In der DDR zurückgelassene Kinder "Man rechnet nicht damit, dass die Eltern einen einfach zurücklassen"

Nach einem Beitrag in der "MDR Zeitreise" über Kinder, die kurz nach dem Mauerfall in der DDR allein zurückgelassen wurden, weil ihre Eltern quasi über Nacht in den Westen gegangen sind, haben viele Zuschriften die Redaktion erreicht. Auch von damals zurückgelassenen Kindern.

Verlassene Kinder
In der DDR zurückgelassene Kinder in einem Kinderheim Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei einigen unserer Zuschauer haben die Bilder die Erinnerung an die eigene Geschichte wieder sehr präsent werden lassen. So auch bei Jördis Mahanta. Ihre Eltern sind kurz vor dem Mauerfall nach West-Berlin gegangen, ohne die damals 17-jährige Jördis. Auch nach der Grenzöffnung holten sie die Tochter nicht nach. Bis heute versteht Jördis Mahanta nicht, warum.

Sie haben den Beitrag in der MDR Zeitreise über die verlassenen Kinder gesehen und sich daraufhin bei uns gemeldet. Warum?

Jördis Mahanta: Weil mich der Beitrag sehr bewegt hat, weil ich eine ähnliche Geschichte habe. Meine Eltern sind wenige Wochen vor dem Mauerfall in den Westen gegangen. Ich war damals gerade 17 Jahre alt geworden. Ich wusste gar nichts. Sie haben das so erklärt – was auch nachvollziehbar ist –, dass sie mit niemandem darüber reden konnten. Weil sie Angst hatten, dass das vereitelt werden könnte. Das war etwa drei Monate vor dem Mauerfall und das ist vielleicht auch der Unterschied zu den Kindern, die danach verlassen wurden. Da haben die Eltern ja oft gesagt, sie fahren jetzt in den Westen.

Können Sie sich an den Tag erinnern, als Ihre Eltern ausgereist sind?

Ja, ich kann mich da genau daran erinnern. Mein Stiefvater war Hochschullehrer. Und der hatte eine Genehmigung, immer nach West-Berlin ausreisen zu dürfen, wenn er dort Vorlesungen gehalten hat. Und meine Mutter hatte eine Besuchsreise beantragt und die wurde genehmigt. Die sollte drei Tage dauern. Und am dritten Tag abends habe ich gewartet und habe mich gefreut, weil die Eltern ja immer was aus dem Westen mitgebracht haben. Und kurz vor Mitternacht habe ich dann einen Anruf bekommen aus West-Berlin von meiner Mutter, im Hintergrund war Partystimmung. Sie hat mir gesagt, dass sie nun in West-Berlin bleiben, und dass unter dem Bett ein Schlüssel zu einem Schließfach liegt. Das habe ich dann geöffnet und darin lag ein Abschiedsbrief und ein bisschen Bargeld. In dem Brief hatte meine Mutter geschrieben, dass sie sich wünscht, dass ich Flügel bekomme. Ansonsten nur behördliche Dinge.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich war ganz schön schockiert, muss ich sagen. Ich wusste erstmal nicht, was ich machen sollte. Am nächsten Tag habe ich meinen Bruder informiert, der schon erwachsen war und eine eigene Familie hatte. Er hat dann die Erlaubnis bekommen, für mich Vormund zu sein. Dadurch durfte ich alleine wohnen und musste nicht ins Heim. Es hat dann auch nicht lange gedauert, dass ich angerufen wurde von der Staatssicherheit. Dann musste ich zur Polizei und musste Anzeige erstatten gegen meine Eltern. Aber ein Vierteljahr später ging ja dann die große Welle los und die Grenze wurde aufgemacht. Ich bin dann gleich nach West-Berlin gefahren und habe meine Eltern gesucht.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Sie haben die Grenzöffnung wenige Tage später genutzt,  sind mit dem Möbelwagen gekommen und haben die Wohnung in Ost-Berlin ausgeräumt, in der ich noch gelebt habe. Das einzige, was sie mir gelassen haben, war mein Kinderzimmer und die Küche. Irgendwie stand es nie zur Debatte, dass ich mitgehe in den Westen. Sie haben mich ja auch in ihre Planung nicht mit einbezogen.

Wie sind Sie klargekommen in den Monaten nach der Grenzöffnung?

Die ersten zwei Jahre waren schlimm. Ich hatte kein Geld, ich hatte nichts zu essen. Ich war aufgeschmissen. Ich wusste nicht, wie man einen Haushalt führt, wie man alleine klarkommt. Ich war damals in der Ausbildung zur Krankenschwester. Das hat dann nicht mehr funktioniert. Irgendwie war es aber auch ein Motor zu zeigen, dass ich es hinkriege. Ich habe dann zweimal studiert und bin heute Kunsttherapeutin in Berlin.

Zurückgelassener Junge im Kinderheim
Zurückgelassener Junge im Kinderheim Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Haben sich Ihre Eltern je bei Ihnen entschuldigt oder die Umstände erklärt?

Das Verhältnis war danach immer schwierig, aber wir haben über all die Jahre Kontakt gehalten. Wir haben nie über die Geschehnisse von damals sprechen können. Meine Mutter hat das immer ganz arg abgewehrt. Das Thema wurde immer totgeschwiegen. Meine Tante hat meine Mutter mal darauf angesprochen und als Antwort bekommen, dass ich ja sowieso gern alleine wohnen wollte und sehr glücklich damit gewesen sei. So wollte meine Mutter das gern sehen.

Wie prägen Sie die Erfahrungen von damals heute noch?

Zum einen geht es mir natürlich immer sehr schnell nahe, wenn ich Beiträge wie in der MDR Zeitreise sehe. Ich glaube auch, dass es etwas mit einem macht, wenn die Eltern einfach weggehen, auch wenn ich schon jugendlich war. Aber ich habe das ja bewusst erlebt und frage mich bis heute, warum sie mich nicht einbezogen haben in ihre Planung. Dieses Gefühl, verlassen zu werden, beeinflusst das Vertrauen zu nahen Menschen ein Leben lang. Damit rechnet man ja nicht, dass Eltern einen einfach zurücklassen. Und dann ärgere ich mich auch immer in Museen oder so. Dort finden die schwierigen Sachen dieser Zeit selten Platz. Im Mauermuseum etwa sieht man nur die traurigen Geschichten aus der DDR-Zeit. Aber die Geschichte nach dem Mauerfall wird immer siegreich und heroisch dargestellt. Das ärgert mich oft, weil die Graustufen nicht gezeigt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR Zeitreise | 16. August 2020 | 22:00 Uhr