Politische Kehrtwenden Kurt Maetzig - vom Propagandisten zum Provokateur

Kurt Maetzigs Filme sind wie ein Spiegel der politischen Kehrtwenden in der DEFA und der DDR. Das Spektrum reicht vom Auftragsfilm über "Ernst Thälmann" bis zum verbotenen Spielfilm "Das Kaninchen bin ich".

Nach dem Erfolg von "Ehe im Schatten" drehte Kurt Maetzig 1948/49 "Die Buntkarierten" – eine Familiensaga, die auf durchaus humorvolle Weise deutsche Geschichte von Bismarck bis zur Nachkriegszeit in der Lebenswelt einer Arbeiterfamilie schildert. Die sowjetischen Kulturoffiziere bemängelten allerdings, die Hauptfigur Guste Schmiedecke würde völlig individualistisch die Munitionsfabrik verlassen, "ohne den Versuch zu machen, ihre Kolleginnen mitzureißen und vor ihnen gegen den imperialistischen Krieg zu protestieren". Doch noch führten solche Gutachten nicht zu Korrekturen, da waren spätere Zensoren harscher.

Ab 1948 etwa, so erinnert sich Maetzig, seien alle leitenden Posten (auch bei der DEFA) mit SED-Funktionären besetzt gewesen. Vorbei war die Zeit demokratisch gesonnener Fachkräfte, die - wie viele gebildete sowjetische Kulturfunktionäre - auf eine nicht-stalinistische Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone gehofft hatten. 1950 folgte der Polit-Thriller "Der Rat der Götter". Anhand von Prozessakten zur IG Farben dröselte Maetzig die Verflechtungen der deutschen Industrie mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auf. Danach wurde ihm von der SED angetragen, einen Zweiteiler über den im Konzentrationslager Buchenwald ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann zu drehen.

Heldenepos für den Klassenkampf

Fünf Jahre dauerte die Arbeit am Thälmann-Zweiteiler, der mit zehn Millionen DDR-Mark mehr kostete als alle bis dahin von der DEFA produzierten Filme. Ein Heer von rote Fahnen schwingenden Komparsen füllte die Szenenbilder. Selbst der Reichstag soll in Originalgröße nachgebaut worden sein. All das diente vor allem einem Ziel: Den Märtyrer Thälmann auf einen Sockel zu stellen und seine Kampfgenossen Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht als seine Nachfolger zu legitimieren. Thälmanns Tod war nicht umsonst, seine Mission lebt in der DDR weiter – das war die zentrale Botschaft des Filmes, der bis zum Ende der DDR zum Pflichtprogramm für Schüler gehörte. In diesem Film ist Thälmann (gespielt von Günter Simon) meist in der Bildmitte vor andächtig aufblickenden Genossen platziert, die er mit knappen Sinnsprüchen beschenkt, die über Jahrzehnte zum Katechismus jedes Parteisekretärs gehören sollten. Kleine Kostprobe: "Fünf Finger kann man brechen, aber eine Faust nicht!"

"Ich bekomme regelrecht rote Ohren, wenn ich an den Film denke", sagte Kurt Maetzig später. Dass es ein Fehler gewesen sei, den Staatsauftrag anzunehmen, sei ihm bereits kurz nach Drehbeginn klar geworden, als er mit Drehbuchautor Willi Bredel handgreiflich über einzelne Szenen stritt und Walter Ulbricht persönlich Veränderungen einforderte. Während der Dreharbeiten spielte sich außerdem der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 ab – Arbeiter mit Thälmann-Bildern demonstrierten gegen die Politik der SED: "Ich hab das erlebt, habe die Demonstrationszüge gesehen, war sehr aufgeregt, war auch sehr erschrocken, ich stand nicht auf der Seite der Demonstranten, sondern sah das als eine Gefahr, die das, was wir gerade aufgebaut haben, wieder einreißen konnte, und es hat mich tief getroffen", bekannte Maetzig später. "Ich habe sehr darüber nachgedacht, sehr. Und es hat mich dazu gebracht, auch das, was ich bis dahin gemacht hatte, auf die Waage zu legen und zu überdenken."

