Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl unterhalten sich am 15.07.1990 an einem rustikalen Arbeitstisch im Garten von Gorbatschows Gästehaus in Archiz
V.l.n.r.: Bundesaußenminister Genscher, der sowjetische Staatschef Gorbatschow und Kanzler Kohl im Juli 1990 in Archiz im Kaukasus Bildrechte: dpa

14. bis 16. Juli 1990: Das Wunder vom Kaukasus Kohl und Gorbatschow verhandeln deutsche Wiedervereinigung

Rückblickend erscheint es unglaublich, wie schnell die Grundlagen für die Deutsche Einheit gelegt wurden. Vom Mauerfall am 9. November 1989 bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 verging nicht einmal ein Jahr. Am Ende war die Entlassung der DDR aus dem Herrschaftsbereich der Sowjetunion eine Frage des Preises, verhandelt vom 14. bis 16. Juli 1990 im Kaukasus.

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl unterhalten sich am 15.07.1990 an einem rustikalen Arbeitstisch im Garten von Gorbatschows Gästehaus in Archiz
V.l.n.r.: Bundesaußenminister Genscher, der sowjetische Staatschef Gorbatschow und Kanzler Kohl im Juli 1990 in Archiz im Kaukasus Bildrechte: dpa

Das Treffen zwischen Kanzler Helmut Kohl und dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow im Juli 1990 im Kaukasus findet zwanglos in Strickjacken statt, doch es geht um die Souveränität des geplanten wiedervereinigten Deutschlands. Ohne formale Zustimmung der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs können DDR und BRD nicht zusammengehn. Ein Knackpunkt ist die vom Westen angestrebte Mitgliedschaft eines wiedervereinigten Deutschlands im Militär- und Verteidigungsbündnis NATO. Am Ende eine Frage des Preises.

Die "Zwei plus Vier"-Gespräche werden zum Verhandlungsmarathon mit Zielpunkt Deutsche Einheit. Die beiden deutschen Staaten und die Siegermächte Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich debattieren besonders heftig um den Abzug der Sowjetarmee. Die USA und ihre Verbündeten wollen keine neue Sicherheitsarchitektur, sondern ein Deutschland in der NATO. In den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen geht es vor allem darum, die Sowjetunion in diesem Punkt zu überzeugen.

Gefahr eines Putsches gegen Gorbatschow wächst

Der Westen pokert hoch, denn mit dieser Haltung können die westdeutschen Diplomaten den kommunistischen Hardlinern in der Sowjetunion in die Hände spielen. Die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion ist schon so schlecht, dass die Gefahr eines Putsches gegen Gorbatschow immer größer wird. Doch ohne Gorbatschow keine deutsche Wiedervereinigung. Besonders kritisch ist die Lage des Generalsekretärs vor dem 28. Parteitag der tief gespaltenen KPdSU, der vom 2. bis 13. Juli 1990 in Moskau stattfindet.

Milliardenkredit, damit der Verhandlungspartner UdSSR nicht wegkippt

Der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (r) und sein DDR Premierminister Lothar de Maiziere (l) während der Unterzeichnung des 2 plus 4 -Vertrages. Im Moskauer Hotel "Oktober" unterzeichneten am 12. September 1990 die Außenminister der beiden deutschen Staaten und der vier Siegermächte den Vertrag über die äußeren Aspekte der deutschen Einheit.
Moskau, 12. September 1990: Die Zwei-plus-vier-Verhandlungen sind abgeschlossen, DDR-Ministerpräsident de Maiziére (l) und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher unterzeichnen den Vertrag für die beiden deutschen Staaten. Bildrechte: dpa

Lothar de Maizière, damals Ministerpräsident der DDR, weiß, wie prekär die Lage war: "Bei einem Treffen im Mai sagte mir Außenminister Schewardnadse, die Sowjetunion würde möglicherweise schon im Juni/Juli zahlungsunfähig werden, das heißt ihren Kapitaldienst bei den Auslandsschulden nicht erfüllen können. Ich habe dann mit dem Kanzler gesprochen. Ein paar Tage später hat die Sowjetunion einen bundesverbürgten Fünf-Milliarden-Kredit gekriegt und auf diese Weise ihre Zahlungsfähigkeit über diesen Parteitag hinweg gerettet."

