Historische Sexspielzeuge Vom "Muschikater" zum "Womanizer": Die Geschichte des Vibrators

"Plug + Play: 150 Jahre Vibrator – Ein Jubelband" heißt das Buch von Nadine Beck und ist ein interessanter und teilweise amüsanter Streifzug durch die Historie der rüttelnden und schüttelnden Lustbringer. Schon Kleopatra soll Marmordildos und eine mit Bienen gefüllte Papyrustüte zur Stimulation benutzt haben. So gesehen war das der erste Vibrator, wie die Historikerin aufklärt.

Historikerin Nadine Beck stellt in Hamburg Vibratoren und andere Sexspielzeuge aus 150 Jahren aus.
Historikerin Nadine Beck hat ihre Doktorabreit zu 150 Jahren Vibrator geschrieben. Bildrechte: MDR/Robert Weinhold

In einer Seitenstraße neben der Hamburger Reeperbahn gibt es eine alte Apotheke. Hier stellt Nadine Beck Vibratoren aus 150 Jahren aus. Dass sie dafür diesen Ort gewählt hat, eine bewusste Entscheidung. Denn Beck ist davon überzeugt, dass Sexualität seit Menschengedenken etwas mit Psychohygiene zu tun hat. "Ich finde sexuelle Gesundheit ist total wichtig. Und Vibratoren oder Massagestäbe, wie sie früher hießen, sind Ausdruck einer Gesundheitsfrage", so Beck.

Der Orgasmus als Hysterie-Therapie

Diese Einstellung ist, vor allem historisch betrachtet, gut nachvollziehbar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Frauenkrankheit "Hysterie" weit verbreitet. Obwohl es das "Krankheitsbild" bereits in der Antike gab, hatte die Hysterie Anfang 1900 in mehrerlei Hinsicht ihren Höhepunkt. Zu den klassischen Symptomen gehörten: "Angstzustände, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Nervosität, erotische Fantasien, ein Gefühl der Schwere im Unterleib ...". Die Historikerin Rachel Maines beschreibt in ihrem Buch "The Technology of Orgasm", dass diese Zustände der "Hysterie" durch Orgasmen der Patientinnen gemildert wurden. Das passierte meistens durch ärztliche Handarbeit. Der Vibrator half dem medizinischen Personal, wenn es bei den Unterleibsmassagen schwere und müde Arme bekam.  

Historikerin Nadine Beck stellt in Hamburg Vibratoren und andere Sexspielzeuge aus 150 Jahren aus.
Sogar Sigmund Freud erkannte Orgasmen als Therapie für "hysterische" Frauen an. Entsprechende Geräte unterstützen das medizinische Personal bei ihren "Unterleibsmassagen". Bildrechte: MDR/Robert Weinhold

Durchgebrannte Kabel, heißgelaufene Geräte

"Im Patentamt sind um 1900 die ersten Einträge verzeichnet. Aber es gibt schon viel früher die ersten Vibratoren", so Beck. Der amerikanische Arzt George Henry Taylor hat 1869 die erste Dampfbetriebene Rüttelmaschine mit dem Namen "Manipulator" erfunden. Und 1883 bringt der Engländer Joseph Mortimer Granville den "Klopfer" auf den Markt. Der "Radfahr-Trabreit-Apparat Hellas", ein aus heutiger Sicht martialisch anmutendes Gerät, war lange Zeit das Non-Plus-Ultra im Bereich der Hysterie-Therapie.

Mit Aufkommen der Elektrizität eröffneten sich auch im Bereich der vibrierenden Massagegeräte ganz neue Möglichkeiten. "Technik und Sexualität ist ganz stark miteinander verbunden. Man hat die Geräte mit einer Verlängerungsschnur früher auch in die Lampenfassung eingeschraubt. Damit gingen aber einige Probleme einher: Die Geräte liefen heiß, die Lagerung dieser Kugellager lief nicht so rund und ruckelte. Wie viele Unfälle da passiert sind, das kann man sich nicht vorstellen", erzählt Beck ein wenig amüsiert über ihre Recherchen. Und die dauerten Jahre. In Marburg promovierte Beck zum Thema Vibrator. Auszüge daraus veröffentlichte Beck als Buch mit dem Titel "Plug and Play. 150 Jahre Vibrator. Ein Jubelband."

Historikerin Nadine Beck stellt in Hamburg Vibratoren und andere Sexspielzeuge aus 150 Jahren aus.
In einer alten Apotheke in einer Seitenstraße der Hamburger Reeperbahn stellt Beck die historischen Geräte aus. Bildrechte: MDR/Robert Weinhold

Weimarer Zeit: Zügellos und frei

Besonders einen Umstand findet Beck faszinierend: "Wir waren in unserer Sexualität schon mal viel freier als jetzt." Besonders in den 20er und 30er Jahren gab es kaum Grenzen. Bei ihren Recherchen ist Beck auf einen Pornostreifen aus den 30ern gestoßen mit dem Namen "Massage", wo zwei Nonnen im Mittelpunkt des Geschehens stehen. "Hätte ich den nicht gefunden, könnte ich nur erraten, wie gelebte Sexualität zu dieser Zeit aussah. Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, desto besser werden ja solche Quellen zugänglich. Das war übrigens einer der vielen Momente, wo ich dachte: "Oh Gott, niemand darf sich meinen Browserverlauf angucken", lacht Beck.

Nach 1945: Stunde Null der deutschen Sexualität

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ging es in deutschen Betten einigermaßen frei zur Sache. Doch mit Ende des Krieges fing Deutschland in Sachen Sexualität bei Stunde Null an - meint Nadine Beck. "Die Männer kamen aus dem Krieg nach Hause, äußerlich unversehrt. Aber die Performance war im Bett nicht vorhanden, weil sie ein Kriegstrauma hatten. Manchmal fehlte aber eben auch das entscheidende Teil." Doch darüber wurde nicht gesprochen. Außerdem war die oberste Prämisse in der Nachkriegszeit: bloß keine Kinder bekommen.

