Vor 80 Jahren: Das Warschauer Ghetto wird abgeriegelt Der inszenierte Alltag im Ghetto

Vor 80 Jahren wurde das Warschauer Ghetto abgeriegelt. Wie sah der Alltag im Ghetto Warschau aus? Filmaufnahmen der Nazionalsozialisten schienen das zu festzuhalten - bis sich Jahrzehnte später herausstellte, dass die gefilmten Alltagszenen bis ins Detail gestellt waren.

Warum ließen die Nazis im Ghetto von Warschau drehen? Was sollen die Bilder belegen?
Diese Mutter und ihr Kind waren Statisten im Ghettofilm der Nazis. Bildrechte: MDR/Transit Films/Bundesarchiv

"Geheimsache Ghetto" - so nannte Filmregisseurin Yael Hersonski ihre Dokumentation über das Filmmaterial der Nazis aus dem Warschauer Ghetto. Die SS hielt darin den vermeintlichen Alltag im Ghetto fest: In exakt inszenierten Szenen mussten Ghetto-Bewohner genau definierte Szenen spielen.

Filmarbeiten im Warschauer Ghetto - ein "Volks-Charakter" wird akribisch inszeniert

Ein NS-Filmteam dreht im Mai 1942 im Warschauer Ghetto – wenige Wochen bevor dort die Deportationen und der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung beginnen. Das Filmmaterial scheint das Leben im Ghetto abzubilden. Doch die Szenen sind von den Nazis gestellt, die gezeigten Bilder dienen der Propaganda und beleuchten das Leben im Ghetto bis ins Detail - Inszenierungen, die das angeblich "luxuriöse" Leben dort zeigen sollen. Die Nazis inszenierten dafür absurde Situationen: Eine Beschneidung in einem privaten Zimmer, statt in einer Klinik, Szenen von Menschenmassen bei einer prachtvollen Bestattung mit luxuriösem Leichenwagen - ungeachtet der Tatsache, dass Juden nicht im Sarg begraben werden; reich angezogene Paare, die scheinbar fröhlich und ungezwungen in Restaurants schlemmen, während draußen vor dem Fenster Menschen in Lumpen um Almosen betteln.

Aufnahmen in neuem Licht

Erst 45 Jahre nach Entdeckung des unfertigen Propagandafilms wurde durch Zufall eine weitere Filmrolle gefunden - mit Teilen des herausgeschnittenen Rohmaterials
Ghetto-Bewohner wurden für den Film vor die Kamera gezerrt Bildrechte: MDR/Transit Films/Bundesarchiv

Yael Hersonskis Film beleuchtet das ungeschnittene Nazi-Filmmaterial neu: Zeitzeugen aus dem Ghetto erzählen von den Dreharbeiten der Nazis. Tagebucheintragungen von Ghetto-Bewohnern berichten ebenfalls über die Filmarbeiten, wie "Darsteller" von der Straße weg vor die Kamera geholt wurden. Mit diesem Wissen sieht der Zuschauer die Filmszenen in einem neuen Licht: Das Bild einer Frau, die sich in luxuriösen Schlafzimmern scheinbar entspannt vor einem Spiegeltisch schminkt - nicht die Besitzerin oder Bewohnerin der luxuriösen Wohnung. Denn 1942 sind die Ghetto-Bewohner längst in fremden Wohnungen zusammengepfercht - familienweise in je einem Zimmer. Die Frau vor dem Luxus-Spiegel ist einfach eine jüdische Ghetto-Bewohnerin, die sich für die Filmaufnahme so vor dem Spiegel inszeniert, wie es die Filmemacher ihr vorschreiben. Wie alle "Darsteller" spielt sie vor der Kamera um ihr Leben. Nur zwei Monate nach den Dreharbeiten beginnen die Nazis mit der Deportation der Menschen aus dem Ghetto ins Todeslager Treblinka.