Also, der Parteitag war für uns durchaus ein Knackpunkt: Alle Zumutungen mussten wir auf einen Zeitpunkt nach diesem Parteitag verschieben, damit uns dort nicht der vierte Verhandlungspartner von 2+4 wegkippt!

Lothar de Maizière, damaliger und letzter Ministerpräsident der DDR

Das "Wunder vom Kaukasus"

Den Durchbruch bei den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen bringt dann das Angebot der NATO, abzurüsten und die Strategie des Bündnisses zu reformieren. Nach Gesprächen in Moskau und in Gorbatschows Gästehaus in Archiz im Nordkaukasus geben Helmut Kohl und Michail Gorbatschow am 16. Juli 1990 den ausgehandelten Kompromiss bekannt: Die Sowjetunion stimmt einer NATO-Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands zu. Dafür, bekräftigt Kohl, werde Deutschland auf die Herstellung und den Besitz von ABC-Waffen verzichten. Weiterhin verspricht Kohl Hilfeleistungen bei der Rückführung sowjetischer Truppen und stimmt einer Begrenzung der Truppenstärke der Bundeswehr auf 370.000 Mann zu. In der Geschichtsschreibung des Einigungsprozesses geht dieser 16. Juli als "Das Wunder vom Kaukasus" ein.

Das "Wunder von Washington"

Doch wenn es denn wirklich ein Wunder gegeben hat, dann hatte es sich bereits am 30. Mai 1990 in Washington ereignet. Schon dort einigten sich US-Präsident George Bush und Michail Gorbatschow grundsätzlich darauf, dass das wiedervereinigte Deutschland seine Bündniszugehörigkeit selbst bestimmen könne. Was zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR später ausgehandelt wurde, war vor allem der Preis für dieses Entgegenkommen.

Noch mehr Milliarden bis zur Unterschrift

Und das monetäre Tauziehen geht bis zum Schluss. Am 10. September, zwei Tage vor der Unterzeichnung des Zwei-Plus-Vier-Vertrages in Moskau, telefonieren Kohl und Gorbatschow erneut. Kanzlerberater Horst Teltschik berichtet in seinem Buch "329 Tage", dass es bei diesem Gespräch zentral um die finanziellen Leistungen Deutschlands ging.

Michail Gorbatschow und Helmut Kohl unterzeichnen den Vertrag zur Deutschen Einheit
Gorbatschow und Kohl unterschreiben den Vertrag zur Deutschen Einheit - nach weiteren Milliarden für die marode Sowjetunion Bildrechte: dpa

Kohl habe einen Gesamtbetrag von zwölf Milliarden D-Mark angeboten. Gorbatschow hingegen forderte mit Hinweis auf die schwierige Wirtschaftssituation der UdSSR 15 bis 16 Milliarden D-Mark. Als das Gespräch festzufahren drohte, offerierte Kohl einen zusätzlichen zinslosen Kredit von drei Milliarden D-Mark. Gorbatschow habe dieses Angebot "spürbar erleichtert" aufgenommen. Rechnet man zu den im September 1990 vereinbarten 15 Milliarden noch den bereits im Juli, kurz vor dem Parteitag der KPdSU vereinbarten Fünf-Milliarden-Kredit hinzu, so hat die Zustimmung Moskaus zur deutschen Einheit etwa 20 Milliarden D-Mark gekostet.

Jahrelanger Abzug der sowjetischen Streitkräfte

Fast vier Jahre dauert dann noch der ausgehandelte Abzug der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD). 546.200 Soldaten, Offiziere nebst ihren Angehörigen mussten nach Russland zurückgebracht werden. Hinzu kamen 123.629 schwere Waffen und sonstiges militärisches Gerät. Am 31. August 1994 geht mit einer Feier im Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt diese Ära zu Ende. Einen Tag später ist die Bundesrepublik Eigentümerin von 3.000 mehr oder weniger abgewirtschaften Kasernen und verseuchten Grundstücken.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 16.07.2010 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2018, 12:33 Uhr

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