Eine Gruppe junger Frauen macht ein Selfie
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MDRfragt Ein Viertel glaubt, junge Generation wird bei Zukunftsfragen allein gelassen

29. November 2023, 05:00 Uhr

Die Folgen des Klimawandels und der demografischen Entwicklung werden viel diskutiert – aber wird die junge Generation mit der Bewältigung dieser Themen von den Älteren im Stich gelassen? Im neuen Stimmungsbild von MDRfragt bejaht das jede und jeder Vierte. Unter den jüngeren Befragten sieht das sogar eine deutliche Mehrheit so. Haben wir derzeit also einen Generationen-Konflikt? Auch dazu ergibt sich aus den Antworten der mehr als 24.000 Befragten aus Mitteldeutschland ein klares Meinungsbild.

MDR-Redakteurin Franziska Höhnl
MDR-Redakteurin Franziska Höhnl Bildrechte: MDR / David Sievers

Sind ältere Generationen unsolidarisch für die Belange der Jüngeren?

"Die Lasten, die zukünftige Generationen zu tragen haben durch Klimawandel und demografischen Wandel, sind den meisten Senioren nicht bewusst", findet MDRfragt-Mitglied Uwe (56) aus Leipzig. Im aktuellen Meinungsbild zum Verhältnis der Generationen gehört er zu dem guten Viertel der Befragten, die finden, die älteren Generationen ließen die Jugend von heute bei der Bewältigung wichtiger Zukunftsthemen tendenziell im Stich. Das lässt sich aus seiner Sicht auch am politischen Handeln ablesen: "Keine Partei traut sich, notwendige Reformen in der Rentenpolitik, Rentenfinanzierung, et cetera anzusprechen oder umzusetzen", begründet Uwe seine Sicht.

Vor allem die Unter-30-Jährigen sehen ihre Generation mit Zukunftsfragen allein gelassen

Dabei zeigt das MDRfragt-Meinungsbild auch: Je jünger die Befragten sind, desto eher haben sie das Gefühl, die jüngere Generation sei bei der Bewältigung wichtiger Zukunftsthemen auf sich allein gestellt. Zum Vergleich: Bei den Unter-30-Jährigen sehen das knapp zwei Drittel so. Bei den Über-65-Jährigen liegt dieser Anteil nur bei 15 Prozent.

Jüngere bei Zukunftsthemen im Stich gelassen Anteil Zustimmung
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Die 19 Jahre alte Annelie aus Halle meint, es dürfe nicht verallgemeinert werden und es dürften auch nicht nur die Belange der jungen Generation im Fokus stehen. Gleichzeitig sieht sie, dass ältere Menschen einfach einen anderen Bezug zu bestimmten Zukunftsthemen haben: "Für die ältere Generation ist der Klimawandel einfach weiter weg. Sie müssen sich nicht darum sorgen, was 2050 hier abgeht. Für sie zählt – absolut verständlich – das Hier und Jetzt." Es müsse daher um eine Politik gehen, die mehrere Dinge ausgleiche: "Wir brauchen jetzt höhere Löhne, niedrigere Preise, mehr Rente, weniger Staatsschulden", findet Annelie.

Zur Einordnung der Ergebnisse Die Ergebnisse von MDRfragt werden nach wissenschaftlichen Kriterien gewichtet, um die Aussagekraft zu erhöhen.

Die MDRfragt-Ergebnisse sind nicht repräsentativ.

Bei der Gewichtung wird die Verteilung von verschiedenen Merkmalen wie Alter, Abschluss oder Geschlecht unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern so ausgeglichen, dass sie der Verteilung in der mitteldeutschen Bevölkerung entsprechen.

Die Befragten geben oft nicht nur ihre grundsätzliche Position an. Sie begründen diese in den Kommentarspalten. Das erlaubt dem Team vom Meinungsbarometer MDRfragt, die Argumente der verschiedenen Meinungsspektren aufzuzeigen.

MDRfragt wird wissenschaftlich begleitet.

Um die Frage, ob die junge Generation in unserer Gesellschaft zu wenig gehört und wahrgenommen wird, drehte sich auch eine Ausgabe von "Fakt ist!" aus Magdeburg. Bei dem Bürgertalk "Die unerhörte Jugend – der neue Generationenkonflikt" saßen nicht nur zahlreiche MDRfragt-Mitglieder im Publikum und konnten sich während der Diskussion zu Wort melden. Mit Andreas Gutknecht aus Bad Dürrenberg war auch ein MDRfragt-Mitglied auf dem Podium dabei und diskutierte mit den Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Forschung.

