Eine 700 Meter lange und drei Meter hohe Betonmauer teilt das Dorf Mödlareuth, das direkt auf der Grenze zwischen Thüringen und Bayern liegt.
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Mödlareuth – das geteilte Dorf

Fast 40 Jahre lang befand sich Mödlareuth im Ausnahmezustand – mitten durch das Dorf verlief die Staatsgrenze der DDR: eine drei Meter hohe Mauer. Der DDR-Teil des Dorfes stand unter schärfster Bewachung.

Eine 700 Meter lange und drei Meter hohe Betonmauer teilt das Dorf Mödlareuth, das direkt auf der Grenze zwischen Thüringen und Bayern liegt.
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"Little Berlin" nannten amerikanische Soldaten das Dörfchen Mödlareuth, durch dessen Mitte fast 40 Jahre lang die Staatsgrenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik verlief. Mödlareuth war das verkleinerte Abbild der Situation im geteilten Deutschland. Bereits seit 1810 markierte der Thannbach, ein Flüsschen, das mitten durch Mödlareuth fließt, die Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Für die Menschen hat sie keine Bedeutung, sie ist lediglich von verwaltungstechnischem Interesse. Auch nach Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 ändert sich daran zunächst wenig. Die Mödlareuther können sich frei bewegen.

Geschichte

Fast 40 Jahre lang befand sich Mödlareuth im Ausnahmezustand – mitten durch das Dorf verlief die Staatsgrenze der DDR: eine drei Meter hohe Mauer. Der DDR-Teil des Dorfes stand unter schärfster Bewachung.

Mauerbau an dem ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergang Mödlereuth (Landkreis Hof).
1948: Das Foto zeigt eine Szene vor dem Mauerbau in Mödlareuth im Landkreis Hof. Der Thannbach markierte die Grenze zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungszone. Mit Passierschein und "Kleinem Grenzschein" durfte das Bächlein bis zum 26. Mai 1952 überquert werden. Dann wurde ein 10 Meter breiter Kontrollstreifen angelegt und schon im Juni grenzte ein hoher Bretterzaun die beiden Ortsteile voneinander ab. Bildrechte: dpa
Mauerbau an dem ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergang Mödlereuth (Landkreis Hof).
1948: Das Foto zeigt eine Szene vor dem Mauerbau in Mödlareuth im Landkreis Hof. Der Thannbach markierte die Grenze zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungszone. Mit Passierschein und "Kleinem Grenzschein" durfte das Bächlein bis zum 26. Mai 1952 überquert werden. Dann wurde ein 10 Meter breiter Kontrollstreifen angelegt und schon im Juni grenzte ein hoher Bretterzaun die beiden Ortsteile voneinander ab. Bildrechte: dpa
Hinter einem Schlagbaum errichten Soldaten eine Mauer. Zwei Uniformierte aus Ost und West beobachten einander - einer vor dem Schlagbaum, einer dahinter.
07.04.1966: Pioniere der DDR-Volksarmee beim Bau der Mauer durch Mödlareuth. Rechts hinter dem Schlagbaum beobachtet ein Grenzschutzbeamter aus Westdeutschland die Bauarbeiten. Das Bauwerk führt mitten durch das Dorf. Bildrechte: dpa
Bürger aus dem fränkischen Mödlareuth gehen 1989 über den geöffneten Grenzübergang.
9. Dezember 1989: Erstmals seit 37 Jahren können die Bürger Mödlareuths die Dorfgrenze wieder überqueren. Bildrechte: dpa
Soldaten arbeiten an einem Bretterzaun, drei Grenzbeamte in Mänteln beobachten die Arbeiten.
Juni 1964: Westdeutsche Grenzbeamte (r) verfolgen nur einen Meter von der innerdeutschen Grenze entfernt, wie Mitglieder der DDR-Volksarmee an einem Bretterzaun in Mödlareuth arbeiten. Bildrechte: dpa
Pioniere der sowjetzonalen Volksarmee beginnen 1966 mit der Errichtung einer neuen Sperrmauer in der geteilten Ortschaft Mödlareuth.
Bundesgrenzschutzsoldaten bebachten den Bau der Betonmauer. Das Bauwerk entsteht etwa zehn Meter hinter dem Bretterzaun, der schon zwei Jahre zuvor aufgebaut wurde. Bildrechte: dpa
Eine Frau im Westen Mödlareuths reinigt ihr Auto - direkt hinter ihr eine rot-weiße Absperrung, ein Schild mit der Aufschrift "Landesgrenze" und die Mauer
Auf westdeutscher Seite in Mödlareuth ist die Mauer frei zugängig - hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1985. Bildrechte: dpa
Eine 700 Meter lange und drei Meter hohe Betonmauer teilt das Dorf Mödlareuth, das direkt auf der Grenze zwischen Thüringen und Bayern liegt.
700 Meter lang und drei Meter hoch ist die Betonmauer schließlich, die die Einwohner von Mödlareuth 37 Jahre lang voneinander trennt. Anfang 1983 besucht der damalige US-Vizepräsident Bush das Dörfchen, das auch als "Little Berlin" bekannt wurde. Bildrechte: dpa
Eine Mauer mit einem Fenster, durch das ein Gesicht blickt.
Durch ein Guckloch riskiert am 27.04.1988 ein DDR-Soldat einen Blick in den Westen Mödlareuths. Bildrechte: dpa
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Geschichte

