Ferienlager in der DDR: "Der Fahnenappell gehörte dazu"

Zu einer Kindheit in der DDR gehörte für Millionen auch das Ferienlager. Trotz aller Ideologie - die meisten erinnern sich an Nachtwanderungen, Diskos und die erste kleine Romanze.

Kinder aus Polen und der DDR in einem Internationalen Pionierlager beim Tauziehen
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"Für uns war es immer wieder das große Abenteuer. Wir haben uns jedes Mal aufs Neue gefreut, wenn wir in den Ferien unseren Rucksack nehmen konnten und das Pionierhalstuch – und ab ging's ins Ferienlager. Das war für uns immer sehr schön", erinnert sich Helga Giegling, die damals wie Millionen andere Kinder in der DDR jedes Jahr in den großen Sommerferien ins Kinderferienlager fuhr. Der Aufenthalt dort verbindet sich in den Erinnerungen der meisten mit Ostseestränden, Kinoabenden, der ersten Disko oder einer kleinen Romanze. Und der Abschied war immer das Schlimmste.