Seine Sicht auf die junge Generation: Die meisten, die er kenne, seien intelligent, engagiert und anspruchsvoll. Die gesamte Diskussion kann im folgenden Video nachgeschaut werden:

"Fakt ist!" aus Magdeburg zum Generationenkonflikt

FAKT ist! aus Magdeburg 60 min
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60 min

Fakt ist! Mo 27.11.2023 22:10Uhr 60:04 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Häufiges Gegenargument: Ältere haben Wohlstand aufgebaut

Die Mehrheit der Befragten unseres aktuellen Stimmungsbildes sieht hingegen nicht, dass die jüngere Generation mit den großen Zukunftsthemen im Stich gelassen wird: "Die Älteren haben meistens sowieso umweltbewusst und sparsamer agiert, mehr Mühe und Unbequemlichkeit auf sich genommen,", schreibt etwa Iris (65) aus Erfurt.

"Überwiegend würde ich nicht sagen, dass die ältere Generation unsolidarisch gegenüber der jüngeren Generation handelt", kommentiert Vivien (23) aus dem Erzgebirgskreis. Aus ihrer Sicht liegt der Eindruck manchmal eher daran, wie die Jüngeren auf die Themen blicken: "Die Jüngeren sind oft schnell darin Ansprüche zu stellen, davor sollte man vielleicht auch aber erstmal selber was leisten und beitragen." Und Julia (33) aus dem Landkreis Zwickau argumentiert: "Wie könnten sie unsolidarisch sein, wenn sie das Sozialsystem am Laufen halten und den Wohlstand durch ihre Arbeit aufgebaut haben?"

Viele sehen bei Zukunftsthemen eher Politik in der Pflicht

Und MDRfragt-Mitglied Karl (24) aus Chemnitz findet: Bei der Frage, ob die junge Generation bei Zukunftsthemen im Stich gelassen werde, gehe es nicht um die ältere Bevölkerung, sondern um "die überwiegend Verantwortlichen in der Politik". Und auch viele andere MDRfragt-Mitglieder sehen den Fokus eher bei den Politikerinnen und Politikern: "Die Politik scheint blind gegenüber dem demografischen Wandel. Es wird weder genug gegen den drohenden Lehrermangel getan noch für ausreichend bezahlbare Alten- und Seniorenheime gesorgt", schrieb etwa Thomas (35) aus Erfurt.

Mehrheit sieht einen Generationenkonflikt

Unabhängig von der Frage, ob die jüngere Generation zu wenig Solidarität bei Zukunftsthemen bekommt, wollten wir von den MDRfragt-Mitgliedern wissen, ob sie derzeit einen Konflikt zwischen Jung und Alt in unserer Gesellschaft wahrnehmen. Knapp zwei Drittel der Befragten sehen das tendenziell so. Weniger als jede und jeder Dritte sieht eher keinen Generationenkonflikt.

Generationen-Konflikt derzeit vorhanden
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Dabei finden sich je nach Perspektive auch verschiedene Argument, woran sich dieser Konflikt festmacht.

Manche beklagen mangelnden Respekt für Ältere

Manche sehen ein Problem darin, dass es der Jugend von heute an Respekt vor dem Alter mangele. "Die Jugendlichen haben vergessen, dass die ältere Generation ihr gutes Leben erst ermöglicht hat und Erfahrungen werden ignoriert", meint etwa Christine (72) aus dem Vogtlandkreis. Und auch Carsten (52) aus Erfurt meint, es fehle an Respekt und der Grundlage für das gesellschaftliche Miteinander: "Es geht ständig um Abgrenzung zum 'Alter' anstatt um Anerkennung, gegenseitige Unterstützung und Profitieren von den Älteren."

Dazu passt das Umfrage-Ergebnis, dass die Befragten am ehesten finden, es werde mehr Rücksicht von der älteren Generation für die junge Generation erwartet als umgekehrt. So meint jede und jeder Dritte, es werde eher erwartet, dass Ältere auf Jüngere Rücksicht nähmen. Ein Viertel der Befragten meint, Jüngere müssten eher Rücksicht auf Ältere nehmen. Ein Drittel meint: Rücksicht werde von beiden Altersgruppen gleichermaßen erwartet.

