Palast der Republik, 1986
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Richtfest am 18. November 1974 Erichs Lampenladen - der Palast der Republik

Der Volksmund nannte ihn spöttisch "Erichs Lampenladen". Der Bau war zum einen Sitz der Volkskammer, zum anderen Vergnügungstempel für das Volk. 1990 wurde er wegen Asbestverseuchung geschlossen und 2006 abgerissen.

Palast der Republik, 1986
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Am 23. April 1976 eröffnete der Palast der Republik. Er war Sitz der Volkskammer und Unterhaltungstempel in einem. Allerdings wurde er wegen Asbestverseuchung 1990 geschlossen und schließlich 2006 abgerissen.

Foyer des Palast der Republik
Bildrechte: Palast der Republik (BC 5834)/MDR (DRA)

Machtzentrale und Unterhaltungstempel in einem Bau - selten sind sich Volk und Machtzentrale so nahe. Zum Richtfest am 18. November 1974 hatte Staats- und Parteichef Erich Honecker versprochen: "Der Palast der Republik wird ein Haus des Volkes sein, eine Stätte regen politischen und geistig-kulturellen Lebens". Tatsächlich wird der Bau imposant und ist für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich großzügig angelegt. Schon das Foyer zweistöckig, 86 Meter lang und 42 Meter breit. An den Wänden großformatige Gemälde und an den Decken tausende Lampen.

Wo im Palast Politik gemacht wurde

Hier tagten ab 1976 die Abgeordneten des DDR-Parlaments, und alle fünf Jahre hielt die SED hier ihre Parteitage ab. Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR-Staatsführung im "Großen Saal" unverdrossen den 40. Geburtstag der DDR.

6./7. Oktober 1989 Die letzte Geburtstags-Party der DDR

Fackelzug der Freien Deutschen Jugend FDJ am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin
Mit einem Fackelzug der "Freien Deutschen Jugend" beginnen am Abend des 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin die offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. 70.000 FDJ-ler aus allen DDR-Bezirken nehmen daran teil. Der Marsch der Blauhemden vom Brandenburger Tor zum Marx-Engels-Platz soll die Dankbarkeit der DDR-Jugend für die Segnungen des Arbeiter- und Bauernstaates zum Ausdruck bringen. Bildrechte: IMAGO
Fackelzug der Freien Deutschen Jugend FDJ am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin
Mit einem Fackelzug der "Freien Deutschen Jugend" beginnen am Abend des 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin die offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. 70.000 FDJ-ler aus allen DDR-Bezirken nehmen daran teil. Der Marsch der Blauhemden vom Brandenburger Tor zum Marx-Engels-Platz soll die Dankbarkeit der DDR-Jugend für die Segnungen des Arbeiter- und Bauernstaates zum Ausdruck bringen. Bildrechte: IMAGO
FDJ-Fackelzug zum 40. Jahrestag der DDR am 6. Oktober 1989 in Berlin
Auch die üblichen "SED, FDJ"-Rufe und andere sinnfreie Artikulationen sind zu hören. Kurz zuvor einstudierte Sprechchöre wie "FDJ, SED, alles ist bei uns o.k.!" deuten aber auch an, dass im Land scheinbar doch nicht alles "o.k." ist. Tatsächlich meldet die Stasi später, dass sie Demonstrationsteilnehmer festgenommen hat, die mit Schildern wie "Mehr Freiheit" oder einfach nur "Scheiße" unterwegs waren. Auch Rufe wie "Gorbi, Gorbi" - statt "Honni, Honni" - "Perestroika" oder "Gorbatschow hilf" sind aus dem FDJ-Fackelzug heraus zu hören. Bildrechte: dpa
Gorbatschow und Honecker am Rande des FDJ-Fackelzuges am 6. Oktober 1989 in Berlin
Er ist der Adressat der aufmüpfigen Blauhemden: KPdSU-Generalsekretär Michail Sergejewitsch Gorbatschow (1. Reihe, 2. von links) gilt als Hoffnungsträger - auch in der DDR. Viele Menschen im Osten Deutschlands wünschen sich, dass die von Gorbatschow initiierte Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) auch die verkrusteten Verhältnisse in der DDR überwindet. Doch SED- und Staatschef Erich Honecker (1. Reihe, rechts) sieht das anders. Honecker antwortet mit Weisheiten wie: "Wenn Freunde neu tapezieren, müssen die anderen ja auch nicht renovieren." Gorbatschow hält dem entgegen: "Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort." Später wurde daraus der weltberühmte Satz: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Bildrechte: dpa
NVA-Parade zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin
Einen Tag später, am 7. Oktober 1989, muss sich Honecker zunächst aber keine unangenehmen Sprechchöre und Kritiken anhören. Der Marschschritt tausender Soldaten, die Klänge des NVA-Musikkorps und das Motorengedröhn und Kettengerassel zahlreicher Militärfahrzeuge übertönen jeden Misston. Mit einer der größten Militärparaden ihrer Geschichte feiert die DDR ihr 40-jähriges Bestehen. Bildrechte: IMAGO
Staats- und Parteiführung der DDR am Rande der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag am 07.10.1989
Auch die FDJ und andere DDR-Massenorganisationen paradieren an diesem Tag noch einmal an einem sichtlich froh gelaunten Erich Honecker und anderen SED-Größen sowie deren internationalen Gästen vorbei. Bildrechte: IMAGO
Volkspolizei-Kette am Abend des 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin
Doch das Bild täuscht. Am späten Nachmittag ziehen Demonstranten zum "Palast der Republik", wo die SED-Führung und ihre internationalen Gäste beim Bankett versammelt sind. Auf Sprechchöre wie "Wir sind das Volk", "Demokratie jetzt oder nie" oder "Gorbi, Gorbi, hilf uns" reagiert die Staatsmacht mit Absperr- und Abdrängungsmaßnahmen. Bildrechte: IMAGO
Volkspolizei geht am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin mit Gummiknüppel auf Demonstranten los
Später am Abend eskaliert die Lage. Volkspolizei und Staatssicherheit drängen die Demonstranten zum Prenzlauer Berg ab, wo sie - wie es in einem späteren Untersuchungsbericht heißt - "mit unglaublicher Härte" gegen sie vorgehen. Auch in Leipzig, Dresden, Plauen und anderen Städten der DDR geht die Staatsmacht mit unverhältnismäßiger Härte gegen das eigene Volk vor. Die DDR erlebt in diesem Jahr ihren letzten Geburtstag. Bildrechte: dpa
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Ein Arbeiter säubert den Schriftzug Volkskammer am Eingang zum Sitz des Gremiums im Palast der Republik
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Draußen demonstrierte währenddessen das Volk. Am 23. August 1990 beschlossen die Abgeordneten der ersten frei gewählten Volkskammer in diesem Plenarsaal in einer turbulenten Nachtsitzung den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990.

