Deutsche Wirtschaftsgeschichte Die Simson-Werke in Suhl oder wie jüdische Familiengeschichte ignoriert wurde

Wer heute den Namen Simson hört, denkt zuallererst an die mittlerweile auch im Westen der Republik legendären Zweiräder "made in GDR". Kaum einem ist bewusst, dass sich hinter der Mopedmarke die wechselvolle Geschichte einer jüdischen Familie und ihres Unternehmens verbirgt.

Es ist eine typische Geschichte vom Aufstieg und Fall einer jüdischen Unternehmerfamilie in Deutschland im 19. und 20 Jahrhundert. Als die Gebrüder Simson 1856 ihr erstes gemeinsames Unternehmen Simson & Co. gründen, ist die Judenemanzipation gerade in vollem Gange. Beschränkungen zur Ansiedlungen in Städten sowie Berufsverbote für deutsche Juden werden allerorts aufgehoben. Ein christlich-jüdisches Miteinander scheint möglich.

Waffen für die Truppen im Ersten Weltkrieg

Auch die Familie Simson nutzt die Gunst der Stunde. Die Gebrüder Löb und Moses ziehen aus der Umgebung der Stadt nach Suhl, wo sie 1856 zunächst eine Waffenschmiede gründen.

An 100 Jahre Suhler Fahrzeugbau-Tradition erinnert dieser Simson Supra, der am 01.05.1996 in einer Ausstellung in Erfurt von einer Besucherin betrachtet wird. Das 1923 im südthüringischen Suhl entwickelte Auto ist weltweit eines der ersten mit Vierventil-Technik und läßt als "deutscher Rolls Royce" bis heute die Herzen der Oldtimer-Fans höher schlagen.
1923 bei Simson in Suhl entwickelt: der Supra, eines der ersten Automodelle weltweit mit Vierventil-Technik Bildrechte: dpa

Im Laufe der Jahrzehnte kommt auch die Produktion von Fahrrädern hinzu und Anfang des 20. Jahrhunderts werden auch erste Automobilmodelle entwickelt. Doch einen wirklich großen Einschnitt in der Firmengeschichte bringt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit sich. Simson wird zum Waffenproduzenten für die Truppen des deutschen Kaiserreichs. Um den steigenden Bedarf des Heeres zu decken, wird die Produktion massiv ausgeweitet. Die Belegschaft verdreifacht sich fast, von 1.200 Mitarbeitern im Jahr 1904 auf 3.500 Mitarbeiter 1916.

Nach Kriegsende wird die Produktion von Konsumgütern wieder angeworfen, aber auch die Waffenproduktion in Suhl geht weiter. In der Weimarer Republik avancieren die Simson-Werke sogar zum Monopolisten auf diesem Gebiet. Denn nach dem Versailler Vertrag wird das Unternehmen als einziges in Deutschland mit einer entsprechenden Konzession ausgestattet.

Nationalsozialisten enteignen nach Schauprozess

So ist es kaum überraschend, dass der NS-Staat schon 1933 zum Angriff auf die Betriebe der Simson-Familie übergeht. Kurz nach Hitlers Machtergreifung hissen SA-Leute auf dem Verwaltungsgelände der Simson-Werke die Hakenkreuzfahne. Regieführend dabei ist der überzeugte Nationalsozialist und thüringische Gauleiter Fritz Sauckel. Am 31. August 1934 richtet dieser ein Schreiben an Hitler: "Die Simson-Werke in Suhl haben für das Deutsche Reich, infolge ihrer Allein-Konzessionierung durch den Versailler-Vertrag für Heereslieferungen, auch heute noch infolge ihrer Monopolstellung größte Bedeutung. Die Inhaber, die Juden Simson, gehören zu den übelsten Vertretern ihrer Rasse. Sie haben das Deutsche Reich, das Reichswehrministerium und damit den deutschen Steuerzahler nachweislich um viele, viele Millionen durch beispiellose und skandalöse Preisspekulation übervorteilt, wenn nicht sogar betrogen", heißt es darin. Am Ende bittet Sauckel darum, Maßnahmen gegen die Eigentümer zu ergreifen, weil es "politisch unerträglich" wäre, "wenn die Juden ihre alte wirtschaftliche Machtposition wieder einnehmen könnten". Kurze Zeit später verfügt Hitler persönlich, der Angelegenheit im Sinne von Sauckel nachzugehen.

