Studie Wie sich der Religionsunterricht in Sachsen-Anhalt in 30 Jahren entwickelt hat

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Seit dreißig Jahren gibt es in Sachsen-Anhalt Religionsunterricht. Die Martin-Luther-Universität Halle hat in einer Studie untersucht, wie das in einer Region funktioniert, die weitestgehend entkirchlicht ist. Eine Erkenntnis: Religionslehrkräfte unterrichten zum Teil an sechs oder sieben verschiedenen Schulen. Das bringt Probleme mit sich.

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Um es vorwegzunehmen, zu Massentaufen auf Sachsen-Anhalts Schulhöfen kam es nicht, auch wenn es bei der Einführung des Religionsunterrichtes erhebliche Vorbehalte gab, als ginge es darum, den Fahnenappell aus DDR-Zeiten nun durch einen Gottesdienst zu ersetzen.

Möglicherweise hatte ja der eine oder andere Kirchenverantwortliche die stille Hoffnung, mit dem Religionsunterricht der Kirchenferne in Ostdeutschland etwas entgegenzusetzen. Aber das hat sich offenbar nicht erfüllt, ebenso wenig wie die Befürchtung, die Schule würde nun zu einem Ort des Zwangsbetens.

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Religionsunterricht trotzt Bildungsreformen

Zwar war der Start vor dreißig Jahren eher mühsam, doch inzwischen darf der Religionsunterricht als etabliert gelten. Und egal welche Parteien in welcher Konstellation auch immer in Sachsen-Anhalt regierten, am Religionsunterricht wurde wenig herumgewerkelt, trotz aller Bildungsreformen. 

Derzeit ist die CDU-Politikerin Eva Feußner für die Schulen in Sachsen-Anhalt zuständig. Sie sieht im Religionsunterricht ein wichtiges Bildungsangebot, das sich nicht nur an Kinder aus kirchlichen Elternhäuern richtet: "Wir bezeichnen uns als christliches Abendland, das Land Luthers. Das ist schon ein wichtiger Aspekt, auch insbesondere für Sachsen-Anhalt. Viele Texte der Weltliteratur oder auch Kunstwerke wären nicht zu verstehen, wenn man nicht den biblischen Hintergrund kennt. Und man braucht auch bestimmte Werte und Normen des Lebens. Und ich glaube, dass dies an Schulen nicht fehlen darf."

Uni Halle bildet Religionslehrerinnen und -lehrer aus

Soweit die Theorie – in der Schulpraxis zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede. Denn gestaltet sich die Versorgung mit Religionsunterricht in Sachsen-Anhalts Schulen sehr unterschiedlich. Das ist das Ergebnis der Untersuchung von Michael Domsgen, Professor an der theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Dort haben sich derzeit etwa 300 junge Menschen eingeschrieben, um später an Schulen Religion zu unterrichten. Das Fach sei bei Studentinnen und Studenten beliebt, so Professor Domsgen.

In Sachsen-Anhalts Schulalltag sei das Angebot des Religionsunterrichts aber derzeit sehr abhängig von der Schulform: "Wir haben also Licht und Schatten. An Gymnasien findet der Religionsunterricht zu 100 Prozent statt, mit einer Teilnahmequote von fast 30 Prozent. Also jeder dritte Schüler, jede dritte Schülerin nimmt am evangelischen Religionsunterricht teil. Und das ist schon ein Erfolg, zumal ja auch viele dabei sind, die sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen, also die sogenannten konfessionslosen Schülerinnen und Schüler."

Weniger Religionsunterricht an Sekundar- und Grundschulen

Anders hingegen sieht es bei den Sekundarschulen aus. Dort sind es derzeit nur 60 Prozent der Schulen, die in Sachsen-Anhalt Religionsunterricht anbieten und bei den Grundschulen ist es etwa jede dritte Einrichtung, die ein solches Angebot vorhält. Das ist eine Entwicklung, die Professor Domsgen nicht überrascht, denn die Stundentafel der Grundschulen wurde vor einigen Jahren überarbeitet, was mit einer Halbierung der Stunden für den Religionsunterricht einherging, so dass sich jetzt nur noch eine Wochenstunde im Lehrplan findet.

