Vor 30 Jahren privatisiert Die Centrum-Warenhäuser: sozialistische Shopping-Tempel

Der Einzelhandel ist in der DDR das ewige Sorgenkind. Die Centrum-Warenhäuser aber sollen mit internationalen Standards mithalten können und tun es vielerorts auch. Ihre Geschichte endet am 5. März 1991. Durch eine Entscheidung der Treuhandanstalt werden die sozialistischen Shopping-Tempel unter den westdeutschen Kaufhausketten Hertie, Karstadt und Kaufhof aufgeteilt.

DDR 1970: Warenhaus Centrum am Alexanderplatz in Berlin.
Die charakteristische wabenartige Aluminiumfassade war ein "Markenzeichen" der Centrum-Kette. Bildrechte: IMAGO

"Ein großes Gemeinschaftswerk des sozialistischen Handels, der Bauarbeiter und vieler Helfer ist vollendet. Unter Leitung der Parteiorganisation hat sich das Centrum-Kollektiv auf diese schwierige Aufgabe lange vorbereitet. Es wurde unterstützt von zahlreichen Mitarbeitern der Warenhäuser der DDR und des Berliner volkseigenen Handels", heißt es stolz am 25. November 1970 im "Neuen Deutschland". Das Blatt schreibt über die Eröffnung des Centrum-Warenhauses am Alexanderplatz in Berlin.

«Filinchen» Packung
Filinchen: Das schmale Waffelbrot aus Apolda hat Oskar Kompa Anfang der 1950er-Jahre erfunden. Bis heute hat das Brot ein unverkennbaren Punktemuster. Bildrechte: IMAGO

Es ist damals das größte seiner Art in der DDR und kann sich international durchaus sehen lassen. Es trägt die charakteristische wabenartige Aluminiumfassade – eine Art Markenzeichen der Centrum-Kette. Es hat Rolltreppen. Die 15.000 Quadratmeter Verkaufsfläche sind hell, luftig und werden zum Teil mit Kunst verziert. In der Kinderabteilung können die kleinen Kunden den Berliner Fernsehturm bestaunen und ein Riesenrad, in dem Teddy und Co. ihre Runden drehen. Die Lebensmittelabteilung ist die größte in der gesamten DDR. Nicht umsonst werden die Menschen aus der ganzen Republik in der Folgezeit ins "Centrum am Alex" pilgern - 1980 sollen es 80.000 pro Tag gewesen sein.  Filinchen, so erzählt man sich noch heute, gab es meist nur dort.

In den 60er-Jahren entdecken die DDR-Bürger das Shoppen

Der Einzelhandel ist in der DDR das ewige Sorgenkind. Die "Handelsorganisation", kurz "HO", soll es ab 1948 richten. Als staatliche Konkurrenz zum genossenschaftlichen "Konsum" verkauft die HO erstmals Grundnahrungsmittel ohne Lebensmittelkarten. Bald schon erweitert sie ihr Sortiment um Möbel, Elektronik und Geschirr, denn in den 60er-Jahren entdecken die Menschen das Shoppen. Der Krieg ist einigermaßen verwunden, die Wirtschaft läuft, Bedürfnisse erwachen. Die DDR erkennt den Trend zu Warenhäusern: große Flächen, alles unter einem Dach, ein vielfältiges Sortiment.

Geschichte

Mehrere Hände greifen nach einem großen Geldschein 10 min
Bildrechte: LOOKsfilm/MDR

1965 beschließen das ZK der SED und der Ministerrat der DDR, alle HO-Warenhäuser zur "Vereinigung Volkseigener Warenhäuser CENTRUM" zusammenzuschließen. Damit soll der Einzelhandel besser organisiert und koordiniert werden. Sitz der VVW ist Leipzig. Und die Messestadt bekommt natürlich auch ihr eigenes "Centrum". Jutta Fritzsche-Martin ist dort ab 1969 Schauwerbeleiterin. Sie bestimmt, wie die Schaufenster des Kaufhauses aussehen. Ein Job von staatstragender Bedeutung, vor allem zu Messezeiten: "Da wurde die Schaufenstergestaltung dann sogar vom Minister für Handel und Versorgung persönlich abgenommen. Da kam man schon ins Zittern. Aber wir hatten Glück. Es ging immer gut", erzählt Fritzsche-Martin.