Erwartete Rücksichtnahme zwischen Altersgruppen
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Jüngere sehen fehlende Anerkennung ihrer Altersgruppe

Umgekehrt gibt es auch MDRfragt-Mitglieder, die eher den Respekt gegenüber der Jugend vermissen. Einer von ihnen ist Oliver (39) aus dem Landkreis Meißen: "Die ältere Generation erwartet aus meiner Sicht vorauseilend Respekt von der jüngeren. Das kann aber nicht funktionieren. Denn wenn ich den jungen Menschen keinen Respekt entgegenbringe, kann ich nicht erwarten, dass etwas zurückkommt."

Dass die Erfahrungen einer Generation nicht ernst genommen werden, erlebe die Jugend seit jeher, meint unter anderem Nicolas (33) aus Erfurt. "Die Eigenleistung und Erfahrungen der jungen Menschen werden ihnen abgesprochen und sie werden regelmäßig entmündigt, indem zum Beispiel gefordert wird, dass sie 'erstmal was leisten müssten', um mitsprechen zu dürfen." Manche MDRfragt-Mitglieder argumentieren dabei auch mit ihren persönlichen Erfahrungen: "Besonders von Älteren werde ich als weniger kompetent wahrgenommen, meine Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen werden weniger ernst genommen", schildert etwa Li (25) aus dem Landkreis Wittenberg.

Wenn ich den jungen Menschen keinen Respekt entgegenbringe, kann ich nicht erwarten, dass etwas zurückkommt.

MDRfragt-Mitglied Oliver (39), Landkreis Meißen

Und Dania (20) aus Erfurt findet, es sei mitunter Kalkül dabei, die Geschichte von der "faulen Generation Z" zu verbreiten, die "keinen Bock auf Arbeit" habe: "Nur weil man sich vom eigenen Leben etwas mehr als eine 45-Stunden-Woche und monotone Arbeit erhofft hat". Die junge Erfurterin erklärt sich manche Vorbehalte mit persönlicher Verbitterung derjenigen, die auf die Generation Z, also die Unter-26-Jährigen schimpfen.

Was jene sagen, die keinen Generationenkonflikt sehen

Doch es gibt auch einige Befragte, die keinen ausgewachsenen Konflikt zwischen Jung und Alt erkennen: "Ich denke, dass es gar keinen Konflikt gibt. Mein Jahrgang war einfach sehr geburtenschwach. Dass dadurch viele Stellen unbesetzt bleiben, ist ja die logische Konsequenz", meint Finnja (21) aus Jena.

Michael (40) aus Leipzig schreibt hingegen, er wisse aus seiner eigenen Jugend, dass die älteren Generationen schon immer kritisch auf die nächsten Generationen geblickt hätten. Gleichzeitig gelte: "Neue Ideen und Herangehensweisen waren selten schlecht und außerdem sind die jungen Menschen in meinen Augen mittlerweile vernünftiger, als wir es damals waren."

Jüngere haben schlechteres Image

Mit seiner Einschätzung, dass die Jugend von heute vernünftiger sei als die, der er selbst angehörte, passt nicht zu dem Bild, das oft bei Debatten über die Unter-26-Jährigen, also die Generation Z, gezeichnet wird. Sie sei anspruchsvoll, weniger leistungsbereit oder egoistisch, wird dann oft als Argument genannt. Wir wollten wissen, wie die MDRfragt-Gemeinschaft das gesellschaftliche Image der jungen und alten Generation einschätzt.

Dabei zeigt sich: Die Befragten glauben, die ältere Generation im Ruhestandsalter wird gesellschaftlich deutlich positiver gesehen als die Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Egoismus wird eher bei Generation Z vermutet

Ein Beispiel: Gut vier Fünftel meinen, dass die Generation Z als egoistisch wahrgenommen wird. Dabei halten die jüngeren Befragten das Image ihrer Altersgruppe in Sachen Egoismus für noch negativer (89 Prozent), während die Über-65-Jährigen etwas seltener wahrnehmen, dass die Jungen mit diesem gesellschaftlichen Vorurteil konfrontiert sind (76 Prozent).

„Jüngere sind egoistisch“ Gesellschaftliches Image
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Umgekehrt meint knapp ein Drittel der Befragten, die ältere Generation werde als egoistisch wahrgenommen. Auch hier sehen das die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwas häufiger so (37 Prozent) als die Über-65-Jährigen (29 Prozent).

