Long Covid Reha-Nachfrage bei ehemaligen Covid-19-Patienten extrem gestiegen

Es ist nur eine Schätzung, aber wenn sie annähernd zutrifft, ist es eine erschütternde Zahl: Bis zu 11.300 Thüringer sind oder waren bisher von Corona-Langzeitschäden betroffen. Es sind Menschen, die teils so schwere Beeinträchtigungen erlitten, dass sie mehrere Wochen und Monate nicht mehr arbeiten konnten. Viele sind auf Hilfe angewiesen, um wieder voll zu gesunden. Doch genau diese Hilfe wird in Thüringen knapp.

Patient bei einer Untersuchung.
Wer nach einer Corona-Infektion Langzeitschäden davonträgt, braucht oft eine Reha, um wieder voll zu gesunden. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Die drei Thüringer Kliniken, die Langzeitschäden nach einer Covid-19-Erkrankung behandeln, haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. "Wir verzeichnen eine extrem gestiegene Nachfrage bei Anschlussheilbehandlungen nach einer Covid-19-Erkrankung und bei Reha-Maßnahmen bei Long Covid-Patienten", sagt Professor Andreas Dösch von der Asklepios Parkklinik Bad Salzungen. Täglich habe er zwei- bis dreimal so viele Neuanträge auf dem Tisch, wie bisher.

Ähnlich sieht es Mark Förste, Verwaltungsleiter des Klinikzentrums Bad Sulza: "Die Nachfrage ist sehr, sehr hoch. Unsere Fachabteilung der Pneumologie ist ausgebucht." Täglich kämen neue Anfragen hinzu, so dass Patienten priorisiert werden müssen. Lange Wartelisten gibt es auch in der Post-Covid-Ambulanz am Uniklinikum Jena. "Obwohl wir erst Anfang des Jahres unsere Terminkapazitäten aufgestockt haben, sind wir aktuell wieder bis zum Sommer ausgebucht", sagt Oberarzt Dr. Philipp Reuken.    

Ein Arzt und ein Patient mit Mundschutz 3 min
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MDR aktuell 21:45 Uhr Di 06.04.2021 21:45Uhr 02:32 min

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Was ist Long Covid bzw. das Post-Covid-Syndrom?

Im Englischen sprechen die Mediziner von "Long Covid", wenn Symptome vier Wochen oder länger nach Beginn der Covid-19-Erkrankung nachhalten. Im Deutschen ist auch die etwas sperrige Bezeichnung "Post-Covid-Syndrom" gebräuchlich.

Ein erhöhtes Risiko für Langzeitfolgen besteht laut RKI für Menschen in einem höheren Alter und mit einem höheren Body-Mass-Index, sowie für Frauen. Besonders oft treten Langzeitfolgen bei Personen mit einem schweren Krankheitsverlauf auf. Aber auch milde Krankheitsverläufe können Langzeitfolgen nach sich ziehen.

Zu den Symptomen von Long Covid zählen unter anderem chronische Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Depressionen, Kopfschmerzen, Atemnot, Konzentrationsstörungen oder der Verlust des Geschmackssinns.

Bis zu 11.300 Thüringer von Langzeitschäden betroffen

Um die steigende Nachfrage von Anschlussheilbehandlungen und Allgemeinen Heilverfahren bei ehemaligen Covid-19-Patienten zu verstehen, braucht es ein bisschen Mathematik: Ausgehend von rund 100.000 Thüringern, die sich mit Corona infiziert haben, rechnen wir zunächst die heraus, die keine Krankheitssymptome ausgebildet haben. Laut RKI manifestiert sich Covid-19 bei 55 bis 85 Prozent aller Infizierten – also bei 55.000 bis 85.000 Thüringer. Zum Verständnis: Das Ausbilden von Symptomen ist laut aktuellen Studien ein wichtiger Indikator für Langzeitschäden.

Legen wir den tatsächlich erkrankten Thüringern nun die Ergebnisse einer internationalen Long Covid-Studie zugrunde, wonach 13,3 Prozent aller Covid-19-Patienten länger als vier Wochen unter Symptomen leiden, so erhalten wir eine vorsichtige Schätzung von 7.300 bis 11.300 Thüringer, die langfristige Beeinträchtigungen nach einer Corona-Infektion erlitten. Der Studie zufolge leiden ferner 2,3 Prozent – also zwischen 1.200 und 2.000 Thüringer – sogar länger als zwölf Wochen unter den Folgen einer Corona-Infektion. Die Studie, auf die auch das Robert Koch Institut beim Thema Langzeitfolgen verweist, deckt sich auch mit den Beobachtungen der Fachmediziner in Thüringen, wonach zehn bis 20 Prozent aller Covid-19-Patienten Langzeitfolgen davontragen.