Auf Grund konstruierter Vorwürfe wird gegen die Familie Simson ein Scheinprozess geführt, an dessen Ende die Enteignung steht. Die Produktion von Kraftfahrzeugen wird bald darauf zurückgefahren und dafür die Waffenproduktion erhöht. 1939 wird das Unternehmen schließlich in "Gustloff-Werke" umbenannt. Im Gegensatz zu Millionen anderer deutscher und europäischer Juden schafft es die Familie Simson, dem Holocaust zu entkommen. 1936 gelingt ihr die Flucht in die USA, wo bis heute ihre Nachfahren leben.

Simson-Erben ausgebootet

Nach dem Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und der Teilung Deutschlands 1949 beginnt für die Simson-Werke in der DDR mit der Produktion der legendären Mopeds unter der Bezeichnung Schwalbe der zweite Frühling. Jedoch ohne die ursprünglichen Eigentümer und Namensgeber. Die Vorgeschichte des Unternehmens spielt dabei überhaupt keine Rolle. Aus offizieller Parteisicht handelte es sich dabei um beschlagnahmten Nazibesitz, der nun in Volkseigentum überführt wurde.

Simson-Belegschaft Suhl demonstriert 1990
Im Dezember demonstrieren Simson-Mitarbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Bildrechte: IMAGO

Erst als auch die DDR Geschichte wird, versuchten die Nachfahren der Familie Simson in den USA, wieder in den Besitz des Unternehmens zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt sind in Suhl zwei Simson-Sparten ansässig: Fahrzeugbau und Jagdwaffenherstellung. Die Treuhand, welche die Privatisierung regeln soll, entscheidet sich ebenfalls, die Geschichte des Unternehmens zu vernachlässigen und veranstaltet auf der Suche nach Investoren eine marktwirtschaftliche Ausschreibung. Das beste Angebot bekommt den Zuschlag. Und es ist nicht das der Simson-Erben, obwohl sie damals die einzigen sind, die ein Konzept vorlegen können, das zumindest die Produktion der Jagdwaffen und die dazugehörigen Arbeitsplätze retten soll. Ihr Plan: Die Simson-Jagdgewehre als Premiummarke auf dem US-Markt zu etablieren. Doch daraus sollte nichts mehr werden. Der Familie blieb lediglich eine Entschädigung von 18,5 Millionen Mark aus dem Treuhandfonds. "Es war schön, dass die Familie Simson einen Teil der Entschädigung wieder investieren wollte, aber wir mussten streng nach Aktenlage entscheiden", erinnerte sich später einer der zuständigen Treuhand-Mitarbeiter: "Aber wir waren nicht für Wiedergutmachung, sondern für Privatisierung zuständig."

