Unschuldig verschleppt: Vom Speziallager Buchenwald ins sowjetische Arbeitslager

"Karaganda hat mir das Leben gerettet": Ohne Zorn und sogar mit ein wenig Sentimentalität in der Stimme erzählt der heute 88-jährige Rudolf Butters von seiner Zeit in sowjetischer Lagerhaft. Er ist damals 17 Jahre alt und gefangen im kasachischen Karaganda – 6.000 Kilometer von seiner thüringischen Heimat entfernt. Hinter ihm liegt eine sechswöchige Zugfahrt unter katastrophalen Bedingungen - der sogenannte "Pelzmützentransport".

Eingang zur Gedenkstätte Buchenwald
Eingang zur Gedenkstätte Buchenwald, dahinter der Appellplatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Mein Bruder, mein Bruder" ruft Rudolf Butters dem sowjetischen Wachposten auf Russisch zu. Dieser weicht kurz zurück. Für einen flüchtigen Moment kann sich der 17-Jährige von seinem älteren Bruder Hans-Joachim verabschieden. Ein vorerst letztes Mal stehen sich beide auf dem Appellplatz des sowjetischen Speziallagers Buchenwald gegenüber - ahnungslos wo es für Rudolf Butters jetzt hingeht. "

"Pelzmützentransport"

Truppenweise werden sie nun zum Verladebahnhof Buchenwald geführt, nacheinander aufgerufen und in Güterwagons gepfercht. Schätzungsweise 48 Mann passen in den Wagon, erinnert sich Rudolf Butters. Nasser Bretterboden, in der Mitte ein Holzofen. An der Stirnseite mehrere Holzpritschen auf zwei Etagen. Neben der Tür ein Loch für die Notdurft. In der Decke ein schmales Fenster, zusätzlich abgesichert mit Stacheldraht. Es ist eiskalt, trotz der neuen warmen Kleidung, die er vor wenigen Wochen von den sowjetischen Militärs bekommen hat: Eine schwere Winterjacke, eine Pelzmütze und Filzstiefel der Wehrmacht.

Erst am nächsten Morgen setzt sich der Zug in Bewegung. Rudolf Butters ist einer von 1086 Häftlingen, die am 8. Februar 1947 auf eine sechswöchige Fahrt ins Ungewisse geschickt werden. "Da dachte ich, das war’s", so der 88-Jährige. Es ist der sogenannte "Pelzmützentransport". Die Kopfbedeckung der Häftlinge gibt ihm den Namen. Nach welchen Kriterien sie ausgesucht werden, weiß damals keiner. Heute erklärt es sich Rudolf Butters so, dass die "Auswahl wohl nach Berufen getroffen wurde". Er war Maurerlehrling.

Wo alles begann: Das sowjetische Speziallager Buchenwald

Warum der junge Rudolf Butters überhaupt in sowjetischer Gefangenschaft und nun in dieser Lage ist, kann er sich nicht erklären. Im März 1946 wird Rudolf Butters vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet. Der Vorwurf: Er soll Mitglied der "Werwölfe" sein - einer Untergrundorganisation der Nazis. Der heute 88-Jährige bestreitet das. Der NKWD glaubt ihm jedoch nicht. Erst kommt Rudolf Butters ins Gefängnis nach Saalfeld, später in das sowjetische "Speziallager Nummer 2 Buchenwald" – ohne Prozess, ohne Urteil. Eine individuelle Schuld wird nie festgestellt. Wenig später trifft es auch seinen Bruder.

Am 7. Februar 1947 heißt es plötzlich: Antreten! Die Gefangenen werden nackt gefilzt, dann bekommen sie eine Holzschüssel und einen Holzlöffel und marschieren zum Bahnhof. Es ist der Tag, an dem sich Rudolf Butters und sein Bruder das vorerst letzte Mal in die Arme schließen. Tags darauf geht es mit dem Zug Richtung Osten.

Fahrt ins Ungewisse

Die ersten Wochen auf Schienen vergehen quälend langsam: Weimar, Leipzig, Berlin, Frankfurt (Oder), Posen, Warschau. Es ist eiskalt. Draußen liegt meterhoher Schnee. Ab und an gibt es Tee, Brot und etwas Warmes. Einer der Häftlinge im Wagon muss immer aufpassen, dass die Glut im Kanonenofen nicht erlischt. Jede Nacht rückt Rudolf Butters ein Bett weiter, "damit jeder einmal in den 'Genuss' kam, neben dem Loch für die Notdurft zu schlafen", erinnert er sich.

Oft hält der Zug. Nachts steht er häufig stundenlang auf Abstellgleisen in den Wäldern. Durch Polen brauchen sie 14 Tage, werden eines Tages auf freier Fahrt beschossen. Alle rücken soweit in die Mitte des Waggons, wie nur möglich, um nicht getroffen zu werden.

Über Moskau geht es weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn bis hinter den Ural. Die Landschaft wird eintöniger, die Temperaturen sinken. Nach sechs Wochen erreichen sie am 20. März 1947 ihr Ziel: Karaganda, irgendwo in der kasachischen Steppe. Es ist das Arbeitslager Nr. 7099. Der Grund für die Deportation ist jetzt allen klar: Die Sowjetunion braucht die Häftlinge als Arbeitskräfte. Rudolf Butters ist 6.000 Kilometer von seiner thüringischen Heimat Pößneck entfernt.

