Dokumentation: "Zwischen Ende und Anfang" Der Rausch von 1990

Das Jahr 1990. Ein Jahr, das alles veränderte. Zum ersten Mal gibt es freie Wahlen in der Noch-DDR. Bundeskanzler Helmut Kohl verspricht "blühende Landschaften". Die D-Mark kommt, die Einheit. Der Westen hält Einzug. Die Protagonisten der MDR-Dokumentation "1990 - Zwischen Ende und Anfang" erinnern sich an ein Jahr der Umbrüche.

Mit einer DDR-Flagge freuen sich zwei junge Ostberliner am 2.10.1990 über die bevorstehende deutsche Wiedervereinigung.
Mit einer DDR-Flagge freuen sich zwei junge Ostberliner am 2.10.1990 über die bevorstehende deutsche Wiedervereinigung. Bildrechte: dpa

Es waren Tage, Wochen, in denen niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Die einen hatten Angst vor einem totalen Zusammenbruch, die anderen träumten von einem neuen Zeitalter. Nichts war mehr gewiss.

Claudia Mehnert
Claudia Mehnert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das war eine recht- und gesetzlose Zeit, in der man das Gefühl hatte, es ist alles möglich", erinnert sich die Schauspielerin Claudia Mehnert in der MDR-Dokumentation "1990 - Zwischen Ende und Anfang". Sie ist ist damals 17 Jahre jung und Druckerei-Lehrling in Erfurt. Wie Millionen ihrer Landsleute erlebt sie 1990, wie sich ihr Staat innerhalb weniger Monate auflöst.

Keiner hatte eine Vorstellung. Wir wurden ja alle in einen unglaublichen Strudel hineingerissen. Es ging ja so rasant schnell.

Claudia Mehnert
Uwe Kockisch
Uwe Kockisch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Darsteller Uwe Kockisch erinnert sich an die Umbrüche in der Noch-DDR: "Es waren Tage, Wochen, in denen niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Die einen hatten Angst vor einem totalen Zusammenbruch, die anderen träumten von goldenen Zeiten. Nichts war mehr gewiss."

Ruth Reinecke
Ruth Reinecke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der realen Wendezeit steht Kockisch zusammen mit Schauspiel-Kollegin Ruth Reinecke auf der Bühne des Berliner Gorki-Theaters. "Es war ein absurde Situation. Man kann gerade noch die Milch mit dem DDR-Logo einkaufen und am nächsten Tag sind die Regale leer", so Reinecke.

1990: Aufbruch und Veränderung

Viele DDR-Bürger wollen ganz schnell in den Westen, in die neue Konsumwelt. Die damals 19-jährige Schauspielerin Anna Loos ist schon dort. Ein Jahr vor der Wende ist sie in den Westen geflohen. Nun macht sie sich auf Heimatbesuch in den Osten nach Brandenburg an der Havel.

Anna Loos
Anna Loos Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch wohl ist ihr bei der Reise nicht: "Weil ich dachte, vielleicht bauen die dann die Mauer wieder auf. Doch als ich in die Stadt reinkam und zwei Gespräche geführt habe, war mir klar, nie wieder wird das aufgebaut. Aber viele Leute wollten nicht Gesamtdeutschland sein, sondern Westdeutschland. Die DDR sollte vergessen sein."

18. März 1990: Die ersten freien Wahlen

Am 18. März, vier Monate nach dem Fall der Mauer, können die Bürger der DDR zum ersten Mal frei wählen. Das "Neue Forum“ und andere Bürgerrechtsgruppen der Wende treten als "Bündnis 90" zur Wahl an. Marktwirtschaft und Einheit sofort! Das fordert die "Allianz für Deutschland" im Wahlkampf für die erste freigewählte Volkskammer. Zur Unterstützung kommt sogar Kanzler Helmut Kohl nach Erfurt.

Bundeskanzler Helmut Kohl, CDU, winkt der jubelnden Menge vor dem Reichstag in Berlin zu.
Bildrechte: IMAGO

Wenn Sie ihr persönliches Glück finden, wie Sie dies wollen, dann wird auch dies Land der DDR, dann wird dies Thüringen und diese alte Stadt Erfurt genau wie alle anderen Städte der Bundesrepublik Deutschland ein blühendes Gemeinwesen werden.

Helmut Kohl Erfurt, 20. Februar 1990

Die Versprechen von Helmut Kohl fruchten. In Erwartung "blühender Landschaften" machen die Wähler die "Allianz für Deutschland" zur großen Siegerin.

Uwe Kockisch hört von den Ergebnissen bei der Arbeit, im Gorki-Theater: "Ich kam ins Theater und da wurden gerade die ersten Wahlergebnisse durchgesagt. Das kann doch gar nicht wahr sein. Das ist doch Wahlfälschung. Warum, fragten welche. Die hab ich doch gar nicht gewählt!" Nicht nur Kockisch war überrascht vom Ausgang der Wahl. Für Ruth Reinecke waren die Wahlen 1990 ein Schock: "Die Entscheidung für die D-Mark und die ganz schnelle Hinwendung zu den blühenden Landschaften, dass man das geglaubt hat, das konnte ich nicht fassen."

