Erich Honecker und Kim Il Sung
Staats- und Parteichef Kim Il Sung besucht die DDR zuletzt 1984. Auf dem Bild ist er zusammen mit SED-Chef Honecker zu sehen. Bildrechte: dpa

Ziemlich beste Freunde: Die DDR und Nordkorea

Für die DDR war Nordkorea ein geschätzter Partner. In Kalten-Kriegs-Zeiten waren beide Staaten Freunde im Kampf für einen "glorreichen Sozialismus". Erich Honecker und Kim Il Sung, der Großvater von Kim Jong-un, schätzten sich. - Ein Rückblick auf gemeinsame deutsch-nordkoreanische Zeiten.

Erich Honecker und Kim Il Sung
Staats- und Parteichef Kim Il Sung besucht die DDR zuletzt 1984. Auf dem Bild ist er zusammen mit SED-Chef Honecker zu sehen. Bildrechte: dpa

Die deutsche Botschaft in Pjöngjang liegt seit 2001 im Diplomatenviertel Munsu-dong, vom real existierenden Nordkorea durch strenge Bewachung getrennt. Vor dieser "Botschaft" (verbunden mit offiziellen diplomatischen Beziehungen) unterhielt das wiedervereinigte Deutschland hier eine "Interessensvertretung". Beides aber genau da, wo sich jahrzehntelang DDR-Diplomaten um die ausgezeichneten Beziehungen beider Länder kümmerten: Am früheren Sitz der DDR-Botschaft.

In Kalten-Kriegs-Zeiten sind die DDR und Nordkorea Freunde im Kampf für einen "Glorreichen Sozialismus". Man kennt, schätzt und besucht sich: 1977 und 1986 ist SED-Chef Honecker zu Gast im nordkoreanischen Bruderland. Zufrieden stellt er dort fest: "Völlige Übereinstimmung in allen behandelten Fragen". Auch Kim Il Sung, sein nordkoreanischer Kollege und Opa des heutigen Staatschefs Kim Jong-un, sieht das so.

Vereint im sozialistischen Lager

Seit November 1949 pflegt die DDR freundschaftliche, diplomatische Beziehungen zu Nordkorea. Damals ist die Deutsche Demokratische Republik gerade mal einen Monat alt, und knüpft hier ein "festes und unverbrüchliches Freundschaftsband", wie es im Diktum der Zeit heißt.

1954 nimmt Richard Fischer seine Arbeit als erster Botschafter der DDR in Pjöngjang auf. Nordkorea und die DDR sind im Schicksal vereint: Wie im geteilten Deutschland durchzieht Korea eine Nahtstelle des Kalten Krieges. In zahlreichen Begegnungen auf Regierungsebene betont man den gemeinsamen Kampf gegen "Imperialismus und Kapitalismus". Die Folge ist ein Unikum: Als einziges Land der Welt wird Nordkorea in den folgenden Jahren diplomatische Beziehungen zur DDR, nicht aber zur Bundesrepublik haben.

Dem Gleichklang der politischen Interessen folgt die wirtschaftliche Zusammenarbeit, die mit einem Abkommen über Waren- und Zahlungsverkehr im März 1955 begann und 1972 ihren Höhepunkt erreicht, wie es Liana Kang-Schmitz in ihrer Dissertation "Nordkoreas Umgang mit Anhängigkeit und Sicherheitsrisiko - Am Beispiel der bilateralen Beziehungen zur DDR", aus dem Jahr 2010 schreibt. "Danach pendelte sich der Handelsumsatz bis zum Ende des Jahrzehnts auf ein Niveau zwischen 100 und 150 Mio. Mark ein", so Kang-Schmitz.

Kleine Tricks unter Freunden

Ebenfalls noch in die fünfziger Jahre fällt der erste Besuch Kim Il Sungs in der DDR: 1956 bereist er mehrere sozialistische Länder - und sieht sich in der DDR unter anderem einen damaligen Vorzeigebetrieb an, die LPG im brandenburgischen Döbberin. Die Ausschnitte der damaligen Nachrichtensendung zeigen, wie sich der "Große Führer" in Ställen umsieht und eifrig den Kontakt zu den Bauern des Ortes sucht.

