Medizinhistoriker im Interview Gesundheitswesen im Wandel: Patientenwohl statt Kostendruck

Das Verhältnis zwischen Patient und Arzt hat sich über die letzten Jahrzehnte gewandelt. Anders als noch zu DDR-Zeiten begegnen sie sich heute auf Augenhöhe. Doch noch immer herrscht im Gesundheitswesen eine neoliberale Doktrin. Mediziner und Kliniken sind angehalten, möglichst effizient und kostensparend zu arbeiten. Da kann das Patientenwohl schon mal auf der Strecke bleiben. Viele Ärzte fordern jetzt ein Umdenken. Der Patient müsse endlich wieder im Mittelpunkt stehen. Ein Interview mit dem Medizinhistoriker Florian Bruns von der Martin-Luther-Universität in Halle.

Herr Doktor Bruns, Sie sind Medizinhistoriker an der Universität Halle und beschäftigen sich unter anderem mit dem Gesundheitswesen in der DDR. Was genau erforschen Sie da?

Ich beschäftige mich vor allem mit der Patientenperspektive auf das Gesundheitssystem in der DDR. Wie haben Patienten dieses System wahrgenommen? Wie haben sie das erlebt und wie haben sie zum Beispiel in Eingaben darüber berichtet? Es gab ja ein regelrechtes Eingabewesen.

Was ist unter Eingabewesen zu verstehen?

Das Eingabewesen funktionierte so, dass die Bürger der DDR sehr viele Briefe, also Eingaben, geschrieben haben. Handschriftlich oder mit der Schreibmaschine. Und diese an Ämter, Behörden, Ministerien oder Volkskammerabgeordnete geschickt haben. Manchmal sind die Eingaben aber auch an Erich Honecker persönlich adressiert gewesen, der natürlich nicht immer persönlich geantwortet hat. Die Bürger erhofften sich, dass auf diese Weise auf ihr individuelles Problem auch eingegangen wird.

Wie ist mit den Eingaben umgegangen worden?

Es wurde tatsächlich innerhalb einer bestimmten Frist auf diese Eingaben geantwortet. Es existierte auch ein Gesetz darüber, wonach offiziell innerhalb von vier Wochen darauf eingegangen werden musste. In der Regel wurde diese Frist auch eingehalten. Es wurde dann im Einzelfall zum Beispiel geschrieben: Dieses Medikament, das können Sie in dieser oder jener Apotheke bekommen. Oder: Wir haben Ihnen einen anderen Operationsplatz zugewiesen, die Operation kann also früher durchgeführt werden.

Wie war denn das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten?

Der Patient hatte relativ wenig mitzureden. Das war gar nicht so sehr DDR-spezifisch. Das war in beiden Teilen Deutschlands so. Es hat sich insofern gewandelt, dass die Patienten heute besser informiert sind und dann häufig schon mit einer Art vorgefertigten Diagnose oder mit einer Verdachtsdiagnose in die Praxis kommen und dann natürlich sehr viel mehr dem Arzt oder Ärztin auf Augenhöhe begegnen können.

Wie kann man denn heute Misserfolg und Erfolg im medizinischen Sinne messen?

Heute wird leider im Gesundheitswesen der Erfolg oft über Wirtschaftlichkeit gemessen. Über Effizienz. Über den Gewinn, den die Klinik macht. Gerade bei privaten Kliniken steht das an oberster Stelle. Und das ist nicht das, was sich Patienten wünschen. Aber auch Ärztinnen und Ärzte nicht.

Der Medizinhistoriker Dr. Florian Bruns forscht und lehrt am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Halle. Sein Spezialgebiet ist die Ökonomisierung im Gesundheitswesen.

Woher kommt denn dieser finanzielle Druck? Warum müssen Kliniken oder Praxen so wirtschaftlich arbeiten?

In den 1980er-Jahren gab es diese stark vorherrschende Doktrin, der Staat soll möglichst wenig ausgeben und sich aus vielen Bereichen zurückziehen. Zum Teil haben wir auch im Gesundheitswesen diesen Trend erlebt. Es ging hier zunächst darum, staatliche Ausgaben zu senken und Wettbewerb einzuführen. Die Hoffnung war, durch mehr Wettbewerb würde das ganze System effizienter funktionieren. Und man hat vielleicht ein bisschen übersehen, dass das Gesundheitswesen kein Markt sein kann, weil Patienten keine Kunden sind.

Sie plädieren für eine Umkehr im Gesundheitswesen. Wie würde die denn aussehen aus Ihrer Sicht?

Momentan wird stark über die Modifizierung oder gar Abkehr des DRG-Systems, was 2004 in Deutschland eingeführt wurde, diskutiert. Damit ist die Abrechnung über Fallpauschalen, wo jede Erkrankung ungefähr mit einem gleichen Preis benannt und besetzt wird, gemeint. Das führt dazu, dass Krankenhäuser für den gleichen Fall immer das gleiche Geld bekommen. Und wenn das Krankenhaus es schaffen will, diesen Fall möglichst günstig zu behandeln, dann kann es ein Gewinn machen. Dazu gehört möglichst wenig Einsatz seitens der Pflege oder seitens des Essens. Und genau dieser Umstand hat dazu geführt, dass man vor allem in der Pflege viel gespart hat. Vielleicht könnte die Lösung ein Mischsystem sein, wo man das DRG-System ergänzt durch Vergütungen von Pflegeaufwand, der um den Patienten herum geleistet werden muss.

Nun stecken wir momentan mitten in einer Pandemie. Corona hat unser Gesundheitssystem fest im Griff. Was, glauben Sie, wird diese Pandemie auch mit unserem Gesundheitssystem machen?

Wir werden sicher Kostensteigerungen haben. Aber ich glaube, wir werden eine Renaissance des Staates erleben hinsichtlich der Vorsorge, die einen Staat leisten muss für seine Bevölkerung. Das ist etwas ganz Wichtiges geworden im letzten Jahr. Und, dass sich bestimmte Grundhaltungen ändern, das glaube ich schon. Es sind sicher noch ganz viele weitere Folgen möglich. Aber da wir noch mittendrin stecken, ist es noch ein bisschen früh jetzt zu spekulieren, was nach der Corona Pandemie sein wird.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | 31. Januar 2021 | 22:20 Uhr