Wort zum Tag Augenblick mal

Täglich um 6:20 und 9:20 Uhr hören Sie bei MDR THÜRINGEN - Das Radio "Augenblick mal", das Wort zum Tag. In dieser Woche spricht es Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach
Täglich hören Sie das Wort zum Tag bei MDR THÜRINGEN - Das Radio. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Dienstag, 27. Oktober: Warme Decke

Fünfundachtzig Jahre ist die alte Dame geworden. Ich besuche sie zum Geburtstag. Ihr Gesicht ist voller Falten und erzählt von einem bewegten Leben. Sie hat wirklich viel erlebt. Als Kind die schlimme Zeit der Flucht aus der Heimat in Ostpreußen. Der schwierige Anfang in der neuen Heimat, hier in Thüringen. Von den Einheimischen oft misstrauisch als Umsiedler beäugt.

Doch es gab auch viel Gutes. Zum Beispiel ihren Hans, mit dem sie fast sechzig Jahre glücklich verheiratet war. Ihre Kinder, Enkel, inzwischen schon Urenkel. Die sie alle oft und gerne besuchen.

"Ich zeig Ihnen mal was", sagt sie und öffnet die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Über dem Bett hängt ein Bild. Darauf liegt in Kind in einem weißen Gitterbettchen. Um das Bett herum stehen hohe schlanke Gestalten. Engel. Darunter steht in geschwungener Schrift: "Abends, will ich schlafen geh, vierzehn Engel um mich stehn..." Das kenne ich. Das ist der Abendsegen aus der Oper "Hänsel und Gretel".

"Das Bild hab ich schon mein Leben lang", erzählt die alte Dame. "Und für mich war dieses Bild mit den Engeln immer wie eine warme Decke. Die mich einhüllt und schützt, egal, was kommt. So geborgen wie dieses Kind habe ich mich immer gefühlt, wenn ich an die Engel gedacht habe."

Wie die Engel sie wohl begleitet haben, zum Beispiel damals auf der Flucht? Vielleicht haben sie ihr trotz Kälte und Hunger einen guten Schlaf geschenkt? Ich weiß es nicht. Die alte Dame scheint es so zu fühlen. Ich kneife die Augen ein bisschen zusammen. Und da kann auch ich sie sehen: die Engel in ihrem Herzen. Einen guten Tag wünscht Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach und evangelisch

Montag, 26. Oktober: Glauben ist das halbe Leben

Ordnung ist das halbe Leben. Das kann schon sein, aber höchstens die Hälfte des Lebens ist ordentlich planbar oder erwartbar. Die andere Hälfte ist Glauben – und das ist die interessantere – behaupte ich.

Denn in diese Glaubenshälfte des Lebens gehören auch alle anderen Dinge hinein, die sich an keine Ordnung halten, aber manchmal sooo schön sind.

Zum Beispiel die Liebe. Wenn meine Tochter frühmorgens miesepetrig ihren Ranzen packt und kaum die Zähne auseinander kriegt, dann denke ich - na, der Tag geht ja super los. Doch mit einem Mal kriege ich einen dicken Kuss von ihr. So im Vorbeigehen. Völlig überraschend. Und das ist toll!

Natürlich brauche ich auch die andere Hälfte, die ordentliche. Manchmal bin ich froh, wenn ich weiß, was kommt. Wenn etwas planbar ist. Denn Struktur ist ja auch wichtig. Gibt mir Halt. Aber schöner finde ich das unordentliche, das überraschende, was ich nicht erwarten oder planen kann. Und das finde ich  in der Liebe, in der Hoffnung und beim Glauben erst recht .

Also: Ordnung ist gut und richtig. Aber sie ist nur das halbe Leben. Da fehlt die andere Hälfte. Nur dann ist es erfülltes Leben. Mit all den überraschenden Dingen, die mein Herz ganz weit machen.Von denen wünsche ich uns heute welche.Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach und evangelisch.

Sonntag 25. Oktober: Den Feiertag heiligen

Ihr Mittagsschlaf ist meiner Mutter heilig. Ich hüte mich, sie in dieser Zeit anzurufen. Weil ich weiß, dass sie diese kleine Auszeit braucht, um  Kraft zu tanken kann für den Rest des Tages. Mit über achtzig sei ihr das gegönnt. Meiner Freundin ist ihr Waldlauf heilig. Jedes Wochenende läuft sie kilometerweit bei Wind und Wetter durch die Natur. "Da kriege ich den Kopf frei", sagt sie. "Die Zeit dafür, die nehme ich mir."

Und mir ist der Sonntag heilig. Klar sehe ich manchmal seufzend auf den Wäscheberg, der sich unter der Woche angehäuft hat oder auf den Papierstapel, der auf dem Schreibtisch liegt und nach Erledigung schreit. Aber nein, nicht am Sonntag. Da lasse ich fünfe grade sein. Da mache ich, wozu ich Lust habe: kochen, lesen, spazieren gehen, Zeit für Familie. Das muss sein. Denn sonst gibt es ja gar keinen Unterschied zu den Alltagen. Und ich drehe mich nur noch wie im Hamsterrad.

"Du sollst den Feiertag heiligen," so heißt es im 3. Gebot.

Ein Gebot als Geschenk. Nämlich: Dass es Zeit geben möge, die mir heilig ist. Die mir Freiheit gibt, Pause von der Pflicht, Zeit für Dinge, die mir guttun. Als Christin auch Zeit für Gott, denn Gottesdienst gehört für mich auch zu den Dingen, die mir heilig sind.In diesem Sinne – einen heiligen Sonntag heute! Pfarrerin Cornelia Biesecke aus Eisenach und evangelisch.

Biografie Cornelia Biesecke * 1965 geboren
* aufgewachsen in Staßfurt
* nach dem Abitur Ausbildung als Krankenschwester
* Studium der evangelischen Theologie in Jena
* Vikariat in Unterpörlitz bei Ilmenau
* ein Jahr Zusatzvikariat bei der Thüringer Kirchenzeitung "Glaube und Heimat"
* ein halbes Jahr Aufenthalt in den USA, Schwerpunkt: Kirchliche Arbeit in sozialen Brennpunkten
* arbeitet derzeit als Gemeindepfarrerin und Klinik-Seelsorgerin in Eisenach
* verheiratet, ein Sohn, eine Tochter
* Hobbys: Raus ins Grüne, Krimis lesen, neue Kochrezepte kreieren, die die Familie probieren muss

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 25. Oktober 2020 | 06:20 Uhr