1985: Zu Besuch beim Rat des Bezirkes

Im Oktober 1985 brach Vogel erneut Richtung Osten auf. Für die Stasi waren die Besuche inzwischen Routine. In Leipzig wurden ein "Maßnahmeplan" erarbeitet und unter anderem die Spitzel mit den Decknamen "Günther Merkur", "Werner Bonitz" und "Dieter" eingewiesen. Die Abhörspezialisten standen bereit.

Vogel kam erst nach Mitternacht im Interhotel "Merkur" an. Bevor es ins Bett ging, fuhren der Ministerpräsident und seine Begleitung in die oberste Etage des Vorzeigehotels. Der dortige "Klub 27" war eine sogenannte Valuta-Bar. Im vornehmen Ambiente und für West-Geld ließ die kleine Reisegesellschaft den Tag ausklingen. Zwischenfälle gab es nicht. Am nächsten Morgen telefonierte Vogel von seinem Hotelzimmer aus. Er gab dem Deutschlandfunk ein Interview - die Stasi hörte mit. Dann frühstückte die Gruppe ausgiebig. Als die Gäste anschließend ihre Zimmer räumten, ließ Vogel mehrere bundesdeutsche Tageszeitungen zurück. Die Stasi registrierte nach der Zimmerkontrolle jedes Exemplar. Der Ministerpräsident war inzwischen auf dem Weg nach Dessau. Dort besuchte er das Bauhaus. Von Dessau ging es nach Dresden.

Vogel prüft Geschichtskenntnisse

In der Bezirksstadt hatte Vogel einen Termin beim Vorsitzenden des Rates des Bezirkes. Es war Vogels erstes offizielles Treffen mit einem Vertreter der DDR. Wie dieses Gespräch zustande kam, ist unklar. Das Treffen dauert fast zwei Stunden. Vogel erklärte zu Beginn, dass es sein Ziel sei, alle Bezirke der DDR kennenzulernen. Außerdem wolle er sich "über die Erfolge und Probleme in den Bezirken" informieren. Vogel gab sich ganz staatsmännisch. In dem Stasi-Bericht hieß es: "Von den Gesprächsteilnehmern wurde eingeschätzt, dass das Auftreten des Dr. Vogel und der ihn begleitenden Personen sehr höflich, korrekt und in keiner Weise provozierend war." Laut Bericht stellte Vogel zahlreiche Fragen zur Struktur und zur Arbeit der Bezirksverwaltung. Der Vorsitzende Günther Wittek beantwortete die Fragen und sprach auch Probleme an: Im Bezirk gebe es Arbeitskräftemangel, zum Beispiel im Dienstleistungsbereich. Auch bei den Baukapazitäten und der Versorgung der Menschen mit Kohle gebe es Probleme. Auch Vogel sprach über Probleme. In der Bundesrepublik gebe es eine steigende Arbeitslosigkeit, ungenutzte Baukapazität und Umweltprobleme. Vogel schlug vor, beim Umweltschutz zusammenzuarbeiten. Der SED-Funktionär erwiderte: Eine Zusammenarbeit nütze nichts, "wenn vom Himmel statt Schmutz Bomben und Granaten fliegen." Nun wurde über Frieden und Abrüstung gesprochen. Zum Abschluss des Treffens sprach Vogel eine Funktionärin an und fragte sie über das frühere Land Sachsen aus. "Dabei", so die Stasi, "entstand der Eindruck, dass Dr. Vogel und seine Begleitung die Geschichtskenntnisse der Genossin [...] prüfen wollten."

Nach dem Treffen checkte die kleine Reisegesellschaft im Hotel "Bellevue" am Elbufer ein. Dann ging es zum nächsten Treffen. Vogel hatte um einen Gesprächstermin beim evangelischen Landesbischof Johannes Hempel gebeten. Was Vogel und Hempel besprachen, blieb für die Stasi unbekannt. Sie konnte lediglich ermitteln, dass Hempel von dem Besuch offenbar nicht begeistert war. Auf "Forderung" des Bischofs "wurden keine Vorbereitungen für ein Anbieten eines Imbisses oder von Getränken getroffen, so dass eingeschätzt werden kann, dass er Wert auf Distanz legte." Den Abend verbrachten Vogel und seine Begleiter nach einem Stadtbummel in der HO-Gaststätte "Meißner Weinkeller".

Im Wartburg nach Pillnitz

Am nächsten Tag standen Sehenswürdigkeiten auf dem Reiseplan. Vogel besuchte die "Brühlschen Terrassen", das "Grüne Gewölbe" und Pillnitz. Am Abend ging es in die Kreuzkirche zur "Kreuzchorvesper".

Schaffran war seit 1963 Weihbischof im Erzbischöflichen Amt Görlitz. Von 1970 bis 1987 war er Bischof von Meißen, des einzigen Bistums, das ganz auf dem Boden der DDR lag. Schaffran setzte gegenüber der DDR Regierung eher auf einen gemäßigten Kurs. 1980 bis 1982 war er Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz und machte als erster Inhaber dieses Amtes einen offiziellen Antrittsbesuch beim Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Sein Nachfolger Kardinal Meisner verzichtete wieder auf solch einen Besuch, da er gegen zu große Nähe zur DDR Regierung war. Schaffrans gutes Verhältnis zum Staatssekretär für Kirchenfragen, Klaus Gysi, half, 1987 erstmals ein Katholikentreffen für die ganze DDR in Dresden zu veranstalten.
Bischof von Dresden-Meißen: Gerhard Schaffran Bildrechte: Bistum Dresden-Meißen

Am darauffolgenden Morgen besuchte Vogel die Messe in der Hofkirche. Anschließend stieg der Ministerpräsident in einen Wartburg-Tourist. Generalvikar Hermann Joseph Weisbender chauffierte Vogel zu Bischof Gerhard Schaffran nach Pillnitz. Am späten Nachmittag wurde Vogel mit einem Mercedes zurück zum Hotel gebracht. Die Stasi rätselte: Saß der Bischof etwa selbst am Steuer?

Am Abend entspannten sich Vogel und seine Begleitung bei einer klassischen Ballett-Aufführung in der Semperoper. Nach Ende der Vorstellung reisen die Besucher Richtung Rheinland-Pfalz ab. Mitternacht passieren sie die Grenze. Zu diesem Zeitpunkt hat die Staatssicherheit längst Vogels Hotelzimmer kontrolliert. Dort entdecken sie eine kleine grüne Broschüre: "77 praktische Tipps für Besuche in die DDR und aus der DDR und für andere Kontakte hier und dort".

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