Der Wolf in Sachsen-Anhalt – und die Meinung des NABU "Wir müssen uns wieder an einen Tisch setzen"

Im vierten Teil des Themenschwerpunkts zum Wolf berichtet MDR SACHSEN-ANHALT über den Standpunkt des Naturschutzbundes. Der, sagt Geschäftsführerin Annette Leipelt, sorge sich insbesondere um die Landwirte, für die die Rückkehr des Wolfs wirtschaftliche Auswirkungen hat. Vom Land erwartet sie deshalb mehr Hilfe Tierhalter – und wünscht sich eine bessere Streitkultur.

Annette Leipelt und Hartwig von Bach vom NABU Sachsen-Anhalt stehen nebeneinander auf einem Gehweg in Magdeburg.
Sie freuen sich über die Rückkehr des Wolfs nach Sachsen-Anhalt – sehen aber zugleich die Probleme: NABU-Geschäftsführerin Annette Leipelt und Umweltbildungsreferent Hartwig von Bach Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Annette Leipelt will erst gar nicht erst den Eindruck erwecken, den einige mit Blick auf die Meinung des Naturschutzbunds (NABU) zum Wolf haben dürften. "Wir", sagt die Geschäftsführerin des NABU in Sachsen-Anhalt, "haben das Land seit 2015, als die Zahl der Rudel zunahm und Probleme sich abzeichneten, aufgefordert, sich besser aufzustellen, die Kommunikation zu verbessern und das Erreichte nicht zurückzufahren." Jetzt, da die Probleme offensichtlich sind, bedauert Leipelt vor allem eines: dass es an einer vernünftigen Streit- und Diskussionskultur zum Wolf fehlt. "Es hat 2008 so gut angefangen", sagt sie. Viele Leute hätten sich über die Rückkehr des Wolfs gefreut; die, die die Wiederansiedlung des Raubtiers kritisch sahen, hätten konstruktiv ihre Bedenken geäußert, zum Beispiel bei Umwelttischen des NABU. Damals, vor inzwischen zehn Jahren, wurde in Sachsen-Anhalt das erste Wolfsrudel nachgewiesen.

Annette Leipelt sitzt in ihrem Büro in Magdeburg, das voll mit schwarzen Aktenordnern ist. Auf dem Besprechungstisch steht eine Schale mit Spekulatius, im Flur um die Ecke steht ein großer Wolf aus Pappe. Wenn Leipelt erzählt, überschlägt sich ihre Stimme förmlich, so schnell spricht sie. Natürlich sei der NABU dagegen, den Wolf zu schießen, sagt Leipelt und verweist auf die europäische Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie, nach der der Wolf streng geschützt ist. Die Probleme, die mit seiner Rückkehr verbunden sind, will sie trotzdem offensiv ansprechen.

Wir kennen die Probleme an der Basis.

Annette Leipelt, Geschäftsführerin des NABU in Sachsen-Anhalt

Willkommen, Wolf?!

Wer sich im Internet über den Standpunkt des NABU zum Wolf informiert, stößt schnell auf die Seite des Bundesverbands und dessen Kampagne "Willkommen Wolf". Freunde des Wolfs können sich dort als Wolfspaten registrieren lassen oder gar einen virtuellen Willkommensgruß abschicken. Betroffene Landwirte, so die Vermutung, dürften sich davon regelrecht provoziert fühlen. Annette Leipelt sagt, das sei nicht das Ziel der Kampagne. "Wir kennen die Probleme an der Basis", betont sie.

Zu diesen Problemen zählt nach ihrer Einschätzung besonders der Herdenschutz. Bereits vor eineinhalb Jahren hatte sich Leipelt öffentlich dafür stark gemacht, die Anschaffung von Herdenschutzhunden finanziell zu fördern. Inzwischen, da es diese Förderung tatsächlich gibt, ist aber eines klar: Die vom Land angepriesene Unterstützung bei der Anschaffung von Herdenschutzhunden geht an den Bedürfnissen der Tierhalter vorbei. Anders ist es nicht zu erklären, dass bis Anfang April lediglich ein Landwirt einen Antrag auf Förderung gestellt und bewilligt bekommen hat.

Hartwig von Bach ist Umweltbildungsreferent beim NABU. In seiner Freizeit geht er unter anderem auf Jagd. Von Bach vermutet hinter dem geringen Interesse an der Landesförderung, dass viele Tierhalter schon Herdenschutzhunde haben – und deshalb keinen Bedarf sehen, die Förderung in Anspruch zu nehmen. Doch das sei nur ein Problem. Ein anderes: Das Land habe sich nicht mit den Schäfern abgestimmt. Die bevorzugten andere Rassen als die, die tatsächlich gefördert werden.