Kult - Mopeds und Motorräder der Marke Simson

Simson Schwalben
Michał Koziołek motzt seit 2016 in seiner Firma "RetroElectro" originale Schwalben mit einem Elektromotor auf. Iin einer kleinen Garage in Breslau baut er Schwalben für den internationalen Markt um, denn da seine E-Schwalben als Oldtimer gelten, bekommen sie von den polnischen Behörden mit Elektromotor keine Zulassung. Bildrechte: Jana Gareis
Star SR 4-2
Der Simson "Star" SR 4-2 hatte bereits eine 3-Gang-Fußschaltung und konnte mit 3,4 PS eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h erreichen. Bildrechte: Conrad Weigert
Habicht
Von 1966 bis 1972 wurde der Simson "Sperber" produziert. Mit seinem hochdrehenden Motor mit geänderten Steuerzeiten und 4,6 PS erreichte der SR4-3 eine Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h. Trotz seines Hubraums von rund 50 cm³ wurde der "Sperber" deshalb als Leichtkraftrad eingestuft. Bildrechte: Conrad Weigert
KR 50
Der KR 50 war ein verkleidetes Kleinkraftrad in Roller-Optik, das von 1958 bis 1964 insgesamt 164.500 mal bei Simson in Suhl (Thüringen) gebaut wurde. Der KR50 gilt als Vorläufer der legendären "Schwalbe". Bildrechte: Conrad Weigert
Touren-AWO mit Beiwagen
Der Einzylinder-Viertaktmotor des Motorrades leistete 12 PS und beschleunigte die Maschine auf 100 km/h. Hier das Modell mit Seitenwagen. Bildrechte: Conrad Weigert
AWO 300 G
Auch im Geländesport kamen die einzigen Viertaktmotorräder aus dem VEB Simson Suhl zum Einsatz. Hier eine AWO 300 G aus dem Jahr 1958. Mit 300 cm³ und einem Viergang-Kardanantrieb leistete die Maschine 21 PS.
(Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: "Höhenflug eines Kult-Rollers" | 29.09.2018 | 18:00 Uhr. )
Bildrechte: Conrad Weigert
Simson Schwalben
Michał Koziołek motzt seit 2016 in seiner Firma "RetroElectro" originale Schwalben mit einem Elektromotor auf. Iin einer kleinen Garage in Breslau baut er Schwalben für den internationalen Markt um, denn da seine E-Schwalben als Oldtimer gelten, bekommen sie von den polnischen Behörden mit Elektromotor keine Zulassung. Bildrechte: Jana Gareis
Simson Schwalben
Diesen Behördenärger hat die Münchner Firma "Govecs" nicht, denn sie verbaut keine Originalteile. Auch sie produziert in Breslau. Sie hat die Markenrechte an der E-Schwalbe. Bildrechte: Jana Gareis
Spatz SR4-1
Ab 1964 wurde bei Simson in Suhl die legendäre "Vogelserie" gefertigt. Grundlage war anfangs ein Rheinmetall-Motor mit 2 PS und später der Einzylinder-Zweitaktmotor M53 von Simson mit einer Motorleistung zwischen 2,3 und 4,6 PS. Hier ein "Spatz" SR 4-1. Der "Spatz" hatte einen Motor mit 49,6 cm³ Hubraum, 2,3 PS Leistung und zwei Gängen. Der "Spatz" wurde 1964 bis 1970 gebaut. Bildrechte: Conrad Weigert
Star SR 4-2
Die Produktion des Simson "Star" begann fast zeitgleich mit dem Roller "Schwalbe" im Herbst 1964. Bis zum Serienauslauf im Jahre 1975 wurden 505.800 Stück verkauft. Bildrechte: Conrad Weigert
Star SR 4-2
Der "Habicht" war das letzte Modell aus der sogenannten Vogelserie. Der gebläsegekühlte 50 cm³-Motor hatte wie der "Sperber" ein 4-Gang-Getriebe. Die Höchstgeschwindigkeit des "Habicht" betrug etwa 60 km/h, die meisten waren allerdings deutlich schneller. Bildrechte: Conrad Weigert
"Schwalbe" vom Typ KR 51
Die "Schwalbe" vom Typ KR 51 ist der erste Motorroller von Simson, der zur Vogelserie gehört. Dieser Kleinkraftroller wurde erstmals als Zweisitzer entwickelt und von 1964 bis 1986 produziert. Bildrechte: Conrad Weigert
"Simson S 51" (Enduro-Variante)
Die Simson S 51 (hier die Enduro-Variante) ist mit 1,6 Millionen produzierten Fahrzeugen das meistgebaute Kleinkraftrad Deutschlands. Die S 51E erschien 1982. Besondere Merkmale waren der hochgezogene Auspuff mit verändertem Seitendeckel auf der rechten Seite und die typische Lackierung in Metallic-Silber. Bildrechte: Conrad Weigert
AWO 425
Die AWO 425, auch als Touren-AWO bezeichnet, wurde zwischen 1950 und 1961 im thüringischen Suhl gebaut. Bildrechte: Conrad Weigert
AWO 425 "Sport"
Daneben wurde mit einem völlig neu konzipierten Fahrwerk mit Hinterradschwingenfederung, einem verbesserten Motor und Vollnabenbremsen die AWO 425 "Sport" gefertigt. Bei diesem Modell gab es Motorvarianten mit 14 und später mit 15,5 PS Leistung. Bildrechte: Conrad Weigert
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Das Ende einer langen Firmentradition

Blick auf die frühere Villa der Industriellenfamilie Simson in Suhl.
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Das Unternehmen bleibt im wiedervereinten Deutschland chancenlos. Bereits 1993 geht die Waffensparte unter dem neuen Eigentümer insolvent. Die Simson-Fahrzeuge können immerhin noch bis 2002 produziert werden, dann kommt auch für sie das Aus. Dies bedeutet das Ende der langen Firmentradition in Suhl. Und als im Dezember 2016 die sogenannte Simson-Villa, der ehemalige Familiensitz am Suhler Domberg, nach langem Leerstand an einen Investor verkauft wird, ist das lediglich eine kurze Nachricht in den Lokalmedien wert.

(zuerst veröffentlicht am 30.06.2017)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Spurensuche in Ruinen: Simson - Fahrzeuge aus Suhl | 03.07.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2018, 09:10 Uhr

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