MDRfragt - Das Meinungsbarometer für Mitteldeutschland Viel zu tun: Sachsen-Anhalter sehen sich als Schlusslicht

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Ob Digitalisierung, Bildung oder Verkehrsinfrastruktur: Im mitteldeutschen Vergleich stellen die Sachsen-Anhalter ihrem Bundesland in so gut wie allen Politik-, Gesellschafts- und Wirtschaftsbereichen das schlechteste Zeugnis aus. In den Augen der MDRfragt-Teilnehmer gibt es für die nächste Landesregierung also viel zu tun.

Nach wie vor ist die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen in Mitteldeutschland ein Thema. Dabei gehen die Sachsen-Anhalter davon aus, dass ihr Bundesland für junge Menschen besonders unattraktiv ist: Mehr als zwei Drittel (69 %) denken, dass es für die Jugend nach Ausbildung oder Studium kaum Gründe gibt, in Sachsen-Anhalt zu bleiben. In Sachsen sind zum Beispiel nur 51 Prozent dieser Meinung.

Eigenes Bundesland ist unattraktiv
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Warum so viele Sachsen-Anhalter dieser Ansicht sind, zeigen die Kommentare:

Sachsen-Anhalt ist für Menschen mit einer Ausbildung unattraktiv, da man hier nicht viel verdient nach der Lehre und schlechtere Konditionen hat, weniger Urlaub, mehr Wochenstunden, kein Urlaubs-/Weihnachtsgeld usw. Für Menschen mit einem Studium ist Sachsen-Anhalt auch nicht attraktiv, da es hier kaum Industrie oder große Firmen gibt, wo die vielen Ingenieure arbeiten könnten und angemessen bezahlt werden würden. Man hätte Firmen wie Tesla oder das Batteriewerk von VW nach Sachsen-Anhalt holen müssen, statt dessen bekommen wir Amazon, damit der Niedriglohn-Sektor noch stärker wird!

Student, Jg. 1983, aus Magdeburg

Gut bezahlte attraktive Arbeitsplätze statt Billiglohnimage, welches wir unserem jetzigen MP zu verdanken haben. Schöne Landschaften und Historie reichen nicht, um junge Menschen zu halten oder ins Land zu holen.

Teilnehmer, Jg. 1959, aus Halle

Schlechte Jobperspektiven in vielen Branchen, vor allem in der Wirtschaft und niedrigere Löhne als im Westen und im allgemeinen tote Innenstädte in kleineren Ortschaften

Teilnehmer, Jg. 1994, aus Halle

Zu viele Jobs im Niedriglohnsektor

Es gebe vor allem Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor, etwa in der Logistik – lautet ein Vorwurf vieler Teilnehmer. Im mitteldeutschen Vergleich sind die Sachsen-Anhalter mit der Ansiedlungspolitik in ihrem Bundesland besonders unzufrieden. 63 Prozent finden, die Landesregierung habe nicht genug getan, um Unternehmen in die Region zu holen. In Sachsen finden das weniger als die Hälfte, 45 Prozent.

Unzufriedenheit Ansiedlungspolitik
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Zwei Drittel mit medizinischer Versorgung zufrieden

Auch beim Thema medizinische Versorgung liegt Sachsen-Anhalt zurück. Zwar finden zwei Drittel der MDRfragt-Teilnehmer aus Sachsen-Anhalt, das Land sei hier gut aufgestellt. Im mitteldeutschen Vergleich ist das jedoch der letzte Platz. Ein Drittel der Teilnehmer ist unzufrieden mit der Versorgungslage.

Zufriedenheit - Medizinische Versorgung
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Ein wichtiger Aspekt bei der medizinischen Versorgung ist die Entfernung bis zum nächsten Arzt oder bis zur nächsten Klinik. Gerade auf dem Land können die Distanzen mitunter groß sein. So gut wie jeder Teilnehmer aus Sachsen-Anhalt – 98 Prozent – spricht sich dafür aus, dass die Politik die Ansiedlung von Ärzten auf dem Land stärker fördern sollte.