Kurios: Wie die "Berliner Zeitung" vor einigen Jahren herausfand, wollte Kim Il Sung auch knapp 30 Jahre später, bei einem erneuten DDR-Besuch die gleiche LPG sehen. Da diese allerdings längst nicht mehr so vorzeigbar war, lotsten die SED-Oberen den geschätzten Freund ins 30 Kilometer entfernte Golzow, um ihm eine präsentable LPG zeigen zu können.

DDR-Ingenieure in Nordkorea

Zahlreiche Abkommen zur Verbesserung der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und technisch-wissenschaftlichen Zusammenarbeit begleiten die gemeinsamen Jahre. So schickt die DDR Anfang der 1980er-Jahre Ingenieure des DDR-Großkombinats Robotron in das kommunistische Nordkorea. Zu den Spezialisten gehören auch Siegbert Speck und Fritz Heydemüller. Im kommunistischen Bruderland sollen sie ein Rechenzentrum errichten. Mit der Reise in die "Demokratische Volksrepublik Nordkorea" lösen Speck und Heydemüller allerdings ein Ticket, das ihnen auch die eigene sozialistische Gesellschaftsordnung und Geschichte vor Augen führt.

Von maßlos übertriebenen Sicherheitsbestrebungen, Euphorie, Lügen und Verblendung berichten sie später im Interview mit dem MDR. Auch das Freizeitprogramm ist straff durchgeplant. Ebenso wichtig wie das leibliche Wohl der Gäste ist den Gastgebern die ständige Lobpreisung des großen Führers Kim Il Sung. Ein Vorteil des Freizeitprogramms ist damals jedoch, dass die Robotroner fotografieren und filmen dürfen. Bernd Heydemüller gelingen mit seiner 8mm-Kamera einzigartige Aufnahmen.

Für uns war das ein Kontrastprogramm, wir fühlten uns in Nordkorea wie Westler. Wir kamen ja auch geografisch aus dem Westen, aber das war noch etwas mehr. (…) Man wusste nie, ist das Wahrheit oder ist das Lüge, lieben die Leute den Führer wirklich so oder haben die nur Angst?

Siegbert Speck ehemaliger Robotron-Ingenieur

Treue bis zum Ende

Die Freundschaft beider Regime überdauert die Jahrzehnte. Noch unmittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer versichert Kim Il Sung Honecker und der SED-Führung betont verbunden seine Unterstützung im Kampf gegen die "anti-sozialistischen Offensiven der Imperialisten". Beide spenden den Pekinger Machthabern rasch und vorbehaltlos Beifall für die blutige Niederwerfung der Demokratiebewegung.

Als Honecker nach dem Ende der DDR auf Asyl irgendwo in der Welt hofft, bietet sich wiederum das Reich des "Großen Führers" gerne an - wie übrigens auch schon einige Monate zuvor, als Rumäniens Diktator Nikolae Ceaucescu eine neue Bleibe sucht - bevor er kurz vor dem Abflug aus Bukarest gestoppt und hingerichtet wird. Aus "rein humanitären und menschlichen Gründen" wolle man das Ehepaar Honecker aufnehmen, heißt es damals.

Wie der Vater, so der Sohn?

Bei Kim Jong Il, Sohn Kim Il Sungs, führt die Verbundenheit mit der DDR schnell ins Reich der Spekulation: Wirtschaftswissenschaften soll er hierzulande studiert haben, auch von einer Ausbildung zum Jagdflieger bei der NVA ist hier und da zu lesen. Doch als er 1994 seinen Vater beerbt, ist die DDR längst Geschichte.

(me | reuters, dpa und Berliner Zeitung)

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 30.11.2017 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2018, 09:00 Uhr