Fremde Freunde - DDR-Bürger und Sowjetsoldaten

In 20 Jahren verblassen viele Erinnerungen, auch unter Freunden. Was ist aus der verordneten und gelenkten Freundschaft zweier Völker geworden, deren Menschen zusammen in einem Land lebten und sich doch so fern waren? Wir haben junge Menschen auf ihrer Spurensuche begleitet.

Rotarmisten auf Panzern, 1979 in Wittenberg
Bildrechte: imago/Werner Schulze

Sie waren Befreier und Besatzer gleichermaßen, Brüder und Freunde, denen man die Freiheit und das Ende des Nationalsozialismus zu verdanken hatte. Untrennbar verband man die Geschicke und die Zukunft des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden mit der ruhmreichen Sowjetunion und ihren Soldaten, die fortan in Deutschland stationiert waren.

Organisierte Freundschaft

Bei all dem Dank, zu dem man gegenüber der Sowjetunion verpflichtet war, entwickelte sich in den Jahren des engen Nebeneinanders eine fremde Freundschaft, denn die guten Beziehungen beider Völker waren Teil der Staatsraison. Viele Kinder und Jugendliche kannten den russischen Soldaten wohl eher aus Büchern und Erzählungen als aus dem Alltag. Große Tore mit roten Sternen, aus denen schier endlose Lkw-Kolonnen hinaus- und wieder hereinfuhren, zeugten von dem Verhältnis zueinander. Auch die Soldatenfamilien der Fähnriche und Offiziere blieben unter sich, jeder auf seinem Teil der "Grünen Zäune", die es in fast allen Garnisonsstädten gab.

Die Schattenseiten der Geschichte, die beide Völker verbunden hatte, blieb ohnehin Tabu, selbst, wenn man sich kontrolliert zum geselligen Beisammensein zusammenfand. Wurde das Verhältnis zu eng oder bahnte sich eine Liebesbeziehung an, wurde hart durchgegriffen. Zu stark schien der Kontrollzwang und die Angst vor dem Unkontrollierbaren auf beiden Seiten gewesen zu sein.

Die zweite Generation danach: Dima Bykow

Dima Bykow ist Solist im Alexandrow-Ensemble, dem Kulturensemble der russischen Armee. Seine Kindheit verbrachte er in Eberswalde und Deutschland nennt er seine zweite Heimat, schließlich lernte er als erstes auf Deutsch zu lesen. Wie sein Vater wollte er im Soldatenchor singen und in Deutschland dienen. Vor Kurzem ist er für einen Auftritt nach Deutschland zurückgekehrt.

Die erste Erinnerung, das ist der Geruch von Braunkohle. Den habe ich immer noch in der Nase, und den Geruch der Wälder. Ich versuche jedes Mal, wenn ich in Deutschland bin, auch wenn wir nur durchfahren, etwas von hier aufzunehmen.

Dima Bykow

Beim Konzert des Alexandrow-Ensembles im Herbst 2012 in Leipzig ist viel Nostalgie zu spüren. Doch hat der Besucherandrang auch etwas mit einem Bedürfnis nach Begegnung zu tun, dem Wunsch zu verstehen, was in den gemeinsamen Jahren und in den turbulenten Zeiten danach geschah. Der Abschied aus Deutschland, so berichtet Dima heute, hatte die Familie schockiert und auf eine Weise auch beleidigt. Es war kein würdiger Abschied.

Für Florian und Lucas fangen die Fragen erst an

Florian Kleiner, geboren 1987, und Lucas Pfannstiel, geboren 1988, haben den Abzug der Roten Armee Anfang der 1990er-Jahre in der Nähe von Weimar als kleine Kinder erlebt. Die verlassene Kaserne war einst der größte Hubschrauberflugplatz der Sowjetarmee in der DDR und ist seit jeher weit mehr als ein Abenteuerspielplatz für die beiden jungen Männer.

Auf dem Flugplatz Nohra waren einmal 4.000 Soldaten stationiert. Heute erinnern verfallene Gebäude und einige Denkmäler an die damalige militärische Präsenz. Der Verein "Flugplatz Nohra", in dem auch Florian und Lucas engagiert sind, hat Kontakt zu ehemaligen Sowjetsoldaten geknüpft, die hier stationiert waren. Gemeinsam wollen sie die unbekannten Geschichten des Ortes entdecken. Gerade der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus dem Thüringischen war bei weitem nicht so glanzvoll wie die Paraden, die 1994 in Berlin abgehalten worden waren. Als am 21. November 1992, vor zwanzig Jahren also, die 80.000 in Thüringen stationierten Sowjetsoldaten offiziell verabschiedet wurden, blieb man unter sich. Ein stiller Abschied, ohne öffentliche Abschiedsparade von Bund und Land. Umso mehr wollen Florian und Lucas wissen, wie es damals war, wie die Menschen der "Bruderländer" miteinander und doch nebeneinander lebten.

Buchtipp: Silke Satjukow: Besatzer - "Die Russen" in Deutschland 1945-1994
405 Seiten
Vandenhoeck & Ruprecht
vergriffen, nur als E-Book erhältlich
ISBN 978-3-525-36380-5
Preis: 27,95 Euro

Silke Satjukow, Historikerin an der Universität Jena, beschäftigte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Kapitel der sowjetischen Besatzung durch die Rote Armee - ab 1946 Sowjetarmee - zwischen 1945 und 1994. Sie sagt, dass die Ostdeutschen seit einigen Jahren die russische Besatzung als Teil ihrer Geschichte akzeptieren und anfangen, sich dafür zu interessieren. Derzeit untersucht die Historikerin das Phänomen der sogenannten "Russenkinder", die unehelichen Kinder aus Beziehungen zwischen ostdeutschen Frauen und Angehörigen der Sowjetarmee.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Geschichte Mitteldeutschlands - Das Magazin: Fremde Freunde - Die Sowjetarmee in der DDR | 13.11.2012 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2018, 11:47 Uhr