Winfried Glatzeder "Es gab wenig Zuschauer, die den Film nicht leiden konnten"

Schauspielkollegin Brigitte Mira attestierte Winfried Glatzeder damals den "Charme eines Holzpferdes". Dennoch wurde er mit seiner Rolle als Paul, dem großen Liebenden, berühmt.

Den Namen Winfried Glatzeder verbinden die meisten mit Paul aus dem legendären Streifen "Die Legende von Paul und Paula". Nun ist die Ausstrahlung dieses Films über 30 Jahre her. Nervt Sie das langsam?

Es stört mich überhaupt nicht. Es gibt ja Leute, die sich noch erinnern, und das sind meist gute Erinnerungen. Es gab wenig Zuschauer, die den Film nicht leiden konnten. An diesen schönen Erinnerungen bin ich dann mit beteiligt – das ist okay.

Sie waren in der DDR als Schauspieler sehr erfolgreich, hatten viele bedeutende Rollen. Dennoch haben Sie den Ausreiseantrag gestellt. Warum?

Die Situation war damals so, dass die Kulturpolitik eine Art zyklischen Verlauf hatte. Mal gab es eine Lockerung, da konnte man eine Menge machen, dann gab es wieder eine Verhärtung. Die Verhärtung bedeutete nach der Biermann-Geschichte für viele die Unmöglichkeit, das zu machen, was man wollte. Ich hatte damals ein Angebot vom Schiller-Theater in West-Berlin, und das war für mich der Anlass, den Behörden in der DDR zu verkünden, dass ich gehen werde. Daraus wurde für mich ein eineinhalbjähriges unangenehmes Warten mit Drangsalierung, aber meine Familie habe ich gesund herausbekommen. Es ist also nicht zu vergleichen mit den Menschen, die über die Grenze gegangen sind. Ich habe einfach nur innerhalb von Berlin meinen Wohnort gewechselt, habe dabei aber leider und notwendiger Weise alles verloren, was ich bis dahin aufgebaut hatte. Ich bin nicht mittellos rausgegangen, sondern konnte meine Möbel mitnehmen. Der Rest des Geldes, was man so hatte, wurde an der Grenze abkassiert.

Sie haben in Berlin später recht schnell das Schiller-Theater verlassen und sind zu einem anderen Theater gegangen.

Mir gefiel es dort nicht mehr, weil die Leute, zu denen ich gehen wollte, nicht mehr da waren. In der Bundesrepublik wechseln die Regisseure und Schauspieler. In der DDR war es meistens so, dass die Schauspieler an einem Theater anfingen und dort auch blieben. Das wollte ich nicht mehr. Es war auch nicht schlimm, ich bin ans Düsseldorfer Schauspiel gegangen und habe dort acht Jahre gearbeitet.

Nach dem Wechsel aus dem Osten in den Westen gab es bei Ihnen keinen Karriereknick, den viele andere Schauspieler in dieser Zeit überwinden mussten. Warum nicht?

Ich habe den Beruf so gelernt, wie ein Tischler, der sein Handwerk gelernt hat. Insofern braucht man immer Leute, die einen Tisch bauen können. Und im Theater braucht man immer Leute, die handwerklich einigermaßen ihre Arbeit machen. Der Bedarf ist bis jetzt immer da gewesen. Jetzt bin ich bald Pensionär und die Faulheit wird immer schlimmer und ich mache immer weniger, obwohl ich gerade in der letzten Zeit sehr viel gearbeitet habe.

Viele Kollegen oder Kolleginnen aus dem Osten hatten große Probleme nach dem Weggang in den Westen oder nach der deutschen Vereinigung, ihre Karriere fortzusetzen.

