Kinder des Krieges Das "Buchenwaldkind": Mythos und Wirklichkeit

Das Buch "Nackt unter Wölfen" ist bis heute ein Bestseller. Die Vorlage für den Roman von Apitz liefern zwei Jungen: Stefan Jerzey Zweig und Willy Blum. Der eine musste sterben, damit der andere leben konnte. Eine Tatsache, die Bruno Apitz in seinem Roman so nicht wiedergibt.

Er hat schon im Lager gewusst, lieber Gott, wenn du mich hier rauslässt, dann muss ich die Geschichte dieses Kindes aufschreiben für die Jugend.

So erinnerte sich Kiki Apitz, die Witwe des Schriftstellers Bruno Apitz. Und tatsächlich: 1958 erschien Apitz' Roman "Nackt unter Wölfen" im Mitteldeutschen Verlag Halle. Es ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines jüdischen Kindes, das von kommunistischen Häftlingen des KZ Buchenwald auf wundersame Weise gerettet wird – eine Geschichte biblischen Ausmaßes.

Bestseller stützt Gründungsmythos der DDR

Bruno Apitz, 1975
Bruno Apitz, 1975 Bildrechte: dpa

Das Buch avancierte schnell zu einem Bestseller, nicht nur in der DDR - in mehr als 30 Sprachen wurde es übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren. In der DDR war "Nackt unter Wölfen" bis 1990 Schullektüre – kaum ein Kind, das das Buch nicht gelesen hätte. Doch nicht nur das: Die Staats- und Parteiführung instrumentalisierte den Roman überdies als einen wesentlichen Bestandteil des antifaschistischen Gründungsmythos der DDR. Ein Aspekt, der später noch für Aufsehen sorgte.

Fiktion und Wirklichkeit

Zwischen den tatsächlichen Vorgängen um Stefan Jerzy Zweig und Apitz' Roman - der ja kein Tatsachenbericht, sondern ein künstlerisch gestaltetes Werk ist - gibt es einige Unterschiede. Die historische Figur, die als Vorlage für den Roman diente - Stefan Jerzy Zweig - sagte später über das Buch:

Das ist nicht meine Geschichte. Das ist die Geschichte von Buchenwald. Und ich bin ein Mosaikstein.

Stefan Jerzy Zweig

"Dieser Junge stirbt nicht"

Stefan Jerzy Zweig im Interview
Stefan Jerzy Zweig im Interview Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In "Nackt unter Wölfen" wird das "Buchenwaldkind" in einem Koffer ins Lager gebracht und die SS weiß nichts von seiner Existenz. In Wirklichkeit kam der damals Dreijährige an der Hand des Vaters und unter den Augen der SS ins Konzentrationslager Buchenwald, nach tagelangem Transport im Viehwaggon. Unter der Häftlingsnummer 67509 wurde der Junge ins Lager aufgenommen, Verhaftungsgrund laut Häftlingsakte: "Polit Pole Jude".

Bei Apitz sind es zudem ausschließlich kommunistische Häftlinge, die dem Kind das Leben retten, der Vater spielt dabei keine Rolle. Tatsächlich war es aber der Vater, dem es gelang, das Kind am Leben zu erhalten - auch mit Hilfe einiger Kapos. Willi Bleicher, Kapo der Effektenkammer, den Stefan Jerzy Zweig ebenso wie Robert Siewert, Franz Leitner und andere als seine Retter betrachtet, erinnerte sich:

Unter den nackten, bärtigen Gestalten das Kindchen. Ich hatte etwa zehn Jahre nichts Kindliches mehr gesehen. Da stand es mit seinen großen Augen, so fragend. Und ich entschied: Dieser Junge stirbt nicht.

Willi Bleicher

Buchenwald überlebt: Das grenzt an ein Wunder

Geboren wurde Zweig im Januar 1941 in Krakau als Kind des jüdischen Rechtsanwaltes Zacharias Zweig und seiner Frau Helena. Im August 1944, nach Aufenthalten im Krakauer Ghetto und verschiedenen Lagern im besetzten Polen wurde die Familie getrennt: Die Mutter und Zweigs acht Jahre ältere Schwester Sylwia kam in ein Nebenlager von Buchenwaldal an den HASAG-Werken Leipzig. Später wurden sie in Auschwitz ermordet. Vater und Sohn kamen dagegen ins Hauptlager Buchenwald. Dass es dem Vater gelang, das Kind über all die Stationen am Leben zu erhalten, grenzt an ein Wunder.

