Lexikon Neubauern

Auf einer Reise übers Land im Mai 1951 traf der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, in einem Dorf ehemalige "Umsiedler", die jetzt als "Neubauern" tätig waren.

Sie lebten in notdürftig zusammen gezimmerten Holzbaracken, durch die der Wind pfiff. Die "Neubauern" berichteten Grotewohl von Seuchen, die ihr Vieh dahingerafft hatten und von wirtschaftlicher Not. "Ich erlebte auf dieser Reise", so Grotewohl später, "viel Resignation und Verzweiflung."

Agrarreform von oben

Sechs Jahre zuvor, im Herbst 1945, hatte die von der Sowjetunion und der SED exekutierte
"Bodenreform" begonnen. Zwei Jahre später, im Herbst 1947, galt sie als abgeschlossen. Mehr als 7.000 landwirtschaftliche Güter mit mehr als 100 Hektar Nutzfläche sowie 3.500 kleine landwirtschaftliche Betriebe waren in dieser Zeit enteignet und zunächst in Staatseigentum überführt worden. Das von so genannten Kulaken und Großbauern entschädigungslos enteignete Land entsprach ungefähr einem Drittel der Gesamtfläche der Sowjetischen Besatzungszone.

Auf dem Weg zum Sozialismus auf dem Land

Der in Staatseigentum überführte Grundbesitz wurde im Rahmen der "Bodenreform" zu zwei Dritteln ländlichen Unterschichten und ehemaligen Heimatvertriebenen zur landwirtschaftlichen Nutzung überlassen. Sie waren nun Neubauern. Fünf Hektar bekam jeder Neubauer zugewiesen. Das sollte ausreichen, um eine Familie ernähren zu können. Insgesamt gab es neben den Altbauern ab 1947 etwa 1,7 Millionen Menschen – Neubauern und ihre Familien – die von der Landverteilung profitierten. Die SED sprach von der "Bodenreform" als der "tiefgreifendsten Veränderung in der Struktur unseres gesellschaftlichen Lebens". "Auf dem Weg zum Sozialismus auf dem Land!", jubilierte die Staatspartei.

Not der Vertriebenen lindern

Die "Bodenreform" war mit der Aufnahme von 4,1 Millionen Heimatvertriebenen und den sich daraus ergebenden demografischen sozialen Verwerfungen zusammengefallen. Die "Bodenreform" wurde von der SED daher auch zum "Kernstück" ihrer Vertriebenenpolitik erhoben. Staatspräsident Wilhelm Pieck erläuterte: "Die Bodenreform ist von größter Bedeutung für die Linderung der Not der Umsiedler." Dabei bekamen jedoch nur 90.000 Vertriebene, die in der DDR "Umsiedler" genannt wurden, im Zuge der "Bodenreform" Ackerland zugewiesen. Vertriebene Neubauern waren 1949 lediglich 4,3 Prozent aller erwerbsfähigen Umsiedler in der DDR.

"Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande"

Doch die vermeintliche Aufhebung der alten Klassenwidersprüche durch die "Bodenreform" produzierte neue Widersprüche. Das Landleben in der Sowjetischen Besatzungszone war gekennzeichnet von Gruppenkonflikten, Ungerechtigkeiten und großer wirtschaftlicher Not der "Neubauern".

Sehr genau hatte dies der Dramatiker Heiner Müller 1960 in seinem Theaterstück "Die Umsiedlerin" (später auch "Die Bauern oder das Leben auf dem Lande") beschrieben. Nach der "Bodenreform" war ein neues Machtgefälle zwischen Altbauern und krisengeplagten Neubauern entstanden. Und so sagt der Neubauer Ketzer in Müllers "Umsiedlerin": "Tausend Jahre hat uns der Junker geritten. Kaum ist er abgesessen, sitzt der Kulak auf, dem Kulak der Staat. Ich hab noch ein Hemd auf dem Leib. Hier! Was brauch ich ein Hemd. Und sieben Häute drunter, sechs kannst du mir noch abziehn. Wenn Frost kommt, steck ich meine Kate an. Das wärmt. Pfänden willst du? Pflanz dein Siegel auf den Grund und Boden, den ihr mir beschert habt. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen."

Akt der Gerechtigkeit

Die Ergebnisse der Bodenreform waren, alles in allem betrachtet, von relativer Bedeutungslosigkeit. Das machte ihr Desaster aus. Ein Desaster, auf das die SED 1952/1953 mit der Einstellung der kleinbäuerlichen Verteilungspolitik reagierte. Überhaupt war es bei der Bodenreform gar nicht vorrangig um den Aspekt der Wirtschaftlichkeit gegangen, sondern um den groß ausgestellten Akt der Gerechtigkeit - das nun endlich "Junkerland in Bauernhand" übergehen sollte.

Zuletzt aktualisiert: 14. April 2009, 17:31 Uhr