Für jeden ist der Wechsel unterschiedlich gewesen. Ich war in Westdeutschland bekannt, weil der Film "Paul und Paula" auch in der Bundesrepublik sowohl im Kino als auch im Fernsehen gezeigt wurde. So bin ich auch davon ausgegangen, dass nicht nur das Theater mich wollte, sondern dass auch die Medien ein bisschen wussten, wer ich bin. Lea Rosh war die erste, die mich in eine Talkshow holte. Ich habe möglicherweise ein bisschen Glück gehabt. Aber wenn jemand seinen Beruf wie ich ernsthaft gelernt hat, dann ist es anders als bei Daniel Küblböck, der hochgeschossen wird und dann wieder weg ist. Ich bin ja nicht nur auf Angebote von Film und Fernsehen angewiesen, ich mache Theater, Hörspiel, Lesungen, Hörbücher. Man darf natürlich nicht warten, bis jemand kommt und einen holt, sondern muss sich selbst bewegen.

Gab es bei Ihnen Durststrecken, Zeiten, in denen Sie mit dem Gedanken gespielt haben, den Schauspiel-Beruf an den Nagel zu hängen?

Ich habe eigentlich nie das Gefühl gehabt, mich zu langweilen. Vielleicht auch, weil der Beruf nicht das Wichtigste in meinem Leben ist. Ich kann auch mit mir selber ganz zufrieden sein. Und so viel, dass ich die Miete bezahlen konnte, habe ich immer gehabt.

Auch wenn Sie ernste Rollen spielen, habe ich immer den Eindruck, dass Komik dabei ist. Ist das ungewollt oder gewollt?

Das ist aus dem Leben abgeguckt. Der Widerspruch zwischen dem, was wir uns alle erträumen, was Sie sich erträumen und was ich mir erträume und was real stattfindet – die Spanne ist ja riesig groß und auch die Fallhöhe ist groß. Man sieht natürlich gerne, wenn jemand auf der Banane ausrutscht. Und wenn es dazu noch eine Krankenschwester ist, die sehr resolut ist und den Leuten im Gips immer sagt, wie sie sich verhalten sollen, freuen sich natürlich alle, wenn die ausrutscht und hinfällt. Das Leben birgt so viele kuriose und absurde Situationen, die manchmal tragisch sind, aber auch immer eine humorvolle Seite haben. Das macht die Sache originell. Es ist ja langweilig, eine Figur wie Egmont als den heroischen, sauberen Herrn darzustellen. Es wäre interessanter, ihn mit all seinen Schwächen zu zeigen.

Sie haben Ihre Diplomarbeit über Clowns geschrieben. Hatten Sie damals schon den inneren Wunsch, die Leute zum Lachen zu bringen?

Das Lachen ist der Nebeneffekt. Das Entscheidende ist, dass sich Shakespeare für die Clownsrollen "Fachleute" geholt hat. Er hat sich von den Märkten Clowns für die Narrenrollen geholt. Das hat mich interessiert. Shakespeare hat gewusst, dass ein Clown sein Handwerk gelernt hat. Bei Shakespeare wurden die Figuren so dargestellt, wie sie sind. Mit allen ihren Stärken und Schwächen. Hamlet war eigentlich kein schöner Mann, sondern ein kleiner Dicker. Erst die deutsche Romantik hat aus ihm den schlanken, großen, feinnervigen Herrn gemacht. Ich habe meine Diplomarbeit dann so wie eine Kochanleitung geschrieben. Ich habe also aufgeschrieben, wie ich diese Rolle gekocht habe. Habe die einzelnen Schritte für jeden Studenten festgehalten, als eine Art Anleitung zum Handeln – wie eine Gebrauchsanweisung für eine Art von Figuren bei Shakespeare.

Ihr Sohn ist ebenfalls Schauspieler, haben Sie das unterstützt?

Das war mir völlig egal. Er wusste ja, was für Schwierigkeiten damit auf ihn zukommen. Sich jede Rolle zu erarbeiten, ist ein schmerzvoller Prozess, der mit einem selber stattfindet. Unzulänglichkeiten, die jeder hat, werden einem sehr bewusst, während man seine Rolle erarbeitet. Das kann man eigentlich niemandem empfehlen.

Wenn Sie aus dem Theater oder vom Dreh nach Hause gehen, wie schaffen Sie es, wieder zu sich selbst zu kommen?

