Mi 12.09. 2018 20:15Uhr 59:30 min

MDR FERNSEHEN Mi, 12.09.2018 20:15 21:15

Exakt - So leben wir!

Exakt - So leben wir!

Dienen oder Herrschen?

Film von Tom Kühne

Folge 2 von 4

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Viele Menschen in Ostdeutschland haben das Gefühl: Dieses Land gehört nicht mir! Herrschen tun andere. Obwohl 87 Prozent der Bevölkerung in den neuen Bundesländern Ostdeutsche sind, spiegelt sich das an den Schaltstellen der Macht nirgendwo wider. Gerade mal 25 bis 35 Prozent der Spitzenpositionen, in einigen Bereichen sogar nur ein Prozent, werden von Einheimischen besetzt. Kein Wunder, dass sich viele Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse fühlen. Nirgendwo ist die Stimmung darüber so geteilt wie in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Was ist dran an diesem Gefühl? Warum schaffen es Ostdeutsche so selten nach oben? Haben wir keine "Lust" am Aufstieg, fehlt uns der Instinkt zur Macht? "exakt - So leben wir!" unternimmt ein Jahr nach der Bundestagswahl eine Reise in die Welt des Dienens und Herrschens in Mitteldeutschland. Dabei werden erstmals neue datenjournalistische Mittel verwendet, 170 Millionen Presseartikel digital analysiert und 15.000 Bundestagsreden ausgewertet. Ein Ergebnis: Mitteldeutsche Wahlkreisvertreter kommen im Bundestag nur halb so oft zu Wort, wie es ihrem Sitzanteil entsprechen müsste.

"exakt - So leben wir!" führt zu Menschen, die erfolgreich ihren Weg gegangen sind und es in Spitzenpositionen geschafft haben. Oberst Mario Herzer aus Zerbst ist derzeit der ranghöchste Luftwaffen-Offizier mit ostdeutscher Biographie. Der Kommandeur des größten Luftwaffenstützpunktes in Ostdeutschland hatte seine Ausbildung noch zu DDR-Zeiten an der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte der NVA begonnen. Er weiß, dass man es nur schaffen kann, wenn man es wirklich will: "Natürlich konnte jemand aus der Bundeswehr, aus den alten Bundesländern ganz anders auftreten, als jemand der in der NVA Offizier war. Und eigentlich immer das Folgen gelernt hat, möglichst wenig an Gegenrede gebracht hat, das war also auch ein schwerer Lernprozess, zu sagen, Mensch, hier kann man auch mal seine Meinung sagen und man wird nicht gleich weggebügelt. Das ist was, was ich mir auch angenommen habe. Wenn man sich große Ziele setzt und die auch hartnäckig genug verfolgt, kann man auch durchaus bis in die höchsten Verwendungen egal ob bei der Bundeswehr oder in einem Unternehmen aufsteigen".

"exakt - So leben wir!" begleitet Menschen, die es glücklich macht, anderen zu dienen. Der ehemalige Leistungssportler Roland Würzbach arbeitet seit zwanzig Jahren im Grand Hotel Taschenbergpalais in Dresden und dient mit Leib und Seele. Die Aufgabe des Chef-Concierge ist es, die Wünsche der anspruchsvollen Gäste zu erfüllen. Selbstdarsteller sind auf diesem Posten fehl am Platz. Nach einer Studie der Charité sind Ostdeutsche weniger selbstbezogen und ich-verliebt als Westdeutsche. In einer Welt des Dienens ist das ein Vorteil! Fällt es Ostdeutschen leichter zu dienen? Und warum ist es ihnen eher unangenehm, sich groß darzustellen?

Der Körperspracheexperte Dirk W. Eilert hat dafür eine Erklärung: "Die ehemalige DDR war eher kollektivistisch ausgerichtet, das heißt der Fokus lag auf dem Gemeinwohl der Gruppe! In der ehemaligen Bundesrepublik war der Fokus eher auf Individualismus gerichtet, also auf das Wohl des Einzelnen! Und hier gibt es Untersuchungen, dass auch die Körpersprache anders ist. In kollektivistischen Kulturen ist die Körpersprache eher zurückhaltend. Man unterdrückt die eigenen Emotionen zu Gunsten der Gruppe." In einem spannenden Experiment geht das Autorenteam der Frage nach, was die Gesten der Macht sind und ob sich erfolgreiche Menschen allein durch ihre Köpersprache und Mimik verraten.

Beherrscht und allein gelassen fühlt sich auch der Bürgermeister von Obermehler. Im thüringischen Obermehler gaben 37,5 Prozent der Einwohner bei der Bundestagswahl ihre Stimme der AfD. Der ehrenamtliche Bürgermeister Heiko Willfahrt ist sich sicher, dass es eine Protestwahl war. Denn seit vielen Jahren ist seine Gemeinde hoch verschuldet und muss sparen. Vieles im Ort kann nur durch ehrenamtliches Engagement gelöst werden. 2015 kamen die Flüchtlinge. Von heute auf morgen verdoppelte sich die Zahl der Einwohner. Doch die erhoffte Hilfe von "oben" blieb aus - und wie schon oft in den vergangenen Jahren fühlten sich Einwohner und Bürgermeister von den Herrschenden im Stich gelassen.

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