Die europäische Flagge 3 min
Audio: Wie haben junge Wähler und Wählerinnen gewählt und warum? Bildrechte: IMAGO/Rolf Poss
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Junge Wähler: Wen haben sie gewählt und warum?

MDR AKTUELL Mo 10.06.2024 21:34Uhr 02:48 min

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Keine Loyalität zu Parteien? Wie junge Menschen bei der Europawahl 2024 gewählt haben und warum

10. Juni 2024, 19:34 Uhr

Viele der 16- bis 24-jährigen Wähler und Wählerinnen haben bei der Europwahl den "etablierten" Parteien den Rücken gekehrt und ihre Stimme stattdessen Kleinstparteien oder der AfD gegeben. Die Grünen wurden massiv abgestraft. Experten machen dafür Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik und die mangelnde Präsenz von SPD, Grünen & Co. auf dem Leitmedium der Jugend, TikTok, verantwortlich.

28 Prozent der 16- bis 24-jährigen Wähler haben bei der Europawahl 2024 einer Kleinstpartei ihre Stimme gegeben – allein neun Prozent entfielen dabei auf die europafreundliche Partei Volt. Doch der größte Gewinner bei den jungen Wählern war die AfD. Sie konnte im Vergleich zur Europawahl 2019 um elf Prozentpunkte zulegen und landete so insgesamt bei den 16- bis 24-Jährigen auf Platz drei, knapp hinter der Union, die in der Altersgruppe Platz 2 belegte.

Tatsächlich sind CDU und CSU die einzigen der "etablierten" Parteien, die bei den jungen Wählern deutlich Stimmen hinzugewinnen konnten. Mit 17 Prozent lag ihr Stimmenanteil um fünf Prozentpunkte höher als noch 2019. Gleichzeitig verloren die Grünen in dieser Alterssparte massiv an Wählern und Wählerinnen: 23 Prozentpunkte haben sie im Vergleich zur Europawahl 2019 eingebüßt und kommen bei den 16- bis 24-Jährigen nur noch auf elf Prozent der Stimmen.

Politikwissenschaftler: Regierungsbeteiligung hat Grünen geschadet

Thorsten Faas, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin sagte dazu: "Die eine Partei, die man ein Leben lang wählt, das ist etwas, das sich bei jungen Menschen überhaupt nicht abzeichnet als ein Muster für ihre Wahlbiografie."

Keine Gruppe habe so heterogen gewählt wie die Gruppe junger Menschen, fügte Faas hinzu. Das zeige sich auch am Zuspruch zu Volt und anderen Kleinstparteien. In den westdeutschen Groß- und Universitätsstädten sei Volt mit einer progressiven Agenda verstärkt in die "Lücke gestoßen, die die Grünen hinterlassen haben", analysiert Faas.

Seit der letzten Wahl 2019 habe die grüne Regierungsbeteiligung bei jungen Leuten teilweise Enttäuschung hervorgerufen. Debatten wie die um das "Heizungsgesetz" hätten "extrem polarisiert" und den Grünen geschadet.

Populismus ist anschlussfähig – nicht nur bei jungen Leuten.

Martin Fuchs Politikberater und Social-Media-Experte

Dem Hamburger Politikberater und Social-Media-Experten Martin Fuchs zufolge ist ein weiterer Grund der Umgang der Bundesregierung mit Kriegen und Krisen. Der habe zu einer "maximalen Ernüchterung" auch von Anhängern progressiver Ideen geführt, analysiert Fuchs. Die AfD habe hier einfache Antworten zu bieten. "Populismus ist anschlussfähig, nicht nur bei jungen Leuten."

Den Erfolg der Union erklärt Fuchs auch mit der Arbeit von CDU-Chef Friedrich Merz. Der habe es geschafft, seine Partei zu einen und jungen Wählern das Gefühl zu vermitteln, dass es auch jenseits der Ampel-Koalition eine demokratische Alternative gibt.

Maßgeblich für AfD-Erfolg: TikTok und mangelnder Fokus auf Inhalte bei anderen Parteien

Währenddessen reklamierte AfD-Spitzenkandidat Maximilian Krah am Montag die hohen Zugewinne der AfD bei jungen Wählern für sich. Krah hat bei TikTok mehr 51.000 Follower und nutzte die Plattform stark, um junge Menschen anzusprechen.

Und tatsächlich hat TikTok nach Einschätzung von Experten maßgeblich zum Ergebnis der Europawahl beigetragen. Die Zustimmung junger Wähler zur AfD sei auf deren Präsenz in dem Sozialen Netzwerk zurückzuführen – und auf die dortige Abwesenheit der anderen Parteien, erklärte die Bildungsstätte Anne Frank am Montag in Frankfurt.

Jugendliche in einem Klassernraum 5 min
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Die Wahl-Ergebnisse zeigen deutlich, dass es nicht reicht, gegen Rechts auf ein Wahl- oder Demo-Plakat zu schreiben.

Meron Mendel Co-Direktor Bildungsstätte Anne Frank

"Das Ergebnis verwundert nicht, wenn man sich anschaut, wo das Gros der jungen Menschen sich Informationen holt: auf TikTok", sagte Bildungsstätten-Direktorin Deborah Schnabel. Die demokratischen Parteien, insbesondere die Grünen, seien auf der Plattform unterrepräsentiert und hätten so das digitale Leitmedium weitgehend der AfD überlassen.

Durch die schwache Präsenz auf der Plattform entstehe für junge Menschen der Eindruck, dass sich dort maßgeblich die AfD der Themen annimmt, die für jüngere Menschen wichtig sind. "Die Wahl-Ergebnisse zeigen deutlich, dass es nicht reicht, gegen rechts auf ein Wahl- oder Demo-Plakat zu schreiben", kritisierte Co-Direktor Meron Mendel auch den klassischen Straßen-Wahlkampf.

Doch nach Einschätzung von Politikberater Fuchs geht der Erfolg der AfD nicht allein auf deren Dauerpräsenz auf Plattformen wie TikTok zurück. Es sei auch ein Fehler der anderen Parteien gewesen, dass sie sich an den rechten Kräften "abgearbeitet" und in der Kommunikation darauf fokussiert hätten, Rechtsextreme im EU-Parlament zu verhindern. Diese Strategie sei nicht aufgegangen. Dadurch hätten nicht nur junge Menschen erst recht die AfD gewählt. "Das ist dann eine Art Trotzreaktion", die auch durch das immer wieder von der Partei bediente "Opfernarrativ" verstärkt werde.

Welche Rolle hat das Wahlalter 16 gespielt?

Doch wie haben die Erstwähler gewählt? Denn bei dieser Europawahl durften junge Menschen erstmals ab 16 Jahren wählen. Eine separate Auswertung für diese spezifische Gruppe sei ihm nicht bekannt, sagt der Politikexperte Faas. Es sei aber klar gewesen, dass von der Senkung des Wahlalters nicht nur jene Parteien profitieren würden, die sich auch dafür eingesetzt hätten - sprich FDP, SPD, Linke und Grüne. Nun zu sagen "Das war alles ein Riesenfehler" findet der Experte falsch. Und bei SPD und Grünen sieht es die Führung trotz aller Stimmenverluste genauso.

Eine junge Frau hält sich ein Auge mit der flachen Hand zu, auf ihren Handrücken ist die EU-Flagge geschminkt 1 min
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MDR, AFP, dpa (ewi)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 10. Juni 2024 | 15:38 Uhr

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