Vom Helden zum Verräter

Eigentlich ist Ernst Degner mit seinem Motorrad auf dem Weg zum ersten WM-Titel für einen DDR-Rennstall. Doch vom großen Preis in Schweden kehrt er im September 1961 nicht zurück. Eine Geschichte von Flucht und Verrat.

von Uwe Karte

Ernst Degner 1961 auf einer MZ
Fahrer und Maschine wie aus einem Guss: Auf dem Sachsenring 1961 sind Ernst Degner und seine MZ unschlagbar. Bildrechte: Motorrennsportarchiv/Theer

Er soll den ersten WM-Titel für den Motorsport der noch jungen DDR holen: Ernst Degner. Doch der MZ-Pilot, der noch im Juli mit seinem Sieg auf dem Sachsenring 250.000 Zuschauer in Ekstase versetzte, hat andere Pläne. Er ist wild entschlossen, die DDR zu verlassen. Und zwar für immer. Er hat sogar schon heimlich einen Vorvertrag beim japanischen MZ-Konkurrenten Suzuki unterschrieben.

Degner fährt an einer MZ-Reklame vorbei.
Auf der frisch asphaltierten Strecke zieht Degner an der MZ-Reklame vorbei. Bildrechte: Motorrennsportarchiv

Umbruch in der DDR

Dabei hätte die DDR eine Erfolgsgeschichte gerade gut gebrauchen können. Der Arbeiter- und Bauernstaat durchlebt die schwierigste Phase seit seiner Gründung. In Berlin ist Wochen zuvor der "antifaschistische Schutzwall" errichtet worden, die Mauer. Sie besteht aus 20.000 Betonpfeilern, 300 Tonnen Maschendraht und eigentlich dringend für den Wohnungsbau benötigten Hohlblocksteinen.

Frau und Söhne in Freiheit

Ein Mechaniker hilft Ernst Degner auf dem Weg zum Vorstart.
Ein Mechaniker aus dem MZ-Rennkollektiv hilft Ernst Degner während seiner ersten Saison als Werksrennfahrer auf dem Weg zum Vorstart. Bildrechte: Motorrennsportarchiv/Winkler

Am 12. August 1961 startet Degner beim Ulster Grand Prix im irischen Dundrod und erringt einen zweiten Platz. Glücklich und zufrieden fällt er am Abend nach dem Rennen ins Bett. In der Gewissheit, dass seine Frau Gerda, die an diesem Tag mit ihren beiden Söhnen nach Potsdam gereist ist, am nächsten Morgen die Republik mit der S-Bahn für immer verlassen wird. Wie groß muss der Schock gewesen sein, als Degner auf der Heimreise beim Besteigen der Fähre, die ihn über den Ärmelkanal bringen soll, von den Ereignissen in Berlin hört.

Kurz vor dem Eklat

Monza, Anfang September 1961: Degner übernimmt mit seinem Grand-Prix-Sieg die Führung in der WM-Wertung. Jetzt trennen ihn nur noch zwei Rennen vom Titel. Vor dem Start im schwedischen Kristianstad ist er außergewöhnlich nervös. Doch im Zschopauer Racingteam fällt das niemandem auf. Schließlich kann der MZ-Star Weltmeister werden. Niemand ahnt, dass Degner noch einen anderen Grund hat, ziemlich unruhig zu sein. Auf dem Weg nach Schweden hat er erfahren, dass Frau und Kinder im Kofferraum eines amerikanischen Straßenkreuzers in den Westen geschleust worden sind. Damit ist für ihn klar, er wird nach dem Rennen nicht in die DDR zurückkehren.

Der Verrat

Das Rennen um den Großen Preis von Schweden gerät für MZ zum Desaster. Da aber auch Degners Mitkonkurrenten auf ihren Hondas patzen, nehmen alle seinen Kolbenfresser als gegeben hin. Der DDR-Fahrer liegt in der WM-Wertung noch immer vorn. Nur MZ-Teamchef Walter Kaaden wird bis zu seinem Lebensende schwören, dass Degner seine Maschine absichtlich zum Ausfall trieb.

In der Nacht nach dem Rennen setzt sich der kommende Weltmeister ab und übergibt dem Fluchthelfer vom japanischen Suzuki-Team zunächst die avisierten Bauteile und Konstruktionsunterlagen des MZ-Zweitakters. Für Degner ist es die Anschubfinanzierung für sein neues Leben. Am nächsten Tag schließt er in Süddeutschland seine Familie in die Arme.

Am 1. Oktober füllt Ernst Degner ein letztes Mal die Schlagzeilen der DDR-Presse. Das SED-Sprachrohr "Neues Deutschland" meldet: "Ernst Degner ist zum Verräter geworden, [...] hat sich von kapitalistischen Konzernen kaufen lassen, [...] verriet Werksgeheimnisse über die erstklassigen und in aller Welt gefragten MZ-Maschinen. Der Staatsanwalt des Bezirkes Karl-Marx-Stadt leitete gegen Degner ein Ermittlungsverfahren wegen Wirtschaftsspionage ein".

MZ bricht zusammen

Für MZ war die Wirkung von Degners Flucht verheerend. Die erwartete finanzielle Unterstützung des Motorsports vom Staat blieb aus. Kurz vor ihrem Höhepunkt brach die Entwicklung der MZ-Rennmotorräder jäh ab. Degner selbst gewann für den japanischen Hersteller Suzuki 1962 auf Anhieb den Weltmeistertitel in der neu gegründeten 50-Kubikzentimeter-Klasse. In den Folgejahren konnte er jedoch nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen. 1963 und 1965 stürzte er schwer und trug Verbrennungen und Knochenbrüche davon. Seine Motorsportkarriere beendete er 1967.


Das Buch zum Spionagethriller um den MZ-Werksfahrer Ernst Degner "Gestohlene Geschwindigkeit - Der größte Spionageskandal der Motorsportgeschichte", Original von Mat Oxley, Deutsche Übersetzung aus dem Englischen von Andy Jordan. Herausgegeben vom Motorrennsport-Archiv Jordan.

Über dieses Thema berichtet der SACHSENSPIEGEL im: TV | 11.09.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 16:02 Uhr