Inszeniertes "Luxus-Leben" im Ghetto

Ein Zeitzeuge, der als Zehnjähriger das Ghetto erlebte, schildert in "Geheimsache Ghettofilm", wie auf dem Markt für die Filmarbeiten Gänse herbeigeschafft wurden. Es sollte festgehalten werden, wie vermeintlich "gut" es den Juden doch im Ghetto ging. Ein ähnliches Bild über das "paradiesische jüdische Lebens" wird erzeugt, indem Männer und Frauen von der Straße ins Restaurant "Shulze" geholt werden, und dort - auf Kosten der Jüdischen Gemeinde - Fisch, Fleisch, Likör, Gebäck und andere Delikatessen bestellen und genießen müssen - gefilmt von den Deutschen. Die jüdischen Mädchen, die die Kellnerinnen darstellen mussten, die danach draußen fröhliche Gesichter zeigen sollten, während Kinder, ebenfalls von der Straße herbeigeschafft, bettelnd mit ausgestreckten Händen an ihnen vorbeiziehen mussten.

Ähnlich die Aufnahme einer scheinbar reichen, jungen Frau neben einer Frau in Lumpen - die eine kann die andere nicht anschauen - auf den ersten Blick sind es Blicke der Abscheu, mit denen sie sich streifen. Mit dem Wissen um die schreckliche Situation der Gefilmten lesen sich die Blicke anders - Scham, Angst und Mitleid füreinander offenbaren sich. Auch hinter Aufnahmen von Gesellschaften in festlicher Abendgarderobe, die scheinbar fröhlich feierten, wurden willkürlich Männer und Frauen zusammengeholt, die dann von feinen Gedecken gemeinsam aßen und sich mit Kristallgläsern zuprosteten - gestellte Szenen, an einem Vormittag gedreht.

Ein Kameramann erzählt über die Dreharbeiten

In der Doku kommt auch ein Kameramann, den die SS angeheuert hatte, zu Wort - seine Aussagen über die Dreharbeiten im Ghetto sind im Dokfilm von einem Schauspieler nachgesprochen. Seine Filmarbeiten von 1942 zeigen, wie ihm die SS-Männer Menschen vor die Kamera treiben, die gerade zu den benötigten Aufnahmen passen. "Zu Zwischenfällen" ist es ihm zufolge "bei den Dreharbeiten nie gekommen" - man sieht jedoch in seinem Rohmaterial Aufnahmen prügelnde SS-Männer.

Wie soll man mit Propaganda-Material umgehen?

Ein Jahrzehnt nach Kriegsende fanden sich einzelne Filmkopien ohne Tonspur, ohne Titel und Abspann, lakonisch beschriftet mit dem Wort "Ghetto". Es ist die Rohfassung des einzigen nationalsozialistischen Films aus dem größten von den Deutschen errichteten Ghetto - dem Ghetto von Warschau.
Ein Jahrzehnt nach Kriegsende waren einzelne Kopien des Ghettofilms ohne Titel und Tonspur gefunden worden. 45 Jahre später tauchte noch eine Rolle mit herausgeschnittenem Filmmaterial auf. Bildrechte: MDR/Transit Films/Bundesarchiv

Das ungeschnittene Rohmaterial aus dem Ghetto wurde Jahre nach dem Holocaust von Filmemachern benutzt - Bilder des Ghettolebens, exakt so, wie es die Nationalsozialisten für ihre Zwecke inszeniert hatten. Wie die Situationen und Bilder im Ghetto entstanden - wird nicht erläutert und nicht thematisiert.

Filmregisseurin Yael Hersonski ändert den Blickwinkel auf dieses Filmmaterial mit "Geheimsache Ghettofilm": Was zeigen Ghetto-Aufnahmen wirklich? - Ihr Film zeigt nicht nur die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Ghetto und den propagandistischen Zielen des NS-Regimes. Sie berührt auch die Frage nach der Authentizität der Bilder der Täter: Wie sollte NS-Filmmaterial heute genutzt werden und was zeigt es wirklich?

(zuerst veröffentlicht am 13.04.2016)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Geheimsache Ghettofilm | 22.04.2018 | 23:15 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell | 19. April 2020 | 21:45 Uhr