Menschen in einer Fußgängerzone
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Die DNA des Ostens | MDRfragt Ostalgie 3.0? – Warum die Nachwendegeneration einen besonderen ostdeutschen Zusammenhalt beschwört

07. November 2023, 14:47 Uhr

Ausgerechnet die jungen Erwachsenen im Osten nehmen so häufig wie keine andere Altersgruppe ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl der Ostdeutschen wahr. Dabei haben sie DDR und Nachwendezeit nicht bewusst erlebt. Eine Ursachensuche.

Es wirkt paradox. So häufig wie keine andere Generation nimmt ausgerechnet diejenige Altersgruppe einen besonderen Zusammenhalt unter den Ostdeutschen wahr, welche DDR-Zeit und Umbruchsjahre gar nicht mehr bewusst erlebt hat: 84 Prozent der nach der Wende geborenen Ostdeutschen stimmen der Aussage zu, dass im Osten bis heute ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl herrscht. Dieser Befund der aktuellen MDRfragt-Erhebung ist überraschend. Denn Befragte älterer Jahrgänge, welche die Zeit bewusst erlebt haben, teilen diese Einschätzung deutlich seltener (zwischen 71 % und 75 %). Warum verspüren gerade die nach dem Mauerfall Geborenen am häufigsten ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl?

Familie und Freunde beeinflussen Wahrnehmung

Naheliegend ist, dass Erzählungen von Familie und Freunden maßgeblich ihre Wahrnehmung beeinflusst haben. Denn der Blick der Nachwendegenerationen auf die eigene Ostbiografie wird hauptsächlich durch Erzählungen von Eltern, Freunden und Verwandte geprägt, wie die große Mehrheit der Befragten (80 %) in der gleichen Umfrage selbst einschätzten. Mit großem Abstand folgen das mediale Bild der DDR und der Ostdeutschen (5 %) sowie der Schulunterricht (4 %). Wie stark diese weitergegebenen Prägungen wirken, ergründet auch das MDR-Projekt "DNA des Ostens" spezifisch für jede Generation. Die darin vorgenommene Analyse der Nachwendegenerationen zeigt, dass die nach dem Mauerfall Geborenen bis heute stark von einer Zeit beeinflusst sind, die sie selbst nicht bewusst erlebt haben.

Gerade der Umstand, dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht von ihnen selbst erfühlt, sondern als Erzählung in der DDR und unter den Ostdeutschen weitergegeben wurde, übt eine Faszination auf die junge Generation aus, das sei eine Art Phantomschmerz, sagt der Leipziger Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe. Viele dieser Prägungen werden vor allem implizit weitergegeben und vorgelebt, etwa in der Frage, wie sich Paare im Haushalt die Arbeit aufteilen.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen haben großen Einfluss

Neben innerfamiliären Prägungen hatten auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen großen Einfluss auf das Selbst- und Weltbild der nach 1989 Geborenen. So haben möglicherweise die zwei großen Freiräume ihrer Kindheit und Jugend ihren Wunsch nach Gemeinschaft verstärkt. Da Eltern und Lehrer vielfach von Neuorientierung und beruflichen Veränderungen in Anspruch genommen waren und vielerorts auch Freizeitangebote wegfielen, waren die Nachwendekinder in ihrer Freizeitgestaltung ebenso wie später bei ihrer Berufswahl deutlich unabhängiger als die gleichaltrigen Westdeutschen. Das bedeutete umgekehrt allerdings, dass sie auf viele grundlegende Fragen wie die nach der passenden Ausbildung oder einer geeigneten Wohnortauswahl (Gehen oder Bleiben?) allein Antworten finden mussten. Denn Eltern und Lehrer konnten mangels eigener Erfahrungen selbst nur bedingt mit eigenen Erfahrungen und Wissen zur Seite stehen. So waren viele Heranwachsende auf sich allein gestellt, suchten Rat im Freundeskreis oder tauschten sich mit anderen über ihre Perspektiven aus. Dadurch bekamen Gemeinschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl für sie einen besonderen Stellenwert, zusätzlich zu den prägenden Erzählungen im Familien- oder Freundeskreis.

Allerdings ist das vielbeschworene "Gemeinschaftsgefühl Ost" nur schwer zu greifen, unabhängig von der betrachteten Generation. Thomas Ahbe, der zur Generationengeschichte im Osten geforscht und als Berater das Projekt "DNA des Ostens" fachlich begleitet hat, unterscheidet zwischen DDR-Sozialisierten und Nachgeborenen. Für die DDR-Sozialisierten meint Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Einschätzung nach, "dass Ostdeutsche ein Bewusstsein und ein Gefühl davon haben, dass sie nicht wie die Westdeutschen sind. Dass sie im Zusammentreffen mit unbekannten Menschen spüren, dass es plötzlich eine Art soziales Schmiermittel gibt, welches die Kommunikation, das Kennenlernen und das Interagieren erleichtert. Das ist vor allem bei den DDR-Sozialisierten so." Ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl wurde zwar von den Jüngeren nicht selbst erlebt. Aber es kann im Ergebnis auch Gemeinschaft stiften, so Thomas Ahbe: "Bei den Nachwendekindern kann diese besondere Prägung verbindend wirken, weil sie ein Thema benennt, über das tieferliegende, latente Verbindungen wirksam gemacht werden können."

Ostdeutsche Identität wird bereits in der Kindheit vermittelt

Zudem wurde diese Generation von Kindesbeinen an mit ihrer ostdeutschen Identität konfrontiert. Sie vollzog einen permanenten Abgleich zwischen West und Ost, zwischen der zumeist westdeutsch definierten Norm und der eigenen biografischen Realität, etwa wenn Karriereoptionen und das eigene Wohlstandsniveau bewertet wurden. Zudem denkt ein Großteil ihrer Vertreter bis heute, dass Ostdeutsche nach Wende ungerecht behandelt wurden. Viele haben noch den familiären Zusammenhalt in den unsicheren Jahren der Nachwendezeit vor Augen, die häufig von Jobverlust, Umorientierung oder Abwanderung geprägt waren. Diese Erfahrung lässt sich in ein diffuses Verbundenheitsgefühl der Ostdeutschen untereinander übertragen. Es führt zu einem tieferen Verständnis für diejenigen, deren Erfahrungen man teilt oder als Prägung erzählt bekommen hat. Insofern sollten die Ergebnisse der Befragung nicht als Vorzeichen einer neuen Ostalgie-Welle interpretiert werden, sondern vielmehr als Ergebnis innerfamiliärer Prägungen, einem anhaltenden Bedürfnis nach sozialer Selbstverortung und der Sehnsucht nach einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Wer wir sind - Die DNA des Ostens | 01. Oktober 2021 | 20:15 Uhr