sozialkontakt.

Durch Corona ist auch das nun noch viel mehr eingeschränkt. Viele ältere Menschen bleiben lieber daheim, aus Angst vor Ansteckung. So wird die Corona-Pandemie auch zu einer Pandemie der Einsamkeit. Gerade jetzt, wo die Fallzahlen wieder in die Höhe schnellen, wächst auch wieder die Gefahr, zu vereinsamen.

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei."  Eben drum sollten wir aufeinander achten, mehr als sonst. Für Frau Krüger hat sich übrigens was Schönes ergeben: Sie bekommt jetzt zweimal pro Woche einen Telefonanruf von einer Dame aus der Kirchengemeinde. Ein freundlicher Plausch, kein großer Aufwand. Doch er tut gut, übrigens allen beiden.

Mehr davon wünscht sich Cornelia Biesecke, aus Eisenach und evangelisch.


Dienstag, 27. Oktober: Warme Decke

Fünfundachtzig Jahre ist die alte Dame geworden. Ich besuche sie zum Geburtstag. Ihr Gesicht ist voller Falten und erzählt von einem bewegten Leben. Sie hat wirklich viel erlebt. Als Kind die schlimme Zeit der Flucht aus der Heimat in Ostpreußen. Der schwierige Anfang in der neuen Heimat, hier in Thüringen. Von den Einheimischen oft misstrauisch als Umsiedler beäugt.

Doch es gab auch viel Gutes. Zum Beispiel ihren Hans, mit dem sie fast sechzig Jahre glücklich verheiratet war. Ihre Kinder, Enkel, inzwischen schon Urenkel. Die sie alle oft und gerne besuchen.

"Ich zeig Ihnen mal was", sagt sie und öffnet die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Über dem Bett hängt ein Bild. Darauf liegt in Kind in einem weißen Gitterbettchen. Um das Bett herum stehen hohe schlanke Gestalten. Engel. Darunter steht in geschwungener Schrift: "Abends, will ich schlafen geh, vierzehn Engel um mich stehn..." Das kenne ich. Das ist der Abendsegen aus der Oper "Hänsel und Gretel".

"Das Bild hab ich schon mein Leben lang", erzählt die alte Dame. "Und für mich war dieses Bild mit den Engeln immer wie eine warme Decke. Die mich einhüllt und schützt, egal, was kommt. So geborgen wie dieses Kind habe ich mich immer gefühlt, wenn ich an die Engel gedacht habe."

Wie die Engel sie wohl begleitet haben, zum Beispiel damals auf der Flucht? Vielleicht haben sie ihr trotz Kälte und Hunger einen guten Schlaf geschenkt? Ich weiß es nicht. Die alte Dame scheint es so zu fühlen. Ich kneife die Augen ein bisschen zusammen. Und da kann auch ich sie sehen: die Engel in ihrem Herzen. Einen guten Tag wünscht Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach und evangelisch

Montag, 26. Oktober: Glauben ist das halbe Leben

Ordnung ist das halbe Leben. Das kann schon sein, aber höchstens die Hälfte des Lebens ist ordentlich planbar oder erwartbar. Die andere Hälfte ist Glauben - und das ist die interessantere - behaupte ich.

Denn in diese Glaubenshälfte des Lebens gehören auch alle anderen Dinge hinein, die sich an keine Ordnung halten, aber manchmal sooo schön sind.

Zum Beispiel die Liebe. Wenn meine Tochter frühmorgens miesepetrig ihren Ranzen packt und kaum die Zähne auseinander kriegt, dann denke ich - na, der Tag geht ja super los. Doch mit einem Mal kriege ich einen dicken Kuss von ihr. So im Vorbeigehen. Völlig überraschend. Und das ist toll!

Natürlich brauche ich auch die andere Hälfte, die ordentliche. Manchmal bin ich froh, wenn ich weiß, was kommt. Wenn etwas planbar ist. Denn Struktur ist ja auch wichtig. Gibt mir Halt. Aber schöner finde ich das unordentliche, das überraschende, was ich nicht erwarten oder planen kann. Und das finde ich  in der Liebe, in der Hoffnung und beim Glauben erst recht .

Also: Ordnung ist gut und richtig. Aber sie ist nur das halbe Leben. Da fehlt die andere Hälfte. Nur dann ist es erfülltes Leben. Mit all den überraschenden Dingen, die mein Herz ganz weit machen.Von denen wünsche ich uns heute welche.Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach und evangelisch.

Sonntag 25. Oktober: Den Feiertag heiligen

Ihr Mittagsschlaf ist meiner Mutter heilig. Ich hüte mich, sie in dieser Zeit anzurufen. Weil ich weiß, dass sie diese kleine Auszeit braucht, um  Kraft zu tanken kann für den Rest des Tages. Mit über achtzig sei ihr das gegönnt. Meiner Freundin ist ihr Waldlauf heilig. Jedes Wochenende läuft sie kilometerweit bei Wind und Wetter durch die Natur. "Da kriege ich den Kopf frei", sagt sie. "Die Zeit dafür, die nehme ich mir."

Und mir ist der Sonntag heilig. Klar sehe ich manchmal seufzend auf den Wäscheberg, der sich unter der Woche angehäuft hat oder auf den Papierstapel, der auf dem Schreibtisch liegt und nach Erledigung schreit. Aber nein, nicht am Sonntag. Da lasse ich fünfe grade sein. Da mache ich, wozu ich Lust habe: kochen, lesen, spazieren gehen, Zeit für Familie. Das muss sein. Denn sonst gibt es ja gar keinen Unterschied zu den Alltagen. Und ich drehe mich nur noch wie im Hamsterrad.

"Du sollst den Feiertag heiligen," so heißt es im 3. Gebot.

Ein Gebot als Geschenk. Nämlich: Dass es Zeit geben möge, die mir heilig ist. Die mir Freiheit gibt, Pause von der Pflicht, Zeit für Dinge, die mir guttun. Als Christin auch Zeit für Gott, denn Gottesdienst gehört für mich auch zu den Dingen, die mir heilig sind.In diesem Sinne - einen heiligen Sonntag heute! Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach und evangelisch.

Biografie Cornelia Biesecke * 1965 geboren
* aufgewachsen in Staßfurt
* nach dem Abitur Ausbildung als Krankenschwester
* Studium der evangelischen Theologie in Jena
* Vikariat in Unterpörlitz bei Ilmenau
* ein Jahr Zusatzvikariat bei der Thüringer Kirchenzeitung "Glaube und Heimat"
* ein halbes Jahr Aufenthalt in den USA, Schwerpunkt: Kirchliche Arbeit in sozialen Brennpunkten
* arbeitet derzeit als Gemeindepfarrerin und Klinik-Seelsorgerin in Eisenach
* verheiratet, ein Sohn, eine Tochter
* Hobbys: Raus ins Grüne, Krimis lesen, neue Kochrezepte kreieren, die die Familie probieren muss

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 29. Oktober 2020 | 06:20 Uhr