Doch im Gegensatz dazu stand das Bedürfnis nach Nähe und Sexualität. Das war die Zeit, in der Beate Uhse anfing, den sexuellen Markt zu revolutionieren. Ihre "Schrift X" über die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode verkaufte sich bis 1947 etwa 30.000-mal. "Ich finde, Beate Uhse hat das nach dem Zweiten Weltkrieg super hingekriegt, dass die Paare wieder aufeinander zugehen. Es gibt noch ein paar handgeschriebene Briefe in dem Beate-Uhse-Archiv, wo Männer oder Ehepaare erzählen, wie dankbar sie für Uhses Ratschläge sind, weil die Ehe wieder funktioniert."

DDR-Bürger nach dem Einkauf im Beate-Uhse-Laden am Zoo (Berlin/1989)
DDR-Bürger nach dem Einkauf im Beate-Uhse-Laden am Berliner Zoo. Bildrechte: IMAGO

Doch Uhse musste sich immer wieder vor Gericht verantworten, weil sie gegen den Paragraf 184 - Anstiftung zur Unzucht - verstoßen würde.

Diese plötzlichen Gesetze gegen Obszönität waren in meinen Augen nur dazu gedacht, Frauen in ihrer Sexualität zu reglementieren. Die waren dazu gedacht, Menschen vor dem zu schützen, was als unsittlich galt und das Moralempfinden störte. Aber irgendwie sind wir in der BRD noch mal ganz anders abgebogen, als die DDR.

Vibrator-Schmuggel in die DDR

Im Rahmen ihrer Promotion zum Thema Vibrator, hat Beck auch Fragebögen an ehemalige DDR-Bürger geschickt. Die Antworten sind für sie sehr interessant. Denn im Osten schien es dieses "hochmoralische Konstrukt von Kirche und Doppelmoral, wie wir es in der BRD aufgebaut haben, nicht gegeben zu haben". Generell war die DDR im Umgang mit Sexualität wesentlich entspannter als der Westen. Allerdings waren Sexspielzeuge verboten, obwohl Beck auch in ihren Fragebögen bestätigt bekam, dass es "der ein oder andere Vibrator über die Grenze geschafft hat."

Historikerin Nadine Beck stellt in Hamburg Vibratoren und andere Sexspielzeuge aus 150 Jahren aus.
Die Handwäscheschleuder wurde von Frauen für ihre Zwecke umfunktioniert. Bildrechte: MDR/Robert Weinhold

Aber gelebte Praxis sah in der DDR eher so aus, dass Haushaltsgegenstände umfunktioniert wurden: Die Wäscheschleuder, der Pflanz-Fix oder die elektrische Kaffeemaschine. "Mehrere meiner Zeitzeugen berichteten auch, dass man sich in der DDR aus Wachs – oder auch Holz – Penisse geschnitzt hat." Was es aber natürlich frei zu kaufen gab, waren: Massagegeräte. Komet MA1, Dixette, Vibrella. "Die wurden aber nicht für einen verspannten Nacken benutzt – wie das im Otto- oder Neckermann-Katalog immer verkauft wurde", klärt Beck auf.

Der Komet MA1 - bis heute ein Klassiker in deutschen Betten

Bis heute, so weiß Nadine Beck von ihren Gesprächen mit Zeitzeugen, werden gerade Massagegeräte wie dieser Komet MA1 von Paaren genutzt. "Das ist nicht nur Nostalgie oder Ostalgie, sondern die Funktion des Gerätes ist total langlebig, zuverlässig und die Paare haben sich daran gewöhnt. Heute werden diese Geräte auf Flohmärkten wieder gehandelt."

Historikerin Nadine Beck stellt in Hamburg Vibratoren und andere Sexspielzeuge aus 150 Jahren aus.
Der "Komet MA1": Heute immer noch aus ostalgischen Gründen ein gern genutzer Begleiter im Schlafzimmer. Bildrechte: MDR/Robert Weinhold

Die Stasi machte sich das Verbot von Sexspielzeugen übrigens zu Nutze. "Die haben dann zum Beispiel bei einer Pfarrersfrau mal einen Vibrator auf dem Nachttisch platziert, um die irgendwie in eine moralische Bredouille zu bringen und danach zu erpressen. Für die Stasi war das kein Problem, an die Sachen zu kommen", erzählt die Historikerin. Auch während der Messezeit in Leipzig, so hat Beck herausgefunden, hat die eine oder andere Prostituierte einen "Massagestab von ihren Westvertretern geschenkt bekommen."

 Vom "Muschikater" zum "Womanizer"

Während die Vibratoren in den 60er, 70er und 80er Jahren noch Namen wie "Muschikater", "Strammer Max" oder "Doppelbock" hatten, aus Hartplaste waren und das ein oder andere Kabel durchbrannte, ist die Industrie heute weiter. Jetzt gibt es Womanizer, die per USB aufgeladen werden können, mit Strasssteinen verziert sind und in jede Handtasche passen. "Der Vibrator ist eines der tollsten Geräte, die es für alle Menschen auf dieser Welt gibt. Man kann so viel entdecken und heilen und es ist einfach ein Geschenk des Weltgeistes an die Menschen", sagt Nadine Beck.  

Vibratoren
Heute haben Vibratoren handtaschengröße, sind per USB-Kabel aufladbar oder sind mit Strasssteinen verziert. Bildrechte: dpa

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | Wildwest nach der Wende | 17.04.2018