Wo das Volk unterhalten wurde

Der Palast beherbergte gut ein Dutzend Restaurants, Bars und Cafés. Insgesamt konnten sich hier 1.500 Gäste tummeln. Dazu boten die Terrasse und das Boulevardcafé weitere 200 Plätze. Das exklusivste "Speiselokal" war zweifelsohne das "Palastrestaurant": Geschirr und Wandschmuck stammten von den künstlerischen Leitern der Meißner Porzellanmanufaktur - eigens für den Palast entworfen. Auf jedem Geschirrstück prangte ein Emblem des Palastes, was sich als fatal erweisen sollte: Das Geschirr avancierte zum illegalen Lieblingssouvenir der Besucher, so dass der Palast im wahrsten Sinne des Wortes schnell nicht mehr "alle Tassen im Schrank" hatte.

Und das leibliche Wohl?

Endküche im Palast der Republik
Bildrechte: Palast der Republik (BC 5834)/MDR (DRA)

Pro Stunde konnten die Köche der Palastküche 1.800 Portionen für die unterschiedlichen Restaurants zubereiten. Die Köche selbst stammten aus allen Ecken der DDR - als Garant für die Vielfalt der kulinarischen Traditionen im "Haus des Volkes". Es wurde üppig aufgetafelt, kein Hauch vom Mangelland DDR. So umfasste zum Beispiel ein kaltes Buffett für Berliner Bauarbeiter neben Südfrüchten auch verschiedene Braten und Kaviar. - Auch die "Milchbar" des Palastes der Republik war legendär in der DDR: Sie bot 20 Sorten Eis und zwar ständig im Angebot. 28 Pâtissiers stellten alles selbst her - Torten, Gebäck, Waffeln und Pralinen.

Das Getränkelager war 35 Meter unter der Erde untergebracht - 78 riesige Tanks standen in den Kellerräumen, gefüllt mit Berliner Bier, Club Cola und Bitter Lemon. Zweimal pro Woche kam Nachschub.

Volkstümlich im Bierstübchen

In der Wein- und in der Bierstube des Palasts ging es eher volkstümlich zu: Rustikales Mobiliar, die Wände geschmückt mit alten Ansichten von Berlin. Ausgeschenkt wurden Unstrutweine und manchmal auch das begehrte Radeberger Bier. Die Kellner waren dagegen vornehm gekleidet: dunkelgrüner Anzug, fliederfarbenes Hemd und lila Fliege.