Nach der Befreiung führten ihre Wege zunächst nach Polen und Frankreich, dann 1949 nach Israel. Stefan Jerzy lernte schnell Hebräisch, schloss das Gymnasium ab und leistete seinen Wehrdienst in der israelischen Armee. Später ging er nach Frankreich und studierte in Lyon Mathematik.

Zweigs gespaltenes Verhältnis zur DDR

Von dem Roman "Nackt unter Wölfen" und der gleichnamigen Verfilmung erfuhren Vater und Sohn Zweig erst, als sie 1964 von Reportern der Ostberliner "BZ am Abend" ausfindig gemacht wurden. Stefan Jerzy siedelte trotz der Bedenken seines Vaters, dass man aus ihm ein lebendes Denkmal machen würde, in die DDR über und begann ein Studium an der Filmhochschule Babelsberg. Doch die DDR wurde nie ein wirkliches Zuhause für Stefan Jerzy Zweig. Während seiner Studienzeit in Potsdam hatte er mehrmals abgelehnt, die DDR-Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er behielt die israelische. 1972 verließ er die DDR mit Frau und Kind und ging nach Österreich.

Sinto-Junge statt Zweig auf Todesliste gesetzt

Ein weiterer Konflikt, unter dem Stefan Jerzy Zweig litt, war die in der DDR verschwiegene Tatsache, dass Zweig nur deshalb das Konzentrationslager überleben konnte, weil ein anderer Junge für ihn auf die Liste für einen Kindertransport nach Auschwitz gesetzt wurde. Ein grausamer Preis für das Leben eines Kindes, der in Apitz' Roman verschwiegen wird. Der Junge, der anstelle von Zweig nach Auschwitz fuhr, war Willy Blum.

Er war 16 Jahre alt, als er ermordet wurde. Über ihn und seine Familie wusste man lange nichts - nur, dass er am 25. September 1944 das Konzentrationslager Buchenwald verließ, in einem Todeszug ins Vernichtungslager Auschwitz. Sein Name war auf der Transportliste auf Position Nummer 200 zu lesen. Ursprünglich stand dort der Name Stefan Jerzy Zweig.

Von Blum existiert nur ein Foto: Es zeigt ihn 1930 im Alter von knapp zwei Jahren auf dem Arm seiner Schwester Anna im Kreis seiner Familie. Ganz links posiert mit Zigarre in der Hand Aloys Blum, der Theaterdirektor. Die Blums und ihre Gehilfen stehen vor einem Wohnwagen des dazugehörigen Marionettentheaters. Denn die Blums - eine Sintofamilie - lebten seit mehreren Generationen in Deutschland, arbeiteten als Schausteller und zogen von Ort zu Ort, um ihre Kunst vorzuführen.

Deportation nach Auschwitz

Am 8. Mai 1942 wurde Aloys Blum verhaftet und - über Umwege - mit einem Sammeltransport ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wo er am 5. Juli 1942 als Häftling registriert wurde. Ende September kam dann ein Zug mit den 200 Kindern und Jugendlichen aus Buchenwald in Auschwitz an. Was dann geschah, ist nicht dokumentiert. Hier verlor sich auch die Spur von Rudolf und Willy Blum, die in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

Veränderte Tatsachen und ihre Erklärung

Warum Apitz in seinem Buch Tatsachen veränderte und den Vater des "Buchenwaldkindes" wegließ, erklärte später so: "Ich wollte keinen Vater im Roman haben, weil ein Vater sein Kind natürlich beschützen will. Aber wenn andere das tun, ist das etwas Heldenhaftes, etwas fast Übermenschliches."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Kinder des Krieges - 1945 in Mitteldeutschland | 05. Mai 2020 | 22:05 Uhr