Sommer der Ausreise Der Weg in den Westen - und zurück

Im August 1989 stieg Andreas E. aus Gotha über den Zaun der Botschaft in Prag – 20 Jahre später erinnert er sich an Momente, die sein Leben veränderten.

Es war der 23. August 1989, vier Tage nach der Flucht von 600 DDR-Bürgern bei Sopron. Die Botschaften der Bundesrepublik in Prag, Warschau und Budapest waren für den Publikumsverkehr geschlossen. Fluchtwillige aus der DDR hielten sie besetzt. In Gotha schrieb der 21-jährige Grundschullehrer Andreas E. seiner Mutter einen Zettel:

Liebe Mutti, warum dieser Brief?
Ich sitze hier - total die Hose voll - wenn ich daran denke, was mich erwartet. Ich gehe! Deshalb habe ich Dir die Autobestellung in den Brief gelegt, denn ich weiß nicht, ob ich es schaffe oder - was ich für möglicher halte - ob ich geschnappt werde. Ich habe Angst, aber ich halte es nicht mehr aus. Ich gehe hier kaputt. Die nächsten Zeilen kommen von drüben oder dann vom Knast.
Tschüssi Dein Andreas

Andreas E.

"Unerwünschte Personen"

Der junge Mann machte sich zusammen mit seiner Freundin auf den Weg in die Tschechoslowakei. In der Nähe von Bratislava wollte er über die Grenze nach Österreich – ein naives Unterfangen, denn anders als die Ungarn hielten die Waffenbrüder aus der ČSSR treu zur DDR und verstärkten sogar noch die Grenzkontrollen. Die beiden Flüchtlinge wurden vor dem Stacheldraht geschnappt. "Wir hatten uns ganz kurz abgesprochen, was wir sagen wollten", erinnert sich Andreas E. "Wir wollten sagen, wir haben interessante Landschaften gesucht, die wir malen wollten.

Der Oberst hat uns nicht geglaubt. In gebrochenem Deutsch hat er sinngemäß gesagt: 'Der Honecker soll seine Probleme im Land lösen, wir wollen die Leute hier nicht abschießen wie die Hasen'. Das jagte mir einen Schauer über den Rücken, denn ich hab gemerkt, dass selbst diese Leute, die im ersten Moment ziemlich kühl wirkten mit ihren Uniformen und allem, dass die auch in einem Zwiespalt waren. Der Oberst hat uns zu "unerwünschten Personen" erklärt und gesagt: 'Ich möchte, dass Sie die Tschechoslowakei sofort verlassen'."

Zufluchtsort Prager Botschaft

Der Zug zurück in die DDR machte Zwischenstopp in Prag. Für Andreas E. die letzte Chance. Über den rückseitigen Zaun kletterte er in die Botschaft der Bundesrepublik, wo bereits 200 DDR-Bürger auf ihre Ausreise warteten. Und täglich wurden es mehr. Am 12. September 1989 reiste Rechtsanwalt Professor Wolfgang Vogel zusammen mit dem Vorsitzenden des Kollegiums der Rechtsanwälte der DDR, Gregor Gysi, nach Prag. Andreas E. erinnert sich: "Unter der Voraussetzung, dass man in die DDR zurückkehrt, machte Rechtsanwalt Vogel drei Zugeständnisse: Nämlich erstens, dass man seine Arbeit behält. Zweitens, dass man straffrei bleibt und drittens, dass man die ständige Ausreise aus der DDR bekommt."

"Nur direkt rüber"

Zelte vor der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, 1989
Ausreisewillige DDR-Bürger finden in der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beziehungsweise in Zelten davor eine Unterkunft. Bildrechte: dpa

Bereits vier Tage vorher, am 8. September, war es den Rechtsanwälten gelungen, die 117 Besetzer der ständigen Vertretung in Ost-Berlin zur Aufgabe zu bewegen. Nach vierwöchigem Ausharren hattten die Männer, Frauen und Kinder das Haus in der Hannoverschen Straße ohne Zusage auf "wohlwollende Prüfung ihres Ausreiseersuchens" verlassen. Vogel hatte ihnen jedoch eine umfassende anwaltliche Betreuung zugesichert. Nach diesem Beispiel sollten die inzwischen 430 Flüchtlinge in Prag ebenso zur Rückkehr bewogen werden.

