Reichsmarschall Hermann Göring und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann, begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg
Der zerstörte Raum im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" nach dem Sprengstoffanschlag auf Hitler. Bildrechte: dpa

20. Juli 1944 Attentat auf Hitler Die Enkel der Attentäter - Wie der 20. Juli 1944 nachwirkte

Hunderte Männer planen einen Anschlag auf Hitler - und scheitern. Obwohl sie Widerstand geleistet haben, gelten die Attentäter noch lange nach Kriegsende als Verräter. Die Familie leiden unter dem politischen Erbe, müssen oft jahrelang auf Entschädigung und Anerkennung warten. Felicitas von Aretin, die Enkelin des am Hitler-Attentat beteiligten Henning von Tresckow, erlebt jedoch eine Überraschung.

Reichsmarschall Hermann Göring und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann, begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg
Der zerstörte Raum im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" nach dem Sprengstoffanschlag auf Hitler. Bildrechte: dpa

Felicitas von Aretin, geboren 1962, hat den 20. Juli 1944 lange nicht als historisches Ereignis betrachtet, sondern als eine Erschütterung, die große Auswirkungen auf die Familie ihrer Mutter und ihr eigenes Leben hatte. Denn ihr Großvater ist Widerstandskämpfer Henning von Tresckow, eine zentrale Figur rund um das Hitler-Attentat. Seit 1941 sucht er unermüdlich Gleichgesinnte für einen Putsch und den Tyarannenmord. Am Morgen nach dem missglückten Staatsstreich tötet sich Henning von Tresckow. Er hinterlässt seine Frau Erika und vier Kinder.

Mein Großvater schützte einen Tag nach dem Scheitern des Attentats, am 21. Juli 1944, einen Partisanenkampf vor und tötete sich mit einer Granate. Der Bruder meines Großvaters schnitt sich nach dem Scheitern des Putsches die Pulsadern auf. Der Schwager und seine Tochter vergifteten sich im April 1945. (..) Wenige Minuten später ging der Besitz meines Urgroßvaters Hermann von Tresckow in Flammen auf. Die Geschichte mehrerer Generationen war ausgelöscht."

Felicitas von Aretin, Enkelin von Henning von Tresckow

Die Bedrückung, die in der Familie herrscht, hat zur Folge, dass Felicitas von Aretin als Kind mit ihren Kuscheltieren oft "Flucht aus dem KZ" spielt – ohne genau zu wissen, warum. Später will sie sich erst nicht mit dem Widerstand beschäftigen. Erst Jahrzente später versucht sie herauszufinden, was es heißt, zur Generation der Enkel des Widerstands zu gehören. Sie verschickt 250 Fragebögen an Enkel aus Widerstandsfamilien und führt über 50 Interviews. Daraus entsteht das Buch "Die Enkel des 20. Juli 1944".

Es sind sehr viele Enkel in so aufklärerische Berufe gegangen, wie eben Journalist, Psychotherapeut, Sozialarbeiter oder Jurist. Aber es sind sehr wenige Politiker geworden, oder sehr wenige stehen wirklich so in der Öffentlichkeit wie die Großeltern das vielleicht gemacht haben."

Felicitas von Aretin, Historikerin und Journalistin

Vorbereiter des Hitler-Attentats

Der 1901 in Magdeburg geborene Henning von Tresckow, der Großvater von Felicitas von Aretin, ist maßgeblich an der Vorbereitung des missglückten Attentats auf Hitler durch Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" beteiligt. Schon seit 1941 ist der Wehrmachtsoffizier davon überzeugt, dass Hitler die Welt in den Abgrund führen wird und beseitigt werden muss. Drei Jahre später kann er auf den Verlauf des Attentats jedoch keinen direkten Einfluss mehr nehmen, denn kurz zuvor ist Tresckow zum Generalmajor befördert und als Chef des Stabes der 2. Armee an die Ostfront abkommandiert worden. Die Nachricht vom gescheiterten Attentat erreicht ihn in der Nacht. Sofort steht sein Entschluss fest, sich zu erschießen. Zu gut kennt er die Methoden der Gestapo und traut sich nicht zu, die Folterungen zu überstehen, ohne die Namen von anderen Beteiligten am Attentat zu nennen.