Wie das konkret aussehen könnte – darüber haben die Teilnehmer unterschiedliche Vorstellungen:

Weniger Bürokratie für Ärzte, denn gerade Landärzte brauchen jede Minute für die vielen multimorbiden und alten Patienten.

Teilnehmerin - Landkreis Anhalt-Bitterfeld

Unterstützung bei der Finanzierung oder Übernahme einer Arztpraxis.

Teilnehmer – Burgenlandkreis

Auch beim Thema Klinikdichte zeichnet sich ein eindeutiges Bild ab. Zwar wird immer wieder darüber diskutiert, ob es lieber weniger, dafür aber besser spezialisierte Krankenhäuser geben sollte. Fragt man die Sachsen-Anhalter, ist jedoch klar: Dieser Vorstoß findet in der Bevölkerung keinen Rückhalt. 62 Prozent sind der Ansicht, die aktuelle Anzahl der Kliniken müsse aufrechterhalten werden, 26 Prozent wünschen sich sogar zusätzliche Häuser.

Geteilte Meinung beim Thema Umwelt- und Klimaschutz

Beim Umwelt- und Klimaschutz ist eine knappe Mehrheit (51 %) mit der Regierungsarbeit zufrieden. Im mitteldeutschen Vergleich belegt das Land damit erneut den letzten Platz, hinter Sachsen mit 53 Prozent und Thüringen mit 57 Prozent.

Zufriedenheit - Umwelt- und Klimaschutz
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Mehr Engagement wünschen sich die MDRfragt-Teilnehmer aus Sachsen-Anhalt zum Beispiel in der Landwirtschaft: 63 Prozent wünschen sich hier höhere Umweltschutz- und Tierwohlauflagen. Für ein Drittel (33 %) der Befragten sind die aktuellen Regeln ausreichend.

Großer Zuspruch für Energiewende

Insgesamt glaubt eine deutliche Mehrheit der Sachsen-Anhalter – knapp zwei Drittel (64 %) -, dass der Klimawandel in Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahrzehnten stark zu spüren sein wird.

Entsprechend ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich in etwa genauso viele (66 %) für die Energiewende aussprechen – und zwar ungeachtet dessen, dass viele dadurch Einschnitte für das eigene Bundesland befürchten: 39 Prozent der Sachsen-Anhalter gehen davon aus, dass die Energiewende unterm Strich Nachteile mit sich bringen wird – das ist mit Abstand die größte Gruppe. 24 Prozent denken, dass der Strukturwandel eher Chancen bereithält, 19 Prozent denken, dass sich Vor- und Nachteile die Waage halten werden.

Mehrheit sieht ländlichen Raum vernachlässigt

Sachsen-Anhalt ist sehr ländlich geprägt. Jedoch ist eine knappe Mehrheit (51 %) der Ansicht, dass das Landleben hier eher unattraktiv ist. Erneut schneidet Sachsen-Anhalt hier schlechter ab, als die anderen beiden mitteldeutschen Länder.

Ländlicher Raum ist unattraktiv
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Ein Grund für die negative Sicht auf den ländlichen Raum in ihrem Bundesland könnte sein, dass 82 Prozent der Sachsen-Anhalter der Meinung sind, dass nur die beiden Regionen Magdeburg und Halle gefördert werden – der Rest werde zu wenig bedacht. Nur 12 Prozent sehen das anders.

Und so glauben 53 Prozent der MDRfragt-Teilnehmer nicht, dass die ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts in Zukunft noch eine attraktive Lebensperspektive bieten. Immerhin 43 Prozent sind da etwas hoffnungsvoller.