Auch sonst wünscht sich der NABU Verbesserungen beim Herdenschutz. NABU-Chefin Annette Leipelt kann sich beispielsweise eine Grundförderung für Tierhalter vorstellen – die sich an der Größe der Herde orientiert. Im Klartext: je größer die Herde, desto größer die Förderung. "Akzeptanz kommt wohl leider nur über das Geld", vermutet sie.

Die Wolfsbotschafter des NABU Der NABU Sachsen-Anhalt hat zwölf ehrenamtliche Wolfsbotschafter in seinen Reihen. Einer von ihnen ist Hartwig von Bach, im Hauptberuf Umweltbildungsreferent in der NABU-Geschäftsstelle in Magdeburg. Zu von Bachs Aufgaben zählt, Vorträge über den Wolf zu halten, Öffentlichkeitsarbeit zu machen und nicht zuletzt für Akzeptanz zu werben – dabei aber die Probleme mit dem Wolf außer Acht zu lassen. Von Bach hält seine Vorträge vor allem vor Kindern und Jugendlichen. Nicht zuletzt engagiert er sich in der Naturschutzjugend in Sachsen-Anhalt. Der NABU in Sachsen-Anhalt hat nach eigenen Angaben etwa 7.000 Mitglieder.

"Vom Land kommt zu wenig"

Bei der Zusammenarbeit mit dem Land Sachsen-Anhalt sieht auch Annette Leipelt Nachholbedarf. "Aus Richtung Umweltministerium ist seit 2015 – also bereits in der Vorgängerregierung – zu wenig passiert, dabei waren wir 2013 und 2014 mit dem landesweiten Monitoring und auch mit Präventionsberatung noch gut aufgestellt", sagt die NABU-Geschäftsführerin. Das Land möge sich den Problemen rechtzeitig stellen und zügiger reagieren – nicht erst, wenn es über die Medien hochkocht. "Die Lasten können nicht vor allem die Tierhalter tragen", findet Leipelt.

Es seien Vertreter von Verbänden wie dem NABU oder aber Vertreter des Wolfskompetenzzentrums, die bei öffentlichen Veranstaltungen für "das Aussitzen der Politik" Rede und Antwort stünden und Fragen beantworteten. "Die Politik sollte sich hier in der Öffentlichkeit mehr der Diskussion stellen und nicht zurückziehen und nur auf öffentlichen Druck reagieren", findet Leipelt.

Dazu gehört für sie auch, für die Akzeptanz in der Fläche zu sorgen. Regelmäßig werde sie beim Einkaufen auf den Wolf angesprochen. "Viele denken, dass der NABU für das Wolfskompetenzzentrum zuständig ist", sagt Leipelt. Der Irrglaube hat nach Meinung der Geschäftsführerin auch damit zu tun, dass vom Land zu wenig in der Frage kommt. Und wenn dann mal etwas passiere, dauere es viel zu lange. Trägheit nennt Leipelt das – und verweist darauf, dass der NABU schon jahrelang einen Wolfsmeldebogen im Internet anbietet. Nach ihren Angaben ist es nicht ungewöhnlich, dass ein, zwei ausgefüllte Bögen pro Woche eingehen. Die würden dann an das zuständige Wolfskompetenzzentrum in Iden weitergeleitet. Beim Naturschutzbund machen sie diese Aufgabe gern, weil sie doch eine gewisse Faszination für den Wolf empfinden. Eigentlich aber, macht Leipelt klar, lägen Aufgabe wie diese doch eher beim Land.

Nicht über die Medien miteinander sprechen

Annette Leipelt kommt jetzt noch einmal auf die fehlende Diskussions- und Streitkultur zu sprechen. "Wir müssen uns wieder an einen Tisch setzen und kleinräumig die Strukturen besser vernetzen", sagt sie. "Das fehlt uns." Man müsse wissen, was die andere Seite störe. Nur dann, denkt Annette Leipelt, werden sich alle Beteiligten wieder miteinander unterhalten und nicht über die Medien. Letzteres helfe doch niemandem, meint sie. Sie denkt kurz nach und wiederholt das, was sie schon zu Beginn des Gesprächs gesagt hat: "Wir waren auf so einem guten Weg."

Im fünften und letzten Teil des Themenschwerpunkts Wolf wird MDR SACHSEN-ANHALT am Freitag über die Arbeit des ehrenamtlichen Wolfsbeauftragten Jonas Döhring berichten.

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Anfang 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07.05.2018 | 11:40 Uhr

Quelle: MDR/ld

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