Die Folgen des Attentats

Wer von den Verschwörern nicht den Freitod wählt, wird von Hitler als Hoch- und Landesverräter verfolgt, in Schauprozessen verurteilt und erhängt. Der Präsident des schon 1934 eingerichteten so genannten Volksgerichtshofes, Roland Freisler, erhält den Auftrag, die Prozesse gegen die beschuldigten Attentäter und Verschwörer beschleunigt durchzuziehen und Exempel zu statuieren. Der 20. Juli ist der Beginn einer beispiellosen Verhaftungswelle, die nach den Angaben der zuständigen SS-Sonderkommission schließlich Tausende von Menschen erfassen wird und sich gegen Widerstand und Opposition insgesamt richtet. Darüber hinaus rächt sich Hitler nach dem Attentat aber auch an deren Familien: Viele Witwen kommen in Sippenhaft oder in Konzentrationslager, die älteren Söhne entweder ins KZ oder an die Front. Die jüngeren Kinder landen teilweise im Heim, so kommen die Tresckow-Töchter mit den kleinen Stauffenbergs in ein NS-Kinderheim im Harz. Mit einem Schlag verlieren die im adligen oder im bürgerlichen Leben verwurzelten Familien - neben ihren Ehemännern und Vätern - auch ihren Besitz und ihre gesellschaftliche Stellung.

Nachdem die Verstrickung von Henning von Tresckow in das Hitler-Attentat bekannt wird, lässt die Gestapo seinen Leichnam exhumieren und im KZ Sachsenhausen verbrennen. Das Zerrbild des ehrlosen Vaterlandverräters, das die Nazis von den Verschwörern entwerfen, wirkt für sie auch noch nach Ende des Zweiten Weltkrieges weiter. Die Angehörigen haben ein schweres Leben, viele Witwen und Waisen müssen beispielsweise jahrelang um ihre Rente kämpfen. Erst in den 1960er Jahren wird das Attentat zum Symbol dafür, dass es auch ein anderes Deutschland als das der Nazis gegeben hat. Aus den Verrätern werden allmählich Helden - wenn auch unbequeme.

Es gab ja viele Witwen, die ja gar nicht wussten, was der eigene Mann gemacht hat. Das war bei meiner Großmutter anders, insofern war das Teil ihres wertekonservativen Glaubens, dass mein Großvater richtig gehandelt hat. Auch mit den ganzen Konsequenzen, die das für die Familie hatte.

Felicitas von Aretin, Enkeltochter Henning von Tresckow

Spätes Gedenken

In der Familie von Felicitas von Aretin wird nicht oft über den Großvater gesprochen, der die Familie verlassen und für Deutschland gekämpft hatte. Man wollte die Großmutter nicht verletzen, erinnert sich von Aretin. Doch 1986 ereignet sich dann, für die Journalistin völlig überraschend, folgendes: Das DDR-Fernsehen widmet sich mit einem langen Film dem Wirken von Henning von Tresckow – eine kleine Sensation, denn die DDR hatte bis dahin fast ausschließlich den kommunistischen Widerstand gewürdigt. Ein Jahr später wird der Film in der ARD ausgestrahlt. Das Gedenken an Henning von Tresckow ist in beiden Teilen Deutschlands angekommen – noch vor der Wiedervereinigung.

Buchtipp Felicitas von Aretin: "Die Enkel des 20. Juli 1944"
349 Seiten,
Leipzig: Faber & Faber 2004,
ISBN: 9783936618402,
Preis: 24,00 Euro

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 14:56 Uhr