Überall rote Laternen: Bildung, Digitalisierung, Vitalität von Städten und Dörfern

Dabei sind schon jetzt 81 Prozent der Sachsen-Anhalter der Ansicht, in ihren Städten und Dörfern sei wenig los: zu wenig Gastronomie, zu wenig Kultur, zu viel Leerstand. In Sachsen denken das nur 69 Prozent, in Thüringen 75 Prozent. Möglicherweise fühlen sich auch viele Sachsen-Anhalter abgeschnitten - mit der digitalien Infrastruktur sind 79 Prozent im Land unzufrieden. In Sachsen sind es 68 Prozent, in Thüringen 73 Prozent. Und verheerend ist das Ergebnis bei der Bildungspolitik - einzig in Sachsen-Anhalt ist eine Mehrheit mit der Bildung unzufrieden, 56 Prozent. In Thüringen sind es 44 Prozent und in Sachsen gar nur 32 Prozent.

Wunsch nach mehr Tourismusförderung

Sachsen-Anhalt belegt beim Tourismus einen der hinteren Plätze in Deutschland. Kaum verwunderlich, dass entsprechend auch eine deutliche Mehrheit mit den Tourismusanstrengungen im Land unzufrieden sind. 71 Prozent würden sich hier mehr Engagement wünschen: Sie sind der Meinung, dass das Tourismuspotential in ihrem Bundesland nicht ausreichend ausgeschöpft wird. Noch unzufriedener sind in diesem Fall jedoch die Thüringer: Von ihnen sind knapp drei Viertel (74 %) der Meinung, ihr Bundesland hätte touristisch mehr zu bieten.

Tourismuspotential nicht ausgeschöpft
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Bei der Frage, wie der Tourismus in Sachsen-Anhalt gestärkt werden sollte, stimmten 72 Prozent für einen Ausbau von naturnahem Tourismus, zum Beispiel in Form von Wanderwegen. Mehr (Fern-)Radwege wünschen sich knapp zwei Drittel (65 %). Auf einen Ausbau des Wintersports würden nur 6 Prozent setzen, 5 Prozent würden ganz auf einen Ausbau des Tourismus verzichten.

Über diese Befragung Die Befragung lief vom 30.03.-06.04.2021.

An der Befragung haben 21.483 Menschen teilgenommen. Aktuell sind bei MDRfragt 43.917 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen angemeldet.

Verteilung nach Altersgruppen:
16 bis 30 Jahre: 389 Teilnehmende
31 bis 50 Jahre: 3.504 Teilnehmende
51 bis 64 Jahre: 9.048 Teilnehmende
65+: 8.497 Teilnehmende

Verteilung nach Bundesländern:
Sachsen: 11.038 (51 Prozent)
Sachsen-Anhalt: 5.146 (24 Prozent)
Thüringen: 5.254 (25 Prozent)

Verteilung nach Geschlecht:
Männlich: 55 Prozent
Weiblich: 45 Prozent

Die Befragungen sind nicht repräsentativ, aber sie werden nach statistischen Merkmalen wie Geschlecht, Bildung und Alter gewichtet. Die Gewichtung ist eine Methode aus der Wissenschaft bei der es darum geht, die Befragungsergebnisse an die real existierenden Bedingungen anzupassen. Konkret heißt das, dass wir die Daten der Befragungsteilnehmer mit den statistischen Daten der mitteldeutschen Bevölkerung abgleichen.

Wenn also beispielsweise mehr Männer als Frauen abstimmen, werden die Antworten der Männer weniger stark, die Antworten der Frauen stärker gewichtet. Die Antworten verteilen sich dann am Ende so, wie es der tatsächlichen Verteilung von Männern und Frauen in der Bevölkerung Mitteldeutschlands entspricht.

Dabei unterstützt ein wissenschaftlicher Beirat das Team von "MDRfragt". Mit dem MDR Meinungsbarometer soll ein möglichst breites Stimmungsbild der Menschen in Mitteldeutschland eingefangen werden – mit möglichst vielen Teilnehmenden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 11. Mai 2021 | 21:45 Uhr