Freiheit 89 "Aktuelle Kamera" und "Tagesschau" vom 17. Oktober 1989

In Leipzig demonstrieren am 16. Oktober 1989 120.00 Menschen für Reformen, freie Wahlen und Meinungsfreiheit. Der Druck auf die SED verstärkt sich. In der "Aktuellen Kamera" wird inzwischen eine Diskussion über notwendige Reformen geführt. Die "Tagesschau" berichtet nach wie vor weit aus umfangreicher über die Proteste in der DDR.

Leipzig: Montagsdemonstration auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig am 16.10.1989
Leipziger Montagsdemonstration auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig am 16. Oktober 1989. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Leipzig haben sich am 16. Oktober 1989 120.000 Menschen zur Montagsdemonstration aufgemacht, um gegen das SED-Regime zu demonstrieren. Die Stimmung auf dem Karl-Marx-Platz, der heute wieder Augustusplatz heißt, ist aufgeladen.

Schweigend und ohne Transparente ging es vom Karl-Marx-Platz um den Leipziger Innenstadtring. Links die Oper, im Hintergrund die Hauptpost mit der Uhr, auf der es ca. 18.50 Uhr ist. (Bild vom 9. Oktober 1989).
Wie in der Vorwoche findet auch am 16. Oktober 1989 eine historische, friedliche Montagsdemonstration statt. Bildrechte: dpa

Fast doppelt so viele Menschen sind an diesem Montagabend auf den Beinen wie eine Woche zuvor. Nach Friedensgebeten in fünf zentralen Kirchen umrundet die Menschenmenge den Stadtring.

In Dresden gehen zur gleichen Zeit 10.000 auf die Straße, ebenso viele haben sich in Magdeburg versammelt. Auch parallele Demonstrationen in Halle und in Berlin verlaufen friedlich.

Die Menschen haben Transparente dabei. Stasi-Mitarbeiter haben sich unter die Menge gemischt, aber sie können nicht mehr die Sprechchöre verhindern: "Jetzt oder nie: Demokratie!", oder "Gorbi, Gorbi!". "Keine Gewalt!". Erneut halten sich die Sicherheitskräfte zurück.

'Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!' ist auf einem Transparent zu lesen.
Mehr als 100.000 Leipziger ziehen am 16. Oktober 1989 vom Karl-Marx-Platz aus um den Leipziger Innenstadtring. 'Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!' ist auf einem Transparent zu lesen. Bildrechte: dpa

In der "Aktuellen Kamera", der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, sind die bis dato größten Massenproteste in der Geschichte der DDR nun zwar keine Randnotiz mehr. In ihrer Abendausgabe um 19:30 Uhr werden dennoch keinerlei Bilder vom montäglichen Demonstrationsgeschehen gezeigt.

Die Sendung thematisiert hauptsächlich die in der DDR einsetzende Diskussion über notwendige Reformen. Der Nachrichten-Sprecher kündigt den ersten Beitrag mit den Worten an: "Über die gegenwärtige innen- und außenpolitische Situation, die auch Gegestand im jüngsten Gepräches im Hauses des Zentralkomitees war, beraten in diesen Tagen die Führungsgremien der mit der SED befreundeten Parteien." Ein später in der Sendung gezeigter Kommentar setzt sich mit den Beweggründen der Demonstranten auseinander.

Hauptnachrichtenthema

Anders in der "Tagesschau" um 20:00 Uhr in der ARD: Hier sind die friedlichen Massenproteste der DDR-Bürger und ihre Forderungen nach freie Wahlen sowie Reise-, Presse- und Meinungsfreiheit die zentrale Nachricht.

Der Sprecher beginnt die Sendung mit dem Satz: "Der Druck auf die DDR-Führung, sich zu Reformen durchzuringen, wird immer stärker. In mehreren Städten kam es gestern zu neuen Massendemonstrationen. ... Die staatlich gelenkte DDR-Presse, die früher Regime-Kritik verschwieg oder als Rowdytum abtat, berichtete über die Protestveranstaltungen."