9. Dezember 1990: Lech Wałęsa wird Präsident Polens Lech Wałęsa - vom Elektriker zum Staatsmann

Er gilt als zweitbekanntester Pole der Welt nach Papst Johannes Paul II.: Lech Wałęsa. Seine Bedeutung für die Geschichte Polens ist unumstritten. Doch Dokumente, die eine Spitzeltätigkeit unter dem Decknamen "Bolek" für den polnischen Geheimdienst SB belegen sollen, kratzen am Image des ehemaligen Gewerkschaftsführers. Am 9. Dezember 1990 wurde er zum polnischen Staatsoberhaupt gewählt.

Gespräch am Runden Tisch in Warschau: Tadeusz Mazowiecki, Lech Walesa, Wladyslaw Frasyniuk
Gespräch am Runden Tisch in Warschau - von links nach rechts: Tadeusz Mazowiecki, Lech Walesa, Wladyslaw Frasyniuk Bildrechte: imago/Forum

Lech Wałęsa stammt aus einer Bauernfamilie eines nordpolnischen Dorfes. Er macht eine Ausbildung zum Elektriker und arbeitet ab 1967 auf der Leninwerft in Danzig. 1969 heiratet er und hat mit seiner Frau Danuta insgesamt acht Kinder.

Gestreikt, verhaftet, arbeitslos

Als gewählter Betriebsrat tritt er bei den blutig niedergeschlagenen Streiks von 1970, dei denen 80 Arbeiter getötet wurden, erstmals öffentlich in Erscheinung. Wałęsasist damals 27 Jahre alt. Er galt als einer der Anführer des Streiks und wurde verhaftet. In diesem Arrest kam er auch mit dem polnischen Geheimdienst in Kontakt. - Es bleibt nicht das einzige Mal. Nach einer weiteren Streikaktion 1976 wurde Lech Wałęsa fristlos entlassen.

Freie Gewerkschaft gegründet

Lachende Menschen tragen in einer Menschenmenge einen Mann auf ihren Schultern.
30.08.1980: Arbeiter auf dem Weg zur Lenin-Werft mit Lech Walesa auf den Schultern Bildrechte: dpa

Bei neuen Streiks 1980 fordern die Arbeiter der Leninwerft unter anderem erfolgreich, dass Wałęsa wieder eingestellt wird. Am 30. August 1980 einigt sich das kommunistische Regime mit den Streikenden - jubelnde Arbeiter tragen Lech Wałęsas auf den Schultern zurück zur Werft.

Das Danziger Abkommen

Tags drauf unterschreibt Lech Wałęsa ein Abkommen mit der kommunistischen Regierung über die Gründung freier Gewerkschaften. Wałęsas Kommentar: "Wir haben alles erreicht, was sich in dieser Situation erreichen ließ". Im September 1980 wird Solidarność gegründet – die erste unabhängige Gewerkschaft im sowjetischen Bereich. Die Gewerkschaft wird zur Massenbewegung mit bald zehn Millionen Mitgliedern, mit Lech Wałęsa an der Spitze.

Das Blatt wendet sich

Doch schon im Dezember 1981 dreht sich das Blatt wieder gegen die Arbeiterbewegung – der polnische Staatschef Wojciech Jaruzelski verhängte das Kriegsrecht und verbot die Gewerkschaft Solidarność. Ihre Führer werden verhaftet. Dennoch kommt es am zweiten Jahrestag der Gewerkschaftsgründung, am 31. August 1983, zu Unruhen in Warschau.

Friedensnobelpreis  - in Abwesenheit verliehen

Im Herbst 1983 wird Lech Wałęsa mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet - doch zur Verleihung am 10. Dezember reist seine Ehefrau Danuta mit dem 13-jährigen Sohn nach Oslo. Wałęsa fürchtet, dass ihm die Rückkehr nach Polen verweigert wird. In jenem Jahr hagelt es regelrecht Auszeichnungen für Wałęsa - das Signal ist klar: Der polnischen Gewerkschaftsführer findet international Beachtung.

Mitte 1988 geht eine neue Streikwelle durchs Land, angeführt von der weiter verbotenen Gewerkschaft Solidarność. Jaruzelskis Regierung stimmt im Februar 1989 Gesprächen mit der Opposition zu. Ein Runder Tisch im April 1989 führt zu teilweise freien Wahlen. Solidarność gewinnt am 4. Juni 1989 alle Sitze, die ihr möglich sind und die Kommunisten rücken in die Opposition.

Vom Elektriker zum Staatsmann

Lech Wałęsa wird 1990 Präsident von Polen – er ist der erste demokratisch gewählte seit 1945. Nach fünfjähriger Amtszeit wird er jedoch nicht wiedergewählt.

Der Mythos Solidarność - untrennbar verbunden mit LechWałęsa - zum Ärger der Regierung

Lech Wałęsas Verdienste für die polnische Geschichte sind nach wie vor unumstritten. Auch Vorwürfe wegen Spitzeltätigkeiten gegen Wałęsa sind nicht neu. Im Jahr 2000 hatte ihn ein Gericht vom Vorwurf der Spitzeltätigkeit freigesprochen. - Lech Wałęsa kämpft indessen um seine Ehre. Er bestreitet, jemanden an den Geheimdienst verraten oder Geld bekommen zu haben. Er habe zwar mit Leuten vom Sicherheitsdienst nach der blutigen Niederschlagung des Streiks 1970 geredet - aber nur, um die Lage zu entschärfen. Im März 2016 wurden neue Vorwürfe laut: Das regierungsnahe "Institut für Nationales Gedenken" legte Papiere über Walesas angebliche Spitzeltätigkeit unter dem Decknamen "Bolek" vor und machte die Akten öffentlich zugängig - jedoch ohne vorherige Echtheits-Prüfung.

In Polen demonstrieren im Frühjahr 2016 tausende Menschen für Walesas Ehre, den sie als ihren Kämpfer für die Freiheit verheren. Sie sehen im Streit um Walesas Rolle bei der Soldarność-Bewegung einen Versuch der nationalkonservativen Regierung, die Geschichte in deren Sinne umzuschreiben, die Demokratie einzuschränken, Walesas Ruf zu schädigen und ihn als Marionette des Geheimdinstes zu diskreditieren.

Über dieses Thema berichtete MDR ZEITREISE auch im TV: MDR Aktuell | 31. August 2020 | 21:45 Uhr

Solidarność in Stichworten

Auslöser

Auslöser

Am 14.08.1980 wird Anna Walentynowicz aus der Lenin-Werft in Danzig entlassen. Die Kranführerin hatte für Rechte von Arbeitern gekämpft, obwohl unabhängige Organisationen und Gewerkschaften in Polen noch verboten sind.

Die Streiks

Die Streiks

1980 - Polen in der Wirtschaftskrise. Die Lebensbedingungen werden schlechter, Lebensmittel sollen teurer werden. Danziger Arbeiter schließen sich Protesten an, besetzen unter Anführer Elektriker Lech Walesa die Werft.

Das Danziger Abkommen

Das Danziger Abkommen

Nach 14 Streiktagen in der Werft unterzeichnen Vize-Premier Mieczyslaw Jagielski und Lech Walesa am 31.08.1980 das "Danziger Abkommen". Erstmals hat ein sozialistisches Land eine unabhängige Gewerkschaft zugelassen.

Der erste Kongress der Gewerkschaft

Der erste Kongress der Gewerkschaft

Am 5. September 1981 veranstaltet die Gewerkschaft Solidarność ihren 1. Nationalkongress. Lech Walesa bleibt nur knapp Gewerkschaftsführer. Der national-konservative Arm der Gewerkschaft will lieber offensiver vorgehen.

Das Verbot

Das Verbot

Moskau will Polens Reformprozess unterbinden und fordert harte Maßnahmen. Polen reagierte mit Kriegsrechtsverhängung am 13. 12.1981, Gewerkschaftsverbot und Anführer-Verhaftung. Die Folge: weitere Demonstrationen.

Dialog am Runden Tisch

Dialog am Runden Tisch

Polens Regierung kann die Proteste nicht ersticken. Gewerkschaftsführer Walesa vermittelt. Ergebnis der Verhandlungen vom 06.02.bis 05.04.1989: Freie Wahlen im Sommer und Wiederzulassung der Gewerkschaft Solidarnosc.

Vom Gewerkschaftler zum Präsidenten

Vom Gewerkschaftler zum Präsidenten

Lech Walesa, Solidarnosc-Anführer seit 1980, wird im Dezember 1990 für fünf Jahre zu Polens Präsidenten gewählt. Den Gewerkschaftsvorsitz gibt er ab.