„Ältere sind egoistisch“ Gesellschaftliches Image
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Warum hat die Gen Z so ein schlechtes Image?

Viele, die meinen, die junge Generation werde mit verschiedenen schlechten Vorurteilen betrachtet, haben uns geschrieben, dass sie persönlich anders auf die Jugend von heute blicken. Beispielhaft dafür steht Steve (34) aus dem Landkreis Görlitz: "Meine Meinung ist deutlich positiver als ich den Schnitt vermute. Das Bild einer faulen Generation teile ich nicht und ich habe das Gefühl, dass die eigene Vergangenheit sehr verklärt wird."

Einige Befragte, die selbst dieser Altersgruppe angehören, sind diese Vorurteile mehr als leid.

So schreibt Dorotheé (25) aus Halle: "Dabei haben wir Verallgemeinerungen wie 'die jungen Menschen sind alle faul' satt. So viele von uns arbeiten seit Jahren, streben nach Aufstieg. Nur soll dabei Freizeit, Freunde und Familie nicht zu kurz kommen." Und die gleichaltrige Li aus dem Landkreis Wittenberg meint: "Ich gehöre selbst zur Generation Z und bin es mehr als leid, dass meiner Generation pauschal Egoismus, Faulheit und ähnliches nachgesagt wird. Am Ende ist es eben wie überall: Jede Generation hat ihre schwarzen Schafe."

Es gibt in jeder Generation unterschiedliche Nutzung des wertvollen Menschenverstandes. Von sinnvoll bis egoistisch-gierig.

MDRfragt-Mitglied Helfried (75), Landkreis Bautzen

Manche MDRfragt-Mitglieder, die schon länger erwachsen sind, drücken sogar explizit ihre Wertschätzung für die junge Generaton aus: "Ich beneide und bewundere sie, dass sie den Mut haben, sich nicht mehr ausbeuten zu lassen und nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance streben", meint etwa Grit (54) aus Mittelsachsen.

Andere Befragte kommentieren hingegen, dass sie das gesellschaftliche Bild der Generation Z teilen. "Unter den jungen Leuten von heute gibt es viele 'Weicheier'", findet etwa Michael (41) aus Nordsachsen. Und Sandy (39) aus Leipzig schreibt: "Ich glaube, die heutigen jungen Leute sind 'verwöhnt' bis zum 'geht nicht mehr'. Diese jungen Leute sollten wieder ihre Pflichten lernen."

Und einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Meinungsbarometers plädieren dafür, auf Pauschalaussagen über verschiedene Altersgruppen zu verzichten. So wie Helfried (75) aus dem Landkreis Bautzen: "Ich bin gegen Verallgemeinerung. Es gibt in jeder Generation unterschiedliche Nutzung des wertvollen Menschenverstandes. Von sinnvoll bis egoistisch-gierig."


Über diese Befragung Die Befragung vom 17. bis 20. November 2023 stand unter der Überschrift:
Generation Z: Versteht niemand mehr die Jugend von heute?

Insgesamt sind bei MDRfragt 65.953 Menschen aus Mitteldeutschland angemeldet (Stand 23. November 2023, 18:00 Uhr).

24.415 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben online an dieser Befragung teilgenommen.

Verteilung nach Altersgruppen:
16 bis 29 Jahre: 341 Teilnehmende
30 bis 49 Jahre: 3.331 Teilnehmende
50 bis 64 Jahre: 10.099 Teilnehmende
65+: 10.644 Teilnehmende

Verteilung nach Bundesländern:
Sachsen: 12.647 (52 Prozent)
Sachsen-Anhalt: 5.840 (24 Prozent)
Thüringen: 5.928 (24 Prozent)

Verteilung nach Geschlecht:
Weiblich: 10.874 (44,5 Prozent)
Männlich: 13.480 (55 Prozent)
Divers: 61 (0,3 Prozent)

Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat nach den statistischen Merkmalen Bildung, Geschlecht und Alter gewichtet. Das heißt, dass wir die Daten der an der Befragung beteiligten MDRfragt-Mitglieder mit den Daten der mitteldeutschen Bevölkerung abgeglichen haben.

Aufgrund von Rundungen kann es vorkommen, dass die Prozentwerte bei einzelnen Fragen zusammengerechnet nicht exakt 100 ergeben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! Aus Magdeburg | 27. November 2023 | 22:10 Uhr