Experimentell im Theater

Schauspielerin Vera Oelschlegel in ihrem Büro.
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Der Palast der Republik hatte ein eigenes Theater: Das "Theater im Palast", kurz "TiP". Untergebracht im vierten Geschoss, leitete es vom ersten bis zum letzten Tag Schauspielerin und Sängerin Vera Oelschlegel. Die bekannte Brecht-Interpretin hatte das Konzept für das Theater 1973 im Ministerium für Kultur eingereicht.

Das Theater genoss einen guten Ruf, nicht zuletzt aufgrund seiner zum Teil experimentellen Aufführungen. Lesungen, Werkstattgespräche und Jazzkonzerte gehörten ebenfalls zum Programm.

Exquisit: Rollende Kugeln

Ein Untergeschoss des Palastes beherbergte mit Blick auf die Spree sogar eine Bowlingbahn mit angeschlossenem Restaurant. Von morgens 10:00 Uhr bis nachts 1:00 Uhr war die Bahn geöffnet und fast immer ausgebucht.

Ein Raumwunder

Udo Lindenberg / Palast der Republik
Udo Lindenberg im Großen Saal im Palast der Republik Bildrechte: DRA

Der "Große Saal", eine Schöpfung des Architekten Manfred Prasser, galt als ein kleines technisches Wunderwerk. Durch "schwenkbares Parkett" und "Senk- und Rollwände" konnte die Anzahl der Sitzplätze jederzeit angepasst werden: 800 Sitzplätze als kleinste, 3.800 als mittlere und 5.000 als große Variante. Auch die Nutzung als Ballsaal ohne Plätze war möglich. Hier wehte ein Hauch der großen weiten Welt: Carlos Santana, Udo Lindenberg, Joan Baez, Mikis Theodorakis, Helen Schneider, Loriot, Miriam Makeba, Katja Ebstein, Udo Jürgens, Mireille Mathieu, Nana Mouskouri ...

Die Vorgeschichte des Baus Die Geschichte des Palastes der Republik hatte im Grunde schon 1950 begonnen. Walter Ulbricht hatte das Hohenzollernschloss abreißen lassen - der SED-Chef brauchte einen großen Platz für Aufmärsche. So fand am 1. Mai 1951 auf der freien Fläche, "Marx-Engels-Platz"genannt, eine erste Maikundgebung statt. 1958 wurde für das öde Areal ein Ideenwettbewerb "zur sozialistischen Umgestaltung" des Stadtzentrums initiiert. Die Entwürfe gefielen den Genossen nicht oder kosteten zu viel und der Wettbewerb wurde 1963 ergebnislos beendet. Ulbricht plädierte für eine kostengünstige Variante und schlug vor, einen Fernsehturm und ein Gebäude für die Volkskammer zu errichten.

Mit dem Bau des Fernsehturmes wurde schon 1965 begonnen. Die Errichtung des Volkskammergebäudes zog sich noch Jahre hin - erst am 2. November 1973 erfolgte die Grundsteinlegung. Hatte Walter Ulbricht noch ein Gebäude vorgeschwebt, das staatliche Macht symbolisieren sollte, wollte sein Nachfolger Erich Honecker ein "Haus des Volkes". Die Volkskammer werde hier "verantwortungsbewusst" tagen, so Honecker bei der Grundsteinlegung. Doch auch "unsere Kultur wird in diesem Haus eine Heimstatt finden ebenso wie Frohsinn und Geselligkeit der werktätigen Menschen". Natürlich sollte der Palast auch eine Visitenkarte der DDR abgeben - schließlich war sie gerade international anerkannt und gemeinsam mit der Bundesrepublik in die UNO aufgenommen worden. Ein "Haus des Volkes", auch wenn es dessen Herrschaft nur vortäuschte, passte da gut ins Konzept.

"Ballast der Republik"

Die Baukosten waren enorm: Etwa 750 Millionen DDR-Mark wurden verbaut - Geld, das anderswo fehlte. Die DDR-Bürger machten sich alsbald ihren eigenen Reim auf den Marmorpalast an der Spree. "Ballast der Republik" wurde er genannt oder, dank der üppigen Beleuchtung, "Erichs Lampenladen". Der Liedermacher Wolf Biermann sang gar vom "Palazzo di Protzo". Doch die Besucher kamen in Scharen – 70 Millionen bis zur Schließung 1990.

Das Ende: Der Abriss

Ende Januar 2006 rückten die Abrissbrigaden an, obwohl zwei Drittel der gesamtdeutschen Bevölkerung sich für den Erhalt des Bauwerks aussprachen. Der Stahl des Palastes wurde abtransportiert und unter anderem im höchsten Gebäude der Welt - dem "Burj Chalifa" in Dubai - verbaut.

Baustelle des Burj Towers in Dubai
Baustelle des Burj Towers in Dubai Bildrechte: IMAGO

(zuerst veröffentlicht am 20.04.2016)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: MDR Zeitreise | 09.10.2018 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2018, 10:49 Uhr