Ein Räuchermännchen mit gelber Laterne bläst Rauch aus.
Bildrechte: dpa

Wenn das Raachermannl nabelt...

… fragt der Nicht-Erzgebirgler garantiert mehrfach nach: Wer? Macht was? Wie unterscheidet man das erzgebirgische Raachermannl vom Kollegen aus Fernost? Ein Blick in die Geschichte der qualmenden Gesellen, die selbst in Nichtraucherhaushalten gern gesehene Gäste sind.

Ein Räuchermännchen mit gelber Laterne bläst Rauch aus.
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Das Raachermannl ist das Räuchermännchen, und stellt man eine Räucherkerze hinein, dann "nabelt" – erzgebirgisch für "nebelt" – qualmt oder dampft es eben aus der kreisrunden Mundöffnung. Der Mundart-Dichter Erich Lang hat den rauchenden Holzfiguren mit den staksigen Beinen in den 1930er-Jahren ein musikalisches Denkmal gesetzt. Hier der Refrain:  

Wenn es Raachermannel nabelt un es sat kaa Wort drzu,
un dr Raach steigt an dr Deck nauf,
sei mr allezamm su fruh.
Un schie ruhig is in Stübel, steigt dr Himmelsfrieden ro,
doch im Harzen lacht's un jubelt's;
Ja, de Weihnachtszeit is do.

Und hier die Übersetzung: Wenn das Räuchermännchen nebelt und es sagt kein Wort dazu,
und der Rauch steigt an die Decke hinauf,
sind wir alle zusammen so froh.
Und schön ruhig ist's im Stübchen, steigt der Himmelsfrieden herunter,
doch im Herzen lacht's und jubelt's,
ja die Weihnachtszeit ist da.

So dichtete Erich Lang aus dem Erzgebirge in der Adventszeit 1937.

Am Anfang war... die qualmende Teig-Figur

Die munter qualmenden Holzgestalten, die im Lied besungen werden, sind allerdings älter als Erich Langs Lied. Die ersten gedrechselten Räuchermännlein in Form von Pfeifenrauchern werden Ferdinand Frohs und Friedrich Haustein zugeschrieben, die sie etwa um 1850 herum im erzgebirgischen Seiffen herstellten.

Räuchermännchen mit Armen und Beinen aus Teigmasse
Räuchermännchen aus Teigmasse Bildrechte: IMAGO

Dabei kamen die ersten rauchenden Figuren schon in den 1820er-Jahren aus dem thüringischen Sonneberg - sie bestanden aber nicht aus Holz. Die Thüringer Rauchgestalten wurden aus einem Spezialgemisch aus Schlemmkreide, Knochenleim, Roggen- oder Sägemehl geformt, der tagelang trocknen musste. Die "Raachermannln" aus dem Erzgebirge wurden dagegen aus Holz gedrechselt. Dass sich eine richtige Industrie bzw. Handwerkskunst daraus entwickelte, war auch dem Niedergang des Bergbaus durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert geschuldet. Viele Bergleute wechselten vom Stollen ins Holzhandwerk.

Später, in der DDR, wird der Räuchermann aus dem Erzgebirge zum Weltbürger und Exportschlager gleichermaßen. Helfried Dietel, ehemals Vorstand der Seiffener Genossenschaft DREGENO, erinnert sich:

Die Verhältnisse waren so, dass von der örtlichen Versorgungswirtschaft, sprich dem Handwerk, dass in etwa 60 Prozent für den Export war und 40 Prozent wurde in der DDR verkauft. Wir haben nach Amerika exportiert und auch nach Japan, in die Schweiz, Österreich, Italien, der größte Teil ging in die Bundesrepublik.