"Abweichen von der Demokratie"

In seinem nächsten Film "Schlösser und Katen" (1957) gibt es Andeutungen dieser Zweifel. Kurt Maetzig: "Da sagt jemand zu dem Parteisekretär, der die Entwicklung beschleunigen will und der die Leute unter Druck setzte, um die Kollektivierung auf dem Lande voranzutreiben: 'Nur ein bisschen drücken, nur ein bisschen drücken ... Und du drückst das Dorf kaputt.' Also diesen Druck, der auf den Leuten lag, habe ich schon als falsch erkannt, also nicht nur einige Ungeschicklichkeiten der Tarifpolitik. Sondern das Wesentliche war das Abweichen von der Demokratie." Es sollte aber noch Jahre dauern, bis Maetzig in einem Film offen gegen die stalinistischen Züge der SED-Herrschaft opponierte. Als Stoff wählte er sich dafür 1965 ein verbotenes Buch Manfred Bielers "Das Kaninchen bin ich".

"Ein schädlicher Film!"

Die Schlüsselfrage des Films lautet "Was ist eigentlich Recht?" Die 19-jährige Maria Morzeck stellt sie ihrem Geliebten, dem Richter Paul Deister. Der hat ihren Bruder wegen "staatsfeindlicher Hetze" verurteilt. Schonungslos klagt der Film den Opportunismus des Justiz- und Parteiapparates an, sieht die schwachen Charaktere der Karrieristen als Ursache. Als der von Paul Deister wegen "staatsgefährdender Hetze" verurteilte Dieter Morzeck aus der Haft entlassen wird, erhebt er wütend die Hand gegen seine Schwester Maria. Für Maria ist diese Härte der letzte notwendige Impuls, um aufzubrechen: Sie verlässt ihren längst als Opportunisten durchschauten Liebhaber.

Der Film wurde am Vorabend des 11. Plenums des ZK der SED 1965 gezeigt – als Beispiel für die "Abweichungen" der Künstler von der offiziellen Parteilinie. "Das, was wir da gestern gesehen haben, war doch der letzte Dreck!", wetterte Volksbildungsministerin Margot Honecker am nächsten Morgen. Und eröffnete damit das sogenannte "Kahlschlagplenum", nach dem fast die gesamte Spielfilmproduktion des Jahrgangs 1965 verboten wurde. Unter dem enormen Druck von oben und in der aufgeheizten politischen Atmosphäre hielt es Maetzig für angemessen, nicht für seinen Film zu streiten – im Gegenteil. Er schrieb, getreu der stalinistischen Praxis, eine "Selbstkritik", die im "Neuen Deutschland" erschien.

"Ich muss sorgfältig bei mir überprüfen, was eigentlich zu der vernichtenden Kritik auf dem 11. Plenum geführt hat. (…) Diese Ansicht, Mängel und Schwächen in den Vordergrund zu stellen und hieran die Parteilichkeit des Künstlers zu orientieren, zeigt sich bei näherem Hinsehen als Unsinn. Die Parteilichkeit des Künstlers erweist sich in der Kraft, Leidenschaft und Meisterschaft, mit welcher er mit seiner Kunst am Klassenkampf teilnimmt. Die Abwendung von diesem Prinzip in der Filmkunst führt zu einem unerlaubten Nachgeben längst innegehabter sozialistischer Positionen. Deshalb ist das 'Kaninchen' ein schädlicher Film geworden."

"Das Rückgrat gebrochen"

Maetzig konnte weiter arbeiten - aber filmisch leistete er nichts Wesentliches mehr. Später bekannte er, das Verbot von 1965 habe ihm "das Rückgrat gebrochen". 1976, pünktlich an seinem 65. Geburtstag, zog er sich aus dem aktiven Berufsleben zurück mit der Formel: "Genug Kompromisse gemacht." Erst 1990 erlebte "Das Kaninchen bin ich" seine Premiere – ein Vierteljahrhundert zu spät. Maetzig – sonst ganz der nüchterne Beobachter, der kluge Analyst - war zu Tränen gerührt: "Weil ich, so stark wie nie zuvor, fühlte: Wie anders hätte sich alles entwickeln können, wenn wir damals, Anfang der 1960er-Jahre, mit unserem Versuch, den Stalinismus anzugreifen, Erfolg gehabt hätten."

11. Plenum oder "Kahlschlagplenum" Das 11. Plenum des ZK der SED (16. bis 18. 12. 1965) befasste sich vor allem mit der Kunst und Kultur in der DDR und ging als "Kahlschlagplenum" in die Geschichte ein. Erich Honecker, der das Hauptreferat hielt, warf den Künstlern Pornografie, Nihilismus und Skeptizismus vor. Etliche Filme, Theaterstücke und Romane wurden daraufhin verboten, unter anderem Heiner Müllers Drama "Der Bau", Stefan Heyms Roman "Der Tag X", Frank Beyers Spielfilm "Spur der Steine" sowie Kurt Maetzigs "Das Kaninchen bin ich".