Manchmal setz ich den Komposthaufen um oder gehe mit dem Traktor über die Rasenflächen, zum Leid meiner Frau, scheuche die Hühner über den Hof - ich reagiere mich ab.

Welche Rolle von denen, die Sie bisher gespielt haben, haben Sie am meisten gemocht?

Den Totengräber im Hamlet. Das hat mir großen Spaß gemacht. Da bin ich auf den Friedhof gegangen und habe mit einem Totengräber viel gewühlt, habe Armknochen und Beinknochen gefunden, die dann wieder in ein Grab kamen.
Diese Rolle war übrigens mein größter Misserfolg.

Ihr größter Misserfolg und doch Ihre Lieblingsrolle?

Weil ich mich sehr intensiv und realistisch auf diese Rolle vorbereitet hatte und das hat mir gar nicht geholfen. Man muss sich ja nicht erschießen lassen, wenn man eine Leiche spielt. Man muss auch nicht für die Rolle eines Koches geübt haben. Das kommt dann aus der Fantasie, und das habe ich bei dieser Rolle schmerzhaft lernen müssen.

Sie haben von 1996 bis 1998 im Tatort Kommissar Roiter gespielt. Der Tatort wurde heftig kritisiert.

Der Tatort war sehr erfolgreich. Er hatte eine Einschaltquote von 6,2 bis 8,4 Millionen Zuschauer. Aber die Medien haben ihn fertig gemacht. Aber nicht, weil er langweiliger war als die anderen Tatorte. Er hatte eine neue Aufnahmetechnik. Und zwar hat der Intendant des SFB zum ersten Mal den Film mit einer elektronischen Kamera aufnehmen lassen, weil er dachte, dass er damit Geld spart. Das hat die Produktionsfirma dann machen müssen – und da haben sich alle Medien draufgeschmissen und haben gesagt: "Das wollen wir nicht, wir wollen uns das Hochglanzformat "Tatort" nicht versauen lassen".

Sie stehen kurz vor einer Premiere. Das Stück "Kleine Eheverbrechen" wird in der Komödie am Berliner Kurfürstendamm am 27. Mai 2005 zum ersten Mal aufgeführt. Sie spielen darin eine der zwei einzigen und damit natürlich auch Hauptrollen, die des Gilles. Was erwartet die Zuschauer?

Das Stück ist von dem Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt, und da kann ich sozusagen meine Erfahrungen in meinem Beziehungskampf auf der Bühne abarbeiten, das ist also auch gleichzeitig eine Art Therapie für mich.
Der Autor hat sich beim Schreiben des Stückes in beide Rollen, in die der Frau und in die des Mannes, hineinversetzt. Und er hat all das, was Menschen nicht aussprechen können, in dem Stück zur Sprache gebracht. Nämlich, dass nach einer längeren Zeit des Zusammenlebens von Mann und Frau, wenn die Erotik vorbei ist, so nach vier bis fünf Jahren, etwas Neues beginnen muss. Und das macht dann eine Beziehung aus. Ob sie mörderisch ist, ob sich die Leute auf den Senkel gehen, diese Kämpfe, die in den Familien stattfinden, werden in diesem Stück auf eine sehr amüsante, humorvolle, originelle und sehr realistische Art und Weise dargeboten.

Gibt es für Sie eine Traumrolle, die Sie gern einmal spielen wollen?

Eine Traumrolle ist für mich immer die Rolle, die ich gerade spiele, wenn sie in meine Träume übergeht. Ansonsten sind Traumrollen meist die größten und schrecklichsten Fiaskos, die man sich vorstellen kann. Wenn man eine Rolle spielt, ist man immer abhängig davon , wer noch mitspielt. Und das kann man ja nicht beeinflussen. Im Moment habe ich zum Beispiel das Glück, dass ich mit einer Kollegin arbeite, mit der ich schon vorher ein Stück gemacht habe. Rollen werden einfach zu Traumrollen, weil das Ensemble stimmt und das Publikum die Rolle annimmt.

Das Interview führte am 27. Mai 2005 Heike Möhler.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Geschichte Mitteldeutschlands - Magazin | 18.03.2014 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2017, 15:28 Uhr