Arbeitsunfähigkeit über Wochen und Monate

Zum Teil sind die anhaltenden Symptome auch nach der überstandenen Akuterkrankung so schwer, dass die Betroffenen nicht arbeiten können. Wie gravierend die Ausfallzeiten bei einer Covid-19-Erkrankung sind, belegen Daten der AOK Plus. Auf eine Anfrage von MDR THÜRINGEN, teilte diese mit: "Die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeitsdauer im Zusammenhang mit COVID-19 liegt - nach den uns vorliegenden Daten - zwischen 14 und 36 Tagen." Mit 490.000 Mitgliedern ist die AOK Plus die größte Krankenkasse in Thüringen. Ihre Daten sind für den Freistaat entsprechend repräsentativ.

Normalerweise ist eine leichte Covid-19-Erkrankung nach spätestens vierzehn Tagen ausgestanden. Die durchschnittlich längeren Ausfallzeiten, die die AOK Plus verbucht, sind vor allem durch die schätzungsweise 7.300 bis 11.300 Long Covid-Patienten zu erklären, die Wochen und Monate brauchen, um in den Alltag und Beruf zurückzukehren. Nach Einschätzung vieler Ärzte benötigen sie dafür eine Reha und eine strukturierte Nachsorgebehandlung, die längst nicht alle in Anspruch nehmen und auch nicht nehmen können: Es fehlt an Kapazitäten.

Geringe Behandlungskapazitäten in Thüringen

Für die Behandlung von ehemaligen Covid-19-Patienten stehen in Bad Salzungen 100 Betten auf der Pneumologie-Station zur Verfügung, in Bad Sulza sind es 65 Betten. Allerdings sind das keine reinen Long Covid-19-Stationen. Auch wenn ehemalige Covid-19-Patienten inzwischen etwa Dreiviertel aller Betten füllen, "konkurrieren" sie hier mit anderen Lungenpatienten um freie Plätze. Eine Rehabilitation dauert mindestens drei Wochen, kann bei Bedarf aber auch auf bis zu sechs Wochen verlängert werden. Zusammengenommen haben die beiden Rehakliniken seit Beginn der Pandemie etwa 700 ehemalige Covid-19-Patienten betreut.

Mann im blauen Anzug lehnt leger an einem Tisch. 11 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio So 04.04.2021 18:00Uhr 11:06 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/apolda-weimarer-land/audio-mark-foerste-bad-sulza-wie-bekomme-ich-eine-reha-nach-covid-100.html

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Genaue Patientenzahlen liegen MDR THÜRINGEN für die Post-Covid-Ambulanz in Jena aktuell nicht vor. Mitte Januar lag die Zahl der behandelten Patienten aber bei 300. Pro Woche werden hier zwischen 25 und 30 Termine vergeben. Zusammen mit den Rehakliniken ergibt sich in Thüringen also eine Zahl von etwa 1.200 Behandlungen für ehemalige Covid-19-Patienten und damit eine große Diskrepanz zu der geschätzten Anzahl von Patienten mit Langzeitfolgen.

Kostenträger in der Verantwortung

Für Thüringer Patienten gibt es natürlich auch die Möglichkeiten, in andere Bundesländer auszuweichen. Schließlich haben sich auch hier eine ganze Reihe von Post-Covid-Ambulanzen gegründet und Rehakliniken auf die neue Erkrankung spezialisiert. Aber auch dort grassiert die Pandemie.

Intensivstation 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Sa 23.01.2021 19:00Uhr 01:56 min

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Obwohl es sich bei der Versorgungslage von ehemaligen Covid-19-Patienten auch um eine sozial-, wirtschafts- und gesundheitspolitische Frage handelt – schließlich hängt die Zahl der Langzeitgeschädigten auch mit dem Erfolg der Impfkampagne und den politischen Sofortmaßnahmen zusammen – sieht sich die Politik nicht zuständig.

Auf eine Anfrage von MDR THÜRINGEN erklärte das Thüringer Gesundheitsministerium: "Es existiert keine gesetzliche Regelung, die den Ländern vorgibt eine Bedarfsplanung für Vorsorge- und Reha-Einrichtungen vorzunehmen […] dafür sind in Deutschland die Sozialversicherungsträger bzw. deren Landesverbände verantwortlich."

Tatsächlich sind in Deutschland die Kostenträger in der Verantwortung die Kapazitäten für Anschlussheilbehandlungen und Allgemeine Heilverfahren von ehemaligen Covid-19-Patienten dem Bedarf anzupassen. In erster Linie sind das die Krankenkassen und die Rentenversicherung.  

