Werkstor des VEB Leuna-Werke in Leuna im April 1990
Werkstor des VEB Leuna-Werke 1990. Bildrechte: IMAGO

"Chemie gibt Brot - Wohlstand - Schönheit"

Unter dem Motto "Chemie gibt Brot - Wohlstand - Schönheit" fand am 3. und 4. November 1958 in Leuna die "Chemiekonferenz der DDR statt". Es wurde beschlossen, die chemische Industrie erheblich auszubauen. Plasteprodukte und Kunstfasern sollten fortan in den Alltag der DDR-Bürger einziehen und ihnen das Leben erleichtern.

Werkstor des VEB Leuna-Werke in Leuna im April 1990
Werkstor des VEB Leuna-Werke 1990. Bildrechte: IMAGO

Im Kulturhaus der Leuna-Werke versammelten sich im November 1958 Ökonomen, Politiker, Wissenschaftler und Ingenieure aus allen Teilen der DDR. Eingeladen hatten die SED und die "Staatliche Plankommission der DDR". Es war eine für die junge sozialistische Republik zukunftsweisende Veranstaltung, denn nichts Geringeres als die Neuorganisation der chemischen Industrie sowie der gesamten Lebenswirklichkeit stand auf der Tagesordnung der sogenannten "Chemiekonferenz". Das Motto der Konferenz fußte auf einem Ausspruch von SED-Chef Walter Ulbricht: "Chemie gibt Brot - Wohlstand - Schönheit." Durch den Einsatz von Kunstdünger würden nämlich die Ernteerträge in der Landwirtschaft spürbar erhöht, Wohlstand ließe sich durch eine Steigerung der Produktion von Alltagsgegenständen erreichen und das trostlose Grau der langen Nachkriegsjahre könnte schließlich durch bunte Chemiefasern übertönt werden. So malte sich die SED eine blühende und durch die Chemie gestaltete Zukunft aus.

Anschluss an die Weltspitze

Die chemische Industrie war von Anfang an ein Sorgenkind der DDR-Wirtschaft. Zwar gab es auf dem Gebiet der sozialistischen Republik zahlreiche große und traditionsreiche Chemiestandorte, etwa die Buna-Werke in Schkopau oder die Leuna-Werke. Allerdings waren viele von ihnen im Zweiten Weltkrieg entweder beschädigt oder nach Kriegsende von der UdSSR als Reparationsleistungen demontiert worden. Eine effiziente und sich am Weltmaßstab orientierende Produktion chemischer Güter war daher kaum möglich. Erschwerend kam hinzu, dass die DDR nur über wenig Erdöl verfügte, den wichtigsten Grundstoff bei der Herstellung von Kunststoffen. Zum Einsatz kam daher vor allem die höchst unwirtschaftliche heimische Braunkohle.

Erdöl aus der Sowjetunion

VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt, Blick auf die Anlagen des Erdoelverarbeitungswerkes
VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt. Bildrechte: IMAGO

"Obwohl wir in unserer Entwicklung das durchschnittliche Tempo der Weltentwicklung weit überschreiten, müssen wir feststellen, dass wir auf einigen wichtigen Gebieten der chemischen Produktion zurückgeblieben sind", diagnostizierte das Parteiorgan "Neues Deutschland" wenige Wochen vor der "Chemiekonferenz" durchaus selbstkritisch. Ein wesentliches Problem jedenfalls sollte schon in wenigen Jahren behoben sein: Die Sowjetunion hatte sich nämlich verpflichtet, Erdöl in ausreichender Menge und überdies zu einem moderaten Preis zu liefern. Im Dezember 1958 begann der Bau einer knapp 5.000 Kilometer langen Erdölleitung. 1963 erreichte die Pipeline mit dem Namen "Freundschaft" das im Entstehen begriffene Petrolchemische Kombinat Schwedt, in dem das Öl aus dem Ural weiterverarbeitet werden sollte. "Jetzt haben wir es geschafft: Das Erdöl ist da", jubelte Walter Ulbricht bei der Einweihung der Pipeline. Einer merklichen Produktionssteigerung stand nun eigentlich nichts mehr im Wege.

