Eine junge Frau trägt Kopfhörer und blickt auf ihr Smartphone, während sie über eine Straße geht
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Sinus-Jugendstudie 2024 Jugendliche trauen der Politik deutlich weniger Lösungskompetenz zu

12. Juni 2024, 17:33 Uhr

Die SINUS-Jugendstudie erscheint alle vier Jahre und versucht, in qualitativen Befragungen zu ermitteln, wie junge Menschen "ticken". Eine Erkenntnis in diesem Jahr: Das Vertrauen in die Lösungskompetenzen der Politik hat sich stark verringert. Gehe es um Politik, haben junge Menschen mitunter eine "delegative Grundhaltung" und fremdeln, so die Ergebnisse der Studie.

Gesellschaftliche und ökologische Krisen sind ein Kernbestandteil des Aufwachsens heutiger Teenager. Auf die Covid-19-Pandemie folgte quasi die Eskalation des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, verbunden mit der Energiepreiskrise und Inflation. Neben dem Klimawandel und Naturkatastrophen prägt auch die Polarisierung von Diskursen um Rassismus, Gleichberechtigung und Diskriminierung Jugendliche in Europa. Dennoch haben Teenager zwischen 14 und 17 Jahren weiterhin eine optimistische Grundhaltung, so das Ergebnis der aktuellen SINUS-Jugendstudie. 84 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit ihrem Alltag zufrieden seien. Befragt wurden in der qualitativen Studie 72 junge Menschen. Man könne von einer Art Zweckoptimismus sprechen, betonen die Autoren der Studie. Trotz krisenhafter gesellschaftlicher Umstände versuche man gerade im näheren Umfeld, Ziele zu erreichen und sei optimistisch, dass das auch gelinge.

Die Sinus-Jugendstudie "Wie ticken Jugendliche?" – diese Frage versucht die SINUS-Jugendstudie seit 2008 alle vier Jahre zu beantworten. Die Besonderheit der Studie ist, dass sie nicht auf quantitativen Datensätzen basiert, sondern unter anderem auf qualitativen Interviews, die die Forschenden mit 72 Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren in deren Zuhause führten. Der Name der Studie leitet sich aus den sogenannten "SINUS-Milieus" ab, einem Gesellschaftsmodell, das Menschen mit ähnlichen Werten und einer ähnlichen sozialen Lage in Gruppen zusammenfasst. Die Gruppierungen sollen dabei helfen, die Lebenswelten dieser Gruppen besser zu erfassen. Die entsprechenden Gruppen sind im SINUS-Modell beispielsweise "Traditionell-Bürgerliche" oder "Neo-Ökologische". Eine Kritik an diesem Ansatz ist, dass die Grenzen zwischen diversen Gruppen häufig nicht so klar verlaufen, wie es das Modell der Sinus-Milieus nahelegt.

Junge Menschen fremdeln mit der Politik

Eine deutliche Verschlechterung gegenüber der Vorgängerstudie von 2020 gab es dagegen beim Vertrauen in die Politik. Viele junge Menschen trauen den politisch Verantwortlichen keine Lösungskompetenz zu. Ein 16-jähriger Befragter sagt dazu: "Politik macht nichts, um Probleme zu lösen […] ein bisschen realitätsfern manchmal, würde ich sagen."

Viele junge Menschen würden mit Politik fremdeln, erklären die Studienautoren. Man fühle sich politisch wenig kompetent und machtlos – aber auch nicht gehört und nicht ernst genommen.

Das Wahlverhalten junger Menschen ist volatil

Bei der Europawahl am vergangenen Sonntag entschieden sich viele der 16- bis 24-Jährigen nicht für "etablierte" Parteien, sondern gaben ihre Stimme Kleinstparteien und der AfD. Aus Sicht der Studienautoren der aktuellen SINUS-Studie kann man das aber lediglich in Teilen mit den Ergebnissen der Studie vereinen. Zwar gebe es durchaus eine gewisse Skepsis gegenüber etablierten Parteien, grundsätzlich sei das Wahlverhalten junger Menschen aber volatil – das bedeute, dass sie in zwei Jahren auch sehr anders abstimmen können und verweise keineswegs auf ein rechtsextremes Weltbild.

Ganz im Gegenteil legen die Ergebnisse der SINUS-Studie nahe, dass Menschen zwischen 14 und 17 Jahren großen Wert auf humanistische Werte sowie Freiheit von Diskriminierung und Rassismus legen. Auch bezüglich sexueller Selbstbestimmung zeigt sich in der Studie eine hohe Sensibilisierung sowie eine "demonstrative Offenheit dafür, dass Menschen ihr Geschlecht als non-binär definieren".

"Delegative Grundhaltung" gegenüber der Politik

Außerdem befürworten beispielsweise viele der befragten Jugendlichen ein Wahlrecht ab 16 – fühlen sich aber gleichzeitig nicht ausreichend informiert, um eine Wahlentscheidung treffen zu können. Wenn es um Politik geht, schätzen viele junge Menschen ihre persönliche Kompetenz als gering ein, so das Ergebnis der SINUS-Jugendstudie. Daraus entwickle sich eine "delegative Grundhaltung" gegenüber Politik, so die Studienautoren. Denn obwohl junge Menschen angesichts der Vielzahl an Krisen aktuell besorgter denn je sind und der Politik nicht zutrauen, diese zu lösen, führt das nicht dazu, dass sie sich selbst politisch engagieren.  

Schulen sind selten Lernorte für Demokratie

Politisch aktiv werden Jugendliche der Studie zufolge eher kurzfristig, beispielsweise indem sie spenden, an einer Social-Media-Kampagne teilnehmen oder sich einer Demonstration anschließen. Eine Möglichkeit, politisches Bewusstsein unter jungen Menschen auszubauen, wäre möglicherweise eine stärkere Beteiligung von Schulen bei diesem Thema. "Schulen scheinen unseren Befunden zufolge aktuell leider nur selten ein Lernort für Demokratie zu sein", betont Studienmitautorin Rusanna Gaber.

Die Studie zum Nachlesen

Die SINUS-Jugendstudie 2024 kann kostenlos als Epub auf den Seiten der Bundeszentrale für Politische Bildung heruntergeladen werden.

iz

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio | 12. Juni 2024 | 13:00 Uhr

25 Kommentare

MDR-Team vor 5 Wochen

Hallo Britta.Weber,

also hier in den Kommentaren haben wir - fast immer - einen tollen Diskurs und Austausch. Objektiv und konstruktiv.
Ihre Kritik am "gesamten" MDR können wir nicht so ganz nachvollziehen. Vor allem weil er auch nicht begründet oder belegt wurde.

- Das MDR WISSEN Team

Freies Moria vor 5 Wochen

@MDR-Team: Frieden gegen Krieg auszutauschen ist nicht "hochkomplex" sondern Verrat am Wähler. Hunderttausende Tote und ein de facto vernichtetes Land sind die traurigen Zeugen.

Britta.Weber vor 5 Wochen

"In einer Demokratie ist es essentiell, dass Meinungsvielfalt und Debatten gefördert werden. Es gibt nicht nur eine richtige Meinung. Der Sozialkunde- oder Ethikunterricht sollte genau diese Pluralität und die Bedeutung von Meinungsfreiheit und Toleranz lehren. Der Kern einer funktionierenden Demokratie ist der Respekt vor unterschiedlichen Meinungen und die Fähigkeit, diese im konstruktiven Diskurs auszutauschen."
Das ist völlig richtig, verehrtes MDR-Team, aber warum der MDR das nicht?