Mauerbau an dem ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergang Mödlereuth (Landkreis Hof).
1948: Das Foto zeigt eine Szene vor dem Mauerbau in Mödlareuth im Landkreis Hof. Der Thannbach markierte die Grenze zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungszone. Mit Passierschein und "Kleinem Grenzschein" durfte das Bächlein bis zum 26. Mai 1952 überquert werden. Dann wurde ein 10 Meter breiter Kontrollstreifen angelegt und schon im Juni grenzte ein hoher Bretterzaun die beiden Ortsteile voneinander ab. Bildrechte: dpa

Nächtliche Ausgangssperre und Passierscheine

Das ändert sich jedoch schlagartig im Juni 1952. Am Tannbach wird ein Zaun gezogen und der im Osten gelegene Teil des Dorfs zum Sperrgebiet erklärt. Fast 130 Menschen werden in der von der Staatssicherheit organisierten "Aktion Ungeziefer" zwangsausgesiedelt. Für die Wenigen, die bleiben dürfen, beginnt ein Leben im permanenten Ausnahmezustand. Das Sperrgebiet darf nur mit einem Sonderausweis betreten werden. Es herrscht nächtliche Ausgangssperre und Versammlungsverbot. 1966 wird quer durch den Ort eine 700 Meter lange und drei Meter hohe Betonmauer gezogen. Mödlareuth ist von der Außenwelt jetzt hermetisch abgeriegelt. "Vorne die Mauer, hinten ein unter Strom stehender Zaun", sagt Arndt Schaffer, der in Mödlareuth bleiben durfte. "Ohne Ausweis mit Sonderstempel ging kein Weg raus und rein."

Kontaktaufnahme streng verboten

Die Grenze teilte aber nicht nur das Dorf Mödlareuth, sondern sie verlief auch durch die Familien. Geschwister konnten einander nicht mehr begegnen, Kinder ihre Eltern nicht beerdigen. "Die standen dann auf einer Anhöhe und sahen dem Leichenzug zu", erinnern sich Leute aus Mödlareuth. Jede Kontaktaufnahme über die Mauer hinweg war streng verboten. Manche Familien entwickelten über die Jahre jedoch geheime Rituale. Jeden Sonntagmorgen begaben sie sich etwa auf Anhöhen beiderseits der Grenze und verständigten sich mittels einer Zeichensprache. Im Zuge der Reiseerleichterungen in den 1970er-Jahren konnten sich die getrennten Familien aus Mödlareuth wieder begegnen. Allerdings nicht in ihrem Dorf, sondern außerhalb des Sperrgebiets. Erst im Dezember 1989 konnten die Mödlareuther wieder zueinander finden – nach 37 Jahren der Trennung.

Wo der Maueraufbruch war - die sind rüber, wir sind nüber, da gab's nur noch ein Heulen und Umarmen.

Irold Goller aus Mödlareuth-Ost

"Grüß Gott" und "Guten Tag"

Die Mauer ist aus Mödlareuth verschwunden. Getrennt verwaltet wird das Dorf jedoch weiterhin – der westliche Teil gehört zu Bayern, der östliche zu Thüringen. Ansonsten gäbe es kaum mehr Unterschiede, meint Irold Goller. "Wir sind Thüringer und die sind Bayern, die reden ein wenig anders. Die sagen 'Grüß Gott' und wir sagen 'Guten Tag'."

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2011, 12:26 Uhr