Sieg des Sozialismus

Walter Ulbricht
SED-Chef Walter Ulbricht. Bildrechte: dpa

Auf der legendären Leunaer "Chemiekonferenz" wurde 1958 unter anderem beschlossen, die Chemieproduktion in der DDR bis zum Jahr 1965 wenigstens um das Doppelte zu erhöhen. Ein durchaus ehrgeiziges Ziel. Dies sollte vor allem durch die Errichtung neuer Produktionsanlagen sowie den Einsatz des sowjetischen Erdöls erreicht werden. Im Focus standen dabei vor allem Produktionssteigerung bei Plasten und Elasten, so die DDR-Begriffe für Kunststoffe und synthetische Fasern. Walter Ulbricht ging es dabei aber eben nicht allein um eine Steigerung der Wirtschaftskraft der DDR, sondern er sah das Chemieprogramm auch als ein politisches und soziales an: Mit der Stärkung der chemischen Industrie sollte das Lebensniveau der DDR-Bevölkerung erheblich gesteigert sowie der Sieg des Sozialismus über den kapitalistischen Westen eingeläutet werden.

Alltagsgegenstände aus Plaste und Elaste

1978 , Models in Minikleidern aus Dederon während der Frühjahrsmesse in Leipzig
Models präsentieren Kleider aus Dederon auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1978. Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Tatsächlich gelang es, die Produktion in der chemischen Industrie merklich zu steigern. Und schon wenige Jahre nach der "Chemiekonferenz" hielten Produkte aus Plaste und Elaste im Alltag der DDR-Bürger Einzug. Es gab kaum einen Lebensbereich, der nicht von der sogenannten "Plastifizierung" des Landes betroffen war. In den Geschäften und Kaufhäusern gab es allerlei Haushaltwaren, Möbel, Spielzeug sowie Camping- und Freizeitartikel aus Plastik. Aus der synthetischen Faser "Dederon" wurden unter anderem Kleider, Schürzen, Einkaufsbeutel, Teppiche, Bettbezüge und Gardinen gefertigt. Artikel aus Plaste und synthetischen Fasern wurden von der Werbung konsequent als modern und zukunftweisend angepriesen. Allerdings war es in späteren Jahrzehnten durchaus so, dass viele DDR-Bürger des uniformen Plastikdesigns überdrüssig waren und Produkte aus natürlichen Stoffen bevorzugten. Das war im Osten nicht anders als im Westen.

Scheitern des ehrgeizigen Chemieprogramms

Industriebetrieb in Bitterfeld.
Industrieanlagen in Bitterfeld. Bildrechte: imago stock&people

Das ehrgeizige Chemieprogramm der SED konnte seine Verheißungen indes nur in eingeschränktem Umfang einlösen. Für geplante und notwendige Investitionen in der Chemieindustrie fehlte wie überall zunehmend das Geld und es musste in vielen Betrieben weiterhin mit Anlagen produziert werden, die noch aus der Vorkriegszeit stammten. Am verhängnisvollsten wirkte sich jedoch die erhebliche Drosselung der Öllieferungen durch die Sowjetunion in den 1980er-Jahren aus. Die DDR sah sich genötigt, wieder verstärkt Braunkohle als Ausgangsstoff in der chemischen Industrie zu nutzen - mit schlimmen Folgen für die Umwelt.

Dreck, Verfall und Hoffnungslosigkeit

DDR : Der sogenannte Silbersee , eine Industriekloake in Bitterfeld , im Februar 1990
Der sogenannte "Silbersee" , eine giftige Industriekloake in Bitterfeld (Februar 1990). Bildrechte: IMAGO

Die Umweltbelastungen durch die chemische Industrie waren spätestens seit den frühen 1980er-Jahren dramatisch. Das Chemiedreieck Wolfen-Bitterfeld, Leuna und Schkopau galt als eine der belastetsten Gegenden Europas: Die Luft war beißend, giftige Chemikalien verwandelten Flüsse und Seen in Industriekloaken und im Boden lagerten Schwermetalle und Giftstoffe. "Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt", dichtete der Volksmund. Angesichts dieser verheerenden Umweltschäden in der Chemieregion hatten die Bürger für den alten Slogan "Chemie gibt Brot - Wohlstand - Schönheit" nur noch Hohn und Spott übrig. Er hatte sich mit den Jahren in sein komplettes Gegenteil verkehrt: Statt Wohlstand und Schönheit gab es nur noch Dreck, Verfall und Hoffnungslosigkeit. Auch hier lag eine der Wurzeln für das Aufbegehren der Bürger im Herbst 1989 und das Ende der DDR kaum ein Jahr später.

Quellen: Die Chemiekonferenz und ihre Folgen. Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, www.alltagskultur-ddr.de; Marcus Schulte, Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit, DRA-Spezial 18/2008; Martin Hartwig, Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit, DLF 2010; Andreas Ludwig, Katja Böhme, 50 Jahre Chemiekonferenz der DDR, Werkstattgeschichte 50 3/2008.)

(SL)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Lexi TV" 06.04.2018 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2018, 18:02 Uhr

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