Andreas E. gehörte zu der Abordnung, die im großen Kuppelsaal mit den Anwälten verhandelte. "Von Seiten der Bundesregierung hatte man uns immer wieder vertraulich zugesichert: 'Sie kommen auf alle Fälle raus, wir haben Ihre Namen registriert, und Sie haben hier um politisches Asyl gebeten und deswegen bekommen Sie auf alle Fälle die ständige Ausreise. Aber Sie müssen auf alle Fälle zurückkehren'. Man hat uns immer wieder gedrängt: 'Gehen Sie zurück in die DDR'." Durch Sätze wie "Es hat noch niemand geschafft, von der Botschaft in Prag oder einer anderen Botschaft direkt die Ausreise zu bekommen" wurde versucht die Moral der Flüchtlinge zu brechen.

Zurück in die DDR

Nach den Gesprächen am 12. September verließen zwei Drittel der Besetzer das Palais Lobkowicz, unter ihnen Andreas E. und seine Freundin. Busse brachten sie in die DDR zurück, von wo aus alle nach einigen Wochen in die Bundesrepublik ausreisen durften. 170 Flüchtlinge ließen sich nicht auf Vogels Angebot ein, sie blieben in der Botschaft. Der Auftrag der Rechtsanwälte Vogel und Gysi, alle Flüchtlinge zur Rückkehr zu bewegen, war somit gescheitert – die Folgen sind bekannt.

Schwierigkeiten im Westen

Andreas E. durfte am 18. Oktober ausreisen, der Tag, an dem Honecker zurücktrat. Vom Auffanglager in Gießen ging er an den Niederrhein, nach Goch, und hatte bald Schwierigkeiten mit der katholischen Mentalität der Einheimischen: "Wir waren da bei einer Familie untergekommen, meine damalige Freundin und ich. Wir haben noch nicht so genau gewusst, ob wir zusammengehören oder nicht. Wir sind dann auch als Freunde bei denen eingezogen. Als sie dann immer aus meinem Zimmer kam, war es für die ganz schlimm, dass wir kein Pärchen waren, das verheiratet war, und sie mich trotzdem besucht hat, in meinem Zimmer."

Sehnsucht nach der Heimat

Stadt Gotha Marktplatz mit Rathaus.
Schon nach kurzer Zeit zog es Andreas E. wieder ins thüringische Gotha Bildrechte: dpa

Schwerer noch wog die Nichtanerkennung seiner Ausbildung. Der Grundschullehrer hätte im Westen allenfalls als Erzieher arbeiten können – und auch das nur nach einem Anerkennungsjahr. Als Praktikant aber war sich E. zu schade – und ging schließlich nach einigen Monaten nach Gotha zurück. Reisefreiheit und Deutsche Mark gab es ja nun auch in Thüringen. "Es ist ja einiges an Gründen weggefallen, warum man ausgereist ist, nach dem Mauerfall. Und für mich war Heimat immer da", erklärt Andreas E., "wo man seine Freunde hat und seine Familie."

Abenteuer Flucht

Heute arbeitet Andreas E. als Lehrer an einer Berufsbildenden Schule in Gotha. Er lebt in einem Dorf im Umland, hat zwei Kinder und sagt, seine Rückkehr nach Thüringen habe er niemals bereut. Aber das Abenteuer Flucht auch nicht. Denn erst in der Botschaft sei ihm aufgegangen, wie sehr die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei: Undemokratisch, gegen die Bürger gerichtet und gegen die Freiheit des Einzelnen. "Das ist mir da ganz bewusst in der Botschaft aufgegangen, ich bin aus der Botschaft raus und ich war ein anderer Mensch, ein komplett anderer, vom Denken her."

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2009, 16:06 Uhr