Ausbau von Kapazitäten nicht problemlos möglich

Das Problem dabei ist, dass diese den Bedarf oft nicht genau kennen. In den Daten der Krankenkassen werden Reha-Leistungen zum Beispiel nicht nach Diagnosen, sondern nach Symptomen und deren Behandlung erfasst. Dieses System stößt bei der Multisystemerkrankung Covid-19 aber an seine Grenzen. Viele Covid-19 bedingte Reha-Leistungen verschwinden in der Statistik hinter allgemeinen Symptombeschreibungen wie "Atemwegserkrankung" oder "psychische Leiden".

Patientin bei einer Untersuchung.
Ein weiterer Punkt, der einer umfangreichen strukturierten Nachsorgebehandlung der ehemaligen Covid-19 Patienten im Wege steht, ist der Fachkräftemangel: es fehlt an Fachärzten. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Ein weiterer Punkt, der einer umfangreichen strukturierten Nachsorgebehandlung der ehemaligen Covid-19 Patienten im Wege steht, ist der Fachkräftemangel: So lassen sich die Kapazitäten in den Klinken nicht allein mit dem Geld der Kostenträger erhöhen. Pflegepersonal und gut ausgebildete Fachärzte müssten eingestellt werden. Spätestens hier wird es dann doch wieder ein politisches Problem.

Doch es gibt auch positive Nachrichten in dieser Sache: Die Thüringer Rehakliniken bestätigten, bereits erste Gespräche mit den Kostenträgern geführt zu haben. Diese hätten grundsätzlich den Bedarf erkannt, weitere Betten zur Verfügung zu stellen. So sei derzeit eine Erhöhung der Kapazitäten in Bad Salzungen um 30 Betten bis zur Jahresmitte im Gespräch.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 04. April 2021 | 18:00 Uhr

5 Kommentare

martin vor 7 Tagen

Selbstverständlich behauptet ein wissenschaftlicher Beitrag nicht, dass x% von irgendwas an "Long Covid" leiden würden. Dafür würde es zunächst einmal einer eindeutigen und einvernehmlichen Definition von Long Covid bedürfen, die es nach meinem Informationsstand noch gar nicht gibt.

Da allerdings die Zahl der Infektionen bekannt ist, spielt die repräsentative Auswahl eine untergeordnete Rolle - aber Sie haben Recht: Korrekt müsste es dann lauten: Mindestens x% leiden unter den Symptomen. Und nein, einer Doppelblindstudie bedarf es für derartige Betrachtungen nicht.

Solange Long Covid nicht eindeutig definiert bzw. abgrenzbar ist, sind genaue Zahlen sicher diskussionswürdig. Aber letztlich ist es für die Gesamtschau ziemlich unerheblich, ob es 13,3 oder 12,2 oder 14,4 % sind.

Ihr Beitrag ist in meinen Augen nichts anderes als der propagandistische Versuch der bereits bekannten Relativierungs- und Leugnungsstrategien (angeblich nicht "an" sondern nur "mit" Corona verstorben).

MDR-Team vor 1 Wochen

Sehr geehrter DocSchmidt,
das RKI verweist selbst auf die Ergebnisse dieser Studie. Wir maßen uns nicht an, die Aussagekraft wissenschaftlicher Studien besser bewerten zu können, als die wissenschaftlichen Experten des RKI. Das können Sie gern machen. Es ändert aber auch nichts an der Tatsache, dass auch Thüringer Fachärzte eine Long Covid-Quote von 10 bis 20 Prozent annehmen und damit die von uns und dem RKI zitierte Studie bestätigen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre Online-Redaktion

DocSchmidt vor 1 Wochen

Der Beitrag hält einer epidemiologisch/medizinisch und medizinstatistischen Nachprüfung zT nicht stand:
1. Die zitierte Studie behauptet NICHT, dass 13,3% aller Patienten, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, an LongCovid leiden.
2. Vielmehr berichtet der Artikel (der bisher NICHT peer-reviewed ist), dass sich 4.000 Personen in eine Datenbank eingetragen haben (also eine Patientenselbstschilderung), und von DIESEN haben 13% über einfache LC-Symptome berichtet.
3. Die Gruppe der 4.000 ist damit nicht repräsentativ, da es sich um Selbstmeldungen handelt, eine Schlussfolgerung, wie der MDR-Artikel es macht, auf alle COVID-19-Erkrankten ist unzulässig. Bei Selbstmeldungen melden sich idR Betroffene.

4. Die weitere wissenschaftliche Anforderung führt zum k.o.-Kriterium für die Studie: es wird keine Vergleichsgruppe untersucht von Nichtinfizierten, d.h. Wieviele Nicht-Infizierte leiden ebenfalls an den Symptomen, die die LC-Patienten haben? Müdigkeit? Mehr als 10% leiden darunter.

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