Kriegsgefangenenlager Karaganda

Angekündigt werden die Buchenwald-Häftlinge als "deutsche Faschisten", erinnert sich Rudolf Butters und ergänzt: "Doch als die anderen Häftlinge uns sahen, 17- und 18-jährige Jungen, von der langen Reise geplagt und ausgehungert, schoben sie uns ihr Brot zu und haben Zigaretten verteilt, obwohl sie ja selbst nichts hatten". Sie werden herzlich empfangen und auch von den Russen ordentlich behandelt, betont er. Am 7. April 1947 wird Rudolf Butters offiziell als "Kriegsgefangener" anerkannt. Seine Lebensrettung, ist er sich heute sicher. Rudolf Butters und seine Kameraden bekommen nun mehr zu essen, dürfen arbeiten und werden später sogar dafür entlohnt.

Lageralltag in Karaganda

Während Rudolf Butters zu Beginn in Karaganda noch in Erdbunkern untergebracht ist, schläft er nun mit seinen Kameraden in Holzbaracken: Darin Doppelstockbetten, ein bis zwei Tische, ein paar Stühle, ein gemauerter Ofen und Wanzen. Um denen zu entkommen, schläft er im Sommer nachts oft draußen.

Das Wetter in der kasachischen Steppe ist extrem: Bis zu 45 Grad wird es in den Sommermonaten heiß. Im Winter hingegen sinken die Temperaturen bis auf minus 45 Grad. Das Lager ist zwar mit einem drei Meter hohen und Stacheldraht bewehrten Bretterzaun abgesichert, doch bei diesen Temperaturen war jede Flucht ohnenhin zum Scheitern verurteilt, ist sich Rudolf Butters sicher.

Den Alltag im Lager bestimmt die Arbeit. "Wir waren elf Mann und bunt gemischt. Und unsere Jugendbrigade hat immer zusammengehalten", so Butters. Sie helfen, Schulen und eine Ziegelei aufzubauen. Abends sitzt Rudolf Butters meist mit seinen Kameraden zusammen. Sie erzählen sich Geschichten oder lesen. Man kann sich Bücher von Karl Marx ausleihen. Gelegentlich inszenieren die Lagerinsassen ein Theaterstück oder veranstalten ein Konzert. Ansonsten habe militärische Zucht und äußerste Strenge geherrscht, erinnert sich Rudolf Butters. "Nach dem Abendessen fand täglich ein Appell statt. Ein Trio musste musizieren. Wir mussten zackig im Lager marschieren und dazu Lieder zu singen. Auf das Kommando 'Weg marsch, marsch' hieß es rasend schnell in die Baracken zu verschwinden."

Erst Ende 1947 dürften sie monatlich Postkarten schreiben. Das erste Lebenszeichen von ihm erreicht seine Eltern am 2. Januar 1948. Sie schicken ihm ein Familienbild ins ferne Karaganda - jedoch ohne seinen älteren Bruder. Der ist noch immer in Buchenwald gefangen.

Entlassung

Ende 1949 gibt es Gerüchte über Entlassungen. Dann eines Abends wird Rudolf Butters mit anderen zur sowjetischen Lagerleitung gerufen. Sein Name fällt. Riesige Erleichterung. Er darf nach Hause. Bevor es jedoch zurückgeht, kauft er sich ein Holzköfferchen und Mitbringsel für seine Familie. Denn über die Jahre hat er einiges angespart: "Für meine Mutter habe ich eine Flasche Kölnisch Wasser geholt, für den Vater gab es 500 Zigaretten und für meine drei Geschwister habe ich Kakao gekauft."

Am 3. Dezember 1949 erreicht Rudolf Butters seinen Heimatort Pößneck und kann nach Jahren endlich wieder seine Familie und auch seinen ältesten Bruder Hans-Joachim in die Arme schließen. Der ist nämlich seit eineinhalb Jahren wieder frei - gerade noch rechtzeitig, wie sich Rudolf Butters erinnert: "Bei meiner Ankunft sagte mir mein Bruder, dass er nicht länger hätte durchhalten können. Und dabei war er immer kräftiger als ich. Ich hätte Buchenwald nicht überlebt. Karaganda war rückblickend meine Lebensrettung."


Infobox Insgesamt gibt es in der Zeit zwischen 1945 und 1950 zehn "Speziallager" in der sowjetischen Besatzungszone. Mehr als 120.000 Menschen sind hier gefangen. Knapp 43.000 Häftlinge sterben. In Buchenwald verlieren mehr als 7.000 von etwa 28.500 Gefangenen ihr Leben.
Auf die Einrichtung solcher Lager haben sich die Alliierten Ende des Zweiten Weltkriegs auf den Konferenzen in Jalta und Potsdam verständigt. Wer in die Speziallager der Sowjets kommt, regelt schließlich Stalins Befehl 00315 vom April 1945. Dazu gehören alle, die eine potentielle Gefahr darstellen, vor allem ehemalige NSDAP-Funktionäre, Wehrmachtsoffiziere und Mitläufer. Auf der Suche nach vermeintlichen NS-Verbrechern nimmt der sowjetische Sicherheitsapparat damals willkürlich Menschen fest. Dabei kommt es auch zu Verwechslungen. Denunziationen reichen aus, um für Jahre in den Speziallagern zu verschwinden. Auf diese Weise landen dort auch rund 1.600 Jugendliche.


Abseits des Schicksals von Rudolf Butters: Die Geschichte von Rudolf Butters ist ein Einzelschicksal. Bei aller Tragik hatten viele nicht so viel "Glück" wie er - sei es im Speziallager Buchenwald, auf der Fahrt nach Karaganda oder im kasachischen Arbeitslager selbst. Willkührlich starben unzählige Gefangene unter widrigsten Umständen auf dem Transport, in Arbeitslagern oder in Buchenwald nach 1945. An die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 und den "Pelzmützentransport" erinnert die Gedenkstätte Buchenwald mit einer Ausstellung.


Über dieses Thema berichtete der MDR im ZEITREISE-MAGAZIN am: 30.01.18 | 21.15 Uhr