Trabireifen fürs Raachermannl

Matthias Merten, der 1985 eine Räuchermann-Manufaktur in Seiffen gründete, erinnert sich, wie schwierig es für DDR-Bürger war, einen Holzmann zu ergattern. An den Wochenende im Advent strömten Scharen von Besuchern nach Seiffen zu den offenen Verkäufen. Wählerisch sein konnte man nicht, Schlange stehen und nehmen, was da war, lautete die Devise. Apropos Devise, mit einem Seiffener Räuchermann konnte man Merten zufolge mehr als nur schöne Gerüche und Weihnachtsstimmung verbreiten:

Wir nannten das die 'Seiffener' Währung. Für 'n Nussknacker oder mal 'n Räuchermann bei uns, da konnten sie schon mal was dafür kriegen. Ob 's mal 'n Trabi-Reifen war, oder auch zum Beispiel Obst kam immer einer aus der Lommatzscher Gegend, weil er dort 'n Geschäft hatte, unsere Sachen dort verkaufte und der brachte immer mal was mit.

Storchenbeine - runder Mund

Die Olsenbande als Räuchermännchen
Die Olsenbande als Räuchermännchen. Bildrechte: Birgit Friedrich

Längst gibt es die Räuchermännchen in verschiedensten Formen - die Fantasie der Drechsler kennt keine Grenzen. Wer Räuchermännchen sucht, trifft nicht nur auf die Klassiker - rauchende Handwerker - sonder auch auf Promis von heute und früher - Udo Lindenberg, die Olsenbande und Barack Obama. Aber auch Ski-Abfahrtsläufer, dickbauchige Vatertagsausflügler, die Bollerwagen mit Miniaturbierfalsche hinter sich herziehen, Schneeschipper oder auch Räuchermännchen-Biker oder -Skateboarder. Das die großen und kleinen Räuchergestalten mit dem kreisrunden Schmauchmund tatsächlich handgefertigte Originale aus dem Erzgebirge sind, zeigt sich beim Blick auf die Unterseite – hier vermerken die Herstellerfamilien ihre Namen.

Warum wird eigentlich geräuchert?

Das "Räuchern" selbst ist ein uraltes Ritual, das weltweit bekannt war und überall ähnlichen Zwecken diente: Rauch - erzeugt aus verschiedensten Substanzen - wurde zu spirituellen Zwecken benutzt, als flüchtiges Bindeglied zwischen Himmel und Erde, als Verbindung von Menschen mit dem Überirdischen, oder "höheren Wesen“. Es wurde aber auch zum Wohlbefinden geräuchert oder zur Krankheitsbekämpfung. Schon im Mittelalter stellten Dufthändler Gerüche her. Zum einen, um üble Dünste zu verdecken, zum anderen zum Inhalieren zur Krankheitsbekämpfung. Die Menschen glaubten früher, dass krankheitserregende Stoffe die Luft verpesteten und durch die Dämpfe hoffte man, die Ansteckungsgefahr "auszuräuchern".

Weihrauch, Fichtenwald und Drachenduft

Düfte, die Wohlbefinden verbreiten, gehören bis heute zum Alltag – ob daheim im Wohn- oder im WG-Zimmer, mit einem Sandelholzstäbchen, zu hohen kirchlichen Feiertagen in katholischen Kirchen, wenn Ministranten Gefäße, in denen Weihrauch abgebrannt wird, schwenken und der typische "Feiertagsgeruch" durchs Kirchenschiff wabert. Oder eben zur Weihnachtszeit, wenn die Raachermannl aus ihren Kisten auf dem Dachboden gekramt und mit neuen Räucherkerzen gefüllt werden.

Wie bei den Figuren gilt übrigens auch für die Düfte der Räucherkerzen - die Fantasie der Räucherkerzenhersteller kennt auch keine Grenzen: Längst "stinken" Butterwaffel-, Drachen- oder Dampflok-Duft gegen Klassiker wie Weihrauch oder Fichtennadel an. Hier geht es dem Räucherkerzchen wie dem Räuchermannl: Hauptsache, es vertreibt den Alltagsmief und verschönert den Advent.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Von Weihnachtsbergen und Buckelbergwerken" 24.12.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2018, 10:36 Uhr