Bürgerrechtler beim Friedensgebet am 09.10.1989 in der Nikolaikirche in Leipzig. Die regelmäßigen Friedensgebete waren eine Vorstufe der ab Herbst 1989 in Leipzig stattgefundenen Montagsdemonstration.
Nikolaikirche 1989, Leipzig. Bildrechte: dpa

Religion und Staat DDR - Kampf gegen die Kirche

Pfingsten gilt als "Geburtstag der Kirche". Doch wie war es eigentlich um die christliche Gemeinde in der DDR bestellt? Und wie positionierten sich die Kirchen zur Politik der DDR-Machthaber?

Bürgerrechtler beim Friedensgebet am 09.10.1989 in der Nikolaikirche in Leipzig. Die regelmäßigen Friedensgebete waren eine Vorstufe der ab Herbst 1989 in Leipzig stattgefundenen Montagsdemonstration.
Nikolaikirche 1989, Leipzig. Bildrechte: dpa

Ähnlich wie die Verfassung der Bundesrepublik sicherte auch die Verfassung der DDR dem Einzelnen Glaubens- und Gewissenfreiheit zu. Doch während noch 1949 in der Verfassung der DDR den Kirchen das Recht eingeräumt wurde, zu Lebensfragen des Volkes Stellung zu beziehen, wurde dieses Recht in der revidierten Fassung von 1968 gestrichen. Längst hatte der Staat begonnen, den Handlungsspielraum der Kirchen einzuschränken - sie sollten aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden. Dieser Politik blieb die SED-Führung treu, auch wenn sich im Verlauf von 40 Jahren Stil und Methoden änderten. Die Kirchen wehrten sich gegen Ausgrenzung und Einschränkungen. Sie versuchten, die Spielräume so weit wie möglich auszuschöpfen, die katholische aber anders als die evangelische Kirche.

Verschiedene Phasen der Kirchenpolitik

Während der sowjetischen Besatzung konnten die Kirchen relativ ungestört arbeiten, erst zu Beginn der 1950er-Jahre begann der Kampf gegen sie: Die Jungen Gemeinden wurden als illegale Jugendorganisationen bezeichnet und tausende christliche Schüler mussten die Oberschule verlassen. Bahnhofsmissionen wurden geschlossen und konfessionellen Pflegeheimen drohte die Enteignung. Auf Druck von Moskau änderte die DDR-Führung Anfang der 1950er-Jahre ihren Kurs. Statt auf direkte Angriffe setzte man nun auf ideologische Auseinandersetzung. In dem die Jugendweihe eingeführt und der Religionsunterricht aus den Schulen verbannt wurde, entzog der Staat der jungen Generation den weltanschaulichen Einfluss der Kirchen.

Die Kirchen nach dem Mauerbau

Der Bau der Mauer trennte auch die Gläubigen in Ost und West. 1969 antworteten die evangelischen Kirchen auf die neue Situation mit der Gründung des "Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR". Damit war aber die Frage, welche Haltung man gegenüber diesem Staat marxistisch-leninistischer Prägung einnimmt, nicht beantwortet. Es gab immer wieder Versuche, das eigene Selbstverständnis zu definieren, zum Beispiel mit der Formel "Kirche im Sozialismus", aber nie eine grundsätzliche Stellungnahme.

Als sich das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in den 1970er-Jahren zu entspannen schien, sorgte die Tat eines Einzelnen für Aufruhr. "Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen". Diese Botschaft montierte der Zeitzer Pfarrer Oskar Brüsewitz im August 1976 auf sein Auto, danach übergoss er sich mit Benzin und zündete sich an. Wenige Tage später starb er. Seine Tat wirkte nach und ermutigte andere zur Kritik und zum Protest.

Spitzengespräch 1978

Nach langen Vorverhandlungen empfing Erich Honecker am 6. März 1978 eine Delegation evangelischer Kirchenleitungen zu einem Gespräch. Außer Respekt- und Toleranzbekundungen wurden den Kirchen von der Staatspartei die Möglichkeit zu Gefangenenseelsorge, kirchlichen Fernsehsendungen und verbesserte diakonische Arbeitsmöglichkeiten eingeräumt. Diese Zugeständnisse gab es nicht zuletzt in der Hoffnung, die Kirchen würden helfen, das System zu stabilisieren.

Friedensgruppen und Basisinitiativen

Schon in den 1960er-Jahren gab es unter dem Dach der Kirche Friedensgruppen. Aber erst in den 1980er-Jahren wurden diese Gruppen politisch aktiver und vernetzten sich mit außerkirchlichen Oppositionellen und Umweltaktivisten. Die Kirchen wurden zu einem Ort des freien Wortes, einem Sammelbecken für Enttäuschte und Engagierte. Von hier nahmen die Veränderungen vom Herbst 1989 ihren Anfang.

Demonstrationsteilnehmer tragen 1987 ein Transparent mit dem Spruch - Olof Palme Marsch für eine atomwaffenfreie Zone - .
Etwa 1.000 Mitglieder unabhängiger DDR-Friedensgruppen demonstrieren am 5. September 1987 unangemeldet in Ost-Berlin gegen die Atomraketen in der DDR, der CSSR und der Bundesrepublik Deutschland. Bildrechte: dpa

Fazit

1945 waren 90 Prozent der Menschen in Ostdeutschland Kirchenmitglieder, 1989 noch etwa 25 Prozent. Auch wenn der Traditionsabbruch beträchtlich war, die Kirchen hatten sich ihre Unabhängigkeit bewahrt. Die Stasi versuchte zwar auch die Kirchen, wie alle gesellschaftlichen Gruppen, zu unterwandern: Wichtige innerkirchliche Entscheidungen konnte sie jedoch nicht beeinflussen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Der Osten - Entdecke wo du lebst | 21.05.2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2019, 16:24 Uhr