Porträt Rennfahrerin Helga Heinrich-Steudel

Die Frau mit 99 Oktan in den Adern

Als Helga Steudel war sie zehn Jahre lang die einzige erfolgreiche Rennfahrerin in der DDR auf dem Motorrad – als Helga Heinrich begann sie eine zweite Karriere im Autosport.

Helga Heinrich-Steudel
Bildrechte: Silke Hüttenrauch

Ein Motorradrennen in Bautzen 1959. Mit am Start eine 20-jährige Fahrerin, gewieft und gewandt, elegant in den Kurven, unglaublich schnell. Auf ihrer 350er Java hat sie in der Qualifikation die männliche Konkurrenz abgehängt – und muss sich jetzt am Start Kommentare anhören wie "Du gehörst doch an den Kochtopf". Verunsichert sei sie gewesen, erinnert sich Helga Heinrich-Steudel, aber auch trotzig.

Nach dem Startsignal springt die Maschine nicht an, die "Rennamazone", wie sie einige der 27 Konkurrenten nennen, verliert ihre Spitzenposition, kann aber wieder zu den Führenden aufschließen. Dann wird sie in die Zange genommen, und in der Ziegeleikurve an den Rand der Kopfsteinpflasterstraße gedrängt. Sie stürzt, zieht sich eine Knieverletzung mit Bänderabriss zu, muss vier Wochen ins Krankenhaus.

Motorradkauf mit Gipsbein

Doch ihre Rennbegeisterung kennt keine Grenzen. Helgas Freund und späterer Mann Dieter setzt die Frau mit dem Gipsbein auf den Sozius seines Motorrades und fährt sie von Mylau im Vogtland nach Nossen bei Dresden. Dort ist eine 125er MZ RE zu verkaufen, eine echte Rennmaschine, die Helga Steudel mit geborgtem Geld erwirbt. Und schon bald ist sie wieder auf den Rennstrecken unterwegs.

Das herrliche Gefühl, in der Kurve die optimale Linie zu finden, sei der größte Reiz am Rennsport, sagt Helga Heinrich-Steudel. Sie fand die Ideallinie – und fuhr einige Male Siege bei großen Rennen ein.

Die schnelle Helga - international ausgebremst

Melkus hatte damals seinen Rennwagen-Sportcoupe RS 100 konstruiert – auf Wartburgbasis mit Flügeltüren – und suchte populäre Fahrer, die mit dem neuen Gefährt an den Start gingen.

Der größte Sieg war sicher der von 1965 auf dem Sachsenring. Ein spektakuläres Regenrennen der nationalen Ausweisklasse – und die schnelle Helga erreichte mit ihrer unverkleideten MZ Rundenzeiten, die ihr sogar einen Start im Weltmeisterschaftslauf gesichert hätten. Leider nur hätten, denn das Reglement des Weltverbandes FIM erlaubte keine Lizenz für Frauen im internationalen Motorradrennsport. Und ohne Starts im Ausland, erinnert sich die 1939 geborene und noch immer sportbegeisterte Dame aus dem Vogtland, hatte sie nie eine Chance, Werksfahrerin von MZ zu werden, trotz ihrer enorm guten Zeiten. Und so beendete sie 1967 ihre Motorradkarriere – um alsbald auf ein Angebot von Heinz Melkus einzugehen.

Helga auf vier Rädern und unter Flügeltüren

Helga Heinrich - sie hatte 1969 geheiratet - nahm das Angebot an und sorgte vor allem in der Bergrenn-Szene für reichlich Furore. Sie stand am Inselsberg auf dem Siegerpodest, zeigte ihre Klasse unter anderen beim Ilmenauer Bergrennen, am Glasbach, beim Adlersbergrennen Suhl, dem Eisenacher Bergrennen, am Heuberg und in Ruhla. Bis 1983 war sie aktive Fahrerin – und auch danach ließ sie es sich nicht nehmen, bei Classic-Veranstaltungen mitzufahren.

Motorsport - nichts für zarte Seelen

Das Motorrennen nicht ungefährlich sind, weiß Helga Heinrich-Steudel seit ihren ersten Rennen. Sie hat Freunde auf den Rennstrecken sterben sehen – und selbst erst vor kurzem bei Tempo 130 einen folgenreichen Unfall gehabt. Schlüsselbeinbruch, Titanstifte in den Fingergelenken. Und dennoch lässt es sich die Grande Dame des ostdeutschen Rennsports nicht nehmen, weiter ihrer Begeisterung zu frönen.

(zuerst veröffentlicht am 15.06.2009)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Donnerwetter: Deutschlanfs älteste Rennfahrerin | 06.10.2011 | 19:50 Uhr