Auch im "Centrum" herrscht Mangel

Die 14 Centrum-Warenhäuser sollen das Aushängeschild des Handels in der DDR sein. Doch der Mangel macht auch vor ihnen nicht halt. Zwar sind die Regale immer voll. Aber oft gibt es nicht das, was der Kunde sucht. Und so geraten Warenlieferungen aus den Bruderstaaten zum Happening, erinnert sich Ute Birkmann, Mitarbeiterin in der Porzellanabteilung im Centrum-Kaufhaus Chemnitz: "Bei uns waren die Gläsersets, die geschliffenen aus Rumänien, die Highlights. Da standen die Kunden bis ins Treppenhaus runter, wenn aus dem Lager die Lageristin mit dem Wagen kam – keiner wusste, was in den Kartons drin ist, aber die Leute standen."

Helga Adamczyk, viele Jahre Etagenleiterin im Centrum-Warenhaus in Erfurt, erzählt: "Wir haben manchmal Container bekommen mit Strümpfen, bei denen es ja auch immer einen Engpass gab. Da konnten die Kollegen nicht mal richtig auspacken. Da sind die Kunden fast mit in die Container gefallen."

Überhaupt macht sich im Laufe der Jahre Unmut breit unter den Kunden. Schon in einer Prisma-Sendung von 1965 beschwert sich ein Vater vor laufender Kamera bei der Verkäuferin: "Sagen Sie mal, soll ich meinen beiden Mädels das hier anziehen? Warum geben sie solche Sachen nicht zurück an die Industrie?" Die Qualität sei schlecht, die Verarbeitung fehlerhaft, die Farben nicht kindgerecht. Kurzum: Die Industrie orientiere sich nicht an den Kundenwünschen.

Kaufhof, Karstadt und Hertie teilen DDR-Einzelhandel untereinander auf

Die Situation verschärft sich bald noch, denn ab den 70er-Jahren kommt die DDR-Führung auf die Idee, bessere Produkte auszulagern, sie in den eigens geschaffenen Delikat- und Exquisit-Läden zu verkaufen. Die Ware für die Massen bleibt in den Centrum-Kaufhäusern – und wird dort zu Ladenhütern, wie die "Umschau" im Januar 1990 berichtet. Die Fachberaterin Christel Stier redet ganz offen vor der Kamera: "Ich bin überzeugt, dass wir nicht alles verkaufen werden. Das liegt oftmals an den Materialien. Da wünschen wir uns bessere. Die Gestaltung ist oftmals zu einseitig. Wir können keine neuen Farbtöne entdecken. Es sieht alles so trist aus in unserem Angebot." Und die Kundinnen pflichten ihr bei: "Es ist geschmacklos und es liegt auch überhaupt nicht mehr in der Zeit. Es ist überhaupt nicht modisch."

Es sind sowieso die letzten Tage der Centrum-Kette, denn die Treuhand beschließt nach der Wiedervereinigung, die Warenhäuser an die westdeutsche Konkurrenz zu verkaufen. Kaufhof, Karstadt und Hertie teilen die Filetstücke des DDR-Einzelhandels untereinander auf. Am 27. August 1992 verkündet das "Neue Deutschland": "Centrum-Warenhäuser jetzt alle privatisiert". Die Treuhand habe sich nun mit Kaufhof auch auf die Übernahme des letzten noch verbliebenen Centrum-Kaufhauses, dem in Berlin-Friedrichshain, geeinigt. Die 987 Arbeitsplätze seien gesichert. Der Kölner Konzern hatte auch schon das "Centrum am Alex" übernommen.

30 Jahre später scheint die Zeit der großen Shopping-Tempel generell vorbei zu sein - der Onlinehandel macht dieses große Warenhäuser zunehmend zu einem Auslaufmodell und die erzwungenen Schließungen während der Corona-Pandemie verstärken diesen Trend.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 13. November 2019 | 02:35 Uhr