Neuanfang im Westen

Erst im Juli 1985, nach acht Monaten der Ungewissheit, wurden die Eltern durch die Bundesregierung freigekauft. Noch einmal zwei Monate dauerte es, bis die beiden Töchter in den Westen nachkommen durften. Doch die Trennung, der Riss, der durch die Familie ging, hinterließ bei Josefine und Luise tiefe Narben. Die beiden Menschen, die sie in Hamburg in Empfang nahmen, waren nicht mehr ihre Eltern, wie sie sie in Erinnerung hatten.

Die Haft hatte bei ihnen Spuren hinterlassen: Seelisch und körperlich erschöpft, um 20 Kilo abgemagert, irgendwie "geschrumpft", so kamen sie ihnen vor. Freilich erkannten sie hinter den eingefallenen Gesichtern mit den tiefen Augenringen ihre geliebten Eltern. Ohne Geld und voneinander entfremdet versuchte die Familie ausgerechnet im Stadtteil St. Pauli wieder Fuß zu fassen. Eine komplett neue und fremde Welt. Ein Abenteuer für die Mädchen und ein Ort, an dem der Vater wieder Geschichten fand und mit der Kamera einfing.

Suche nach den Wurzeln

Lange sah es für die beiden Schwestern nicht so aus, als ob sie jemals wieder in ihre Heimatstadt Potsdam zurückkehren würden. Inzwischen ziehen sie aber in der Stadt ihrer verlorenen Kindheit ihre eigenen Kinder groß, arbeiten bzw. studieren hier.

Die beiden erwachsenen Frauen sagen heute, dass es kein Zufall war, denn die Sehnsucht war immer da. Auch wenn das Potsdam ihrer Kindheit verschwunden ist: In der alten Wohnung der Familie hat heute eine Kanzlei ihren Sitz und im Kinderzimmer der beiden Schwestern hat ein Anwalt seinen Schreibtisch. Auch wenn Josefine und Luise Schönemann in ihrer alten Heimatstatt manchmal eine seltsame Leere fühlen, hoffen sie hier wieder ihr Glück zu finden.

Buchtipp: Anne und Susanne Schädlich (Herausgeber): "Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West "
317 Seiten,
München: Heyne 2012,
ISBN: 978-3-453-20008-1

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2018, 12:57 Uhr