Und das hat Folgen, denn die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten an mehreren Schulen, was die Unterrichtsorganisation nicht gerade erleichtert. Das räumt auch Bildungsministerin Feußner ein. "Wir haben im Land sehr viele kleine Grundschulen. Dort ist ein gewisser Einsatz von Religionslehrern auch nicht ganz so einfach. Man ist ja nicht ständig dann an einer Schule, weil es ja nicht allzu viele Unterrichtsstunden sind. Man muss also viel fahren."

Schulen "leihen" Lehrkräfte von Kirchen

Gerade im Grundschulbereich sind allerdings häufig Lehrkräfte für das Fach Religion angestellt, die über einen sogenannten Gestellungsvertrag von den Kirchen "ausgeliehen" wurden. Sie also bieten nur ein einziges Fach an, nämlich Religion, was im Schulalltag durchaus zu Problemen führen kann.

Aus Sicht von Professor Domsgen ist dies ein Grund für die Versorgungslücken im Grundschulbereich: "Wir haben Lehrkräfte, die von den Kirchen gestellt werden und die sind vor allem in den Grundschulen aktiv. Weil dort aber nur einstündig Religionsunterricht erteilt wird, hat das zur Folge dass sie in sechs bis sieben Schulen unterwegs sind. Und da ist es eben schwer im Kollegium, sich zu verorten oder zu kooperieren, weil die Kräfte einfach nicht reichen."

Wenig katholischer Religionsunterricht in Sachsen-Anhalt

Man könnte also von einer Art schulischen Wanderpredigern reden. Doch noch schwieriger ist die Situation für den katholischen Religionsunterricht. Der Grund in Sachsen-Anhalt ist klar: Im Kernland der Reformation gibt es nur wenige katholische Kinder. Deshalb haben die beiden Kirchen reagiert und verabredet, den Religionsunterricht für beide Konfessionen anzubieten.

Allerdings sind es bislang nur erste Schritte, die auf dem Weg zu einem kooperativen Religionsunterricht gegangen wurden, so Professor Domsgen: "Wir haben jetzt allererste Erfahrung, ganz vorsichtige. Die laufen gut. Die laufen aber auch da, wo eben schon vorher ein kooperatives Wahrnehmen schon stattgefunden hat. Wir haben das noch nicht vollständig evaluiert, aber die ersten Erfahrungen sind sehr ermutigend, vor allem auf der Ebene der Lehrkräfte selber, aber auch von den Schülerinnen und Schülern."

Religionsunterricht wird angenommen

Es gibt Fächer die traditionell unbeliebt sind, Mathematik zum Beispiel oder auch Naturwissenschaften wie zum Beispiel Physik. Wie beliebt eine Fach ist, hängt allerdings auch oft von denjenigen ab, die es unterrichten. Und da scheinen die Religionslehrerinnen und Lehrer einen guten Job zu machen, denn die aktuelle Studie zeigt, dass mehr als drei Viertel der Schülerinnen und Schüler das Angebot des Religionsunterrichts gerne wahrnehmen.

Jedoch zeigte sich nur knapp die Hälfte der Schülerinnen und Schüler überzeugt, dass der Religionsunterricht für ihr Leben eine Relevanz habe. Das allerdings dürfte wohl auch bei vielen anderem Schulfächern ähnlich sein.

MDR (Uli Wittstock,Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Juni 2022 | 12:00 Uhr

2 Kommentare

Basil Disco vor 16 Wochen

Ich kann mich da Anni nur anschließen. Zum weiteren kennenlernen des hier so gefeirten Martin Luther kann ich empfehlen, sich die Broschüre der Giordano-Bruno-Stiftung über ihn zu besorgen und auch einmal als Material im Religionsunterricht einzusetzen. Neben Luthers unbändigem Judenhass werden in der gbs-Broschüre auch die menschenverachtenden Positionen des Reformators gegenüber Frauen, "Hexen", Behinderten und aufständischen Bauern dokumentiert.

Anni22 vor 16 Wochen

Das muss die berühmte Trennung von Kirche und Staat sein. Können die Menschen ihre religiösen Dinge nicht in ihrer Freizeit regeln?
An der Schule sollte es nur Ethik für alle geben. Mittlerweile sind weniger als 50% der Menschen in Deutschland evangelisch oder katholisch. Also Religion gehört nicht in die staatlichen Schulen.

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