1. Juli 1990: Einführung der D-Mark

Doch die Menschen in der DDR wollen die D-Mark. Am 1. Juli ist sie da. Schon ab Mitternacht können sie in einer Bankfiliale am Berliner Alexanderplatz das neue Geld abheben - Party-Stimmung, jedoch auch das Gegenteil: Bei der Ost-Berliner Deutschen Bank kommt es zu einem so gewaltigen Andrang, dass die Scheiben bersten und es Verletzte gibt.

Riesenandrang auf die Ost-Berliner Deutsche Bank: Es gab Verletzte als die Scheiben barsten, aufgenommen am 1.7.1990.
Riesenandrang auf die Ost-Berliner Deutsche Bank, aufgenommen am 1.7.1990 Bildrechte: dpa

Es beginnt der Ausverkauf der DDR, wie sich Ruth Reinecke erinnert: "Ich hatte gar kein Verhältnis zum Eigentum. Und ich begriff erstmals, dass es um einen Ausverkauf ging - stückweise. Plötzlich spielten Recht, Eigentum und Geld eine Rolle. Und zwar eine unendlich wichtige Rolle." Selbst der Trabant, auf den DDR-Bürger jahrelang warten mussten, war jetzt nur noch Plastikschrott. Fast alle DDR-Produkte müssen über Nacht mit den neuen Waren aus dem Westen konkurrieren.

Ich vermisse die Wertlosigkeit des Geldes. Ich fand das immer spannend, dass das Geld, das ich in der DDR-Zeit bekam, für das ausreichte, was für mich wichtig war. Das heißt, das Geld hatte nicht so eine Macht wie heute.

Uwe Kockisch

Mit der neuen Währung in der Tasche macht sich Claudia Mehnert auf in die Welt: "Per Interrail für 500 DM durch Europa, von Paris nach Lissabon, dann an die Algarve, wo man fast nach Afrika rüber spucken kann. Es war großartig“, erinnert sie sich heute.

Besetzung der Stasizentrale

Eine Gruppe Demonstranten mit der DDR-Flagge in einem verwüsteten Büro
Sturm auf die Stasi-Zentrale 1990 Bildrechte: dpa

In Berlin besetzen Bürgerrechtler im September 1990 die ehemalige Stasi-Zentrale und beginnen einen Hungerstreik. Ihre Forderung: Freier Zugang zu den Stasi-Akten, auch im vereinten Deutschland. Noch einmal erfahren die Aktivisten der Wende eine Welle der Solidarität. Nach mehr als drei Wochen haben die Besetzer Erfolg. Für Ruth Reinecke sind diese Erinnerungen besonders wertvoll: "Die Öffnung der Stasi-Akten war eine der größten Errungenschaften nach der Wende. So schmerzlich wie das ist, was man über das Land lernt, aus dem man kam, über die Strukturen, darüber, wozu Menschen fähig sind und was Menschen auch ausgehalten haben."

Und dann ist er da, der Tag der Deutschen Einheit. Der 3. Oktober 1990 markiert das Ende der DDR.

Über dieses Thema berichtet der MDR in "1990 - Ende und Anfang" im TV: 21.01.2020 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 12:26 Uhr

 D-Mark-Schein
Die D-Mark kommt … Bildrechte: MDR/DFF
MDR FERNSEHEN Di, 21.01.2020 22:05 22:48
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Bildergalerie 1990 - Zwischen Ende und Anfang

Wahlkampf in Erfurt 1990
1990 bedeutete das Ende für die DDR und schließlich stand die Wiedervereinigung. Es war auch das Jahr der ersten und letzten freien Wahlen in der Deutschen Demokratischen Republik. Bildrechte: MDR/DFF
Wahlkampf in Erfurt 1990
1990 bedeutete das Ende für die DDR und schließlich stand die Wiedervereinigung. Es war auch das Jahr der ersten und letzten freien Wahlen in der Deutschen Demokratischen Republik. Bildrechte: MDR/DFF
Mai 90: Warnstreik der Beschäftigten von "Goldpunkt", einer Schuhfabrik in Berlin.
Die plötzlichen Umwälzungen brachten auch Unsicherheit. Im Mai 1990 streikten etwa die Beschäftigten von "Goldpunkt", einer Schuhfabrik in Berlin. Es kursierten Gerüchte über die mögliche Schließung des Betriebes. Bildrechte: MDR/DFF
Ruth Reinecke
Ruth Reinecke war 1990 Schauspielerin im Ensemble des Ost-Berliner Gorki-Theaters. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
Marianne Birthler
Marianne Birthler wollte den Übergang damals am Runden Tisch mitgestalten. Später wurde sie Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment
 D-Mark-Schein
Der 1. Juli 1990 war der Tag der Währungsunion. Die D-Mark wurde offizielles Zahlungsmittel in der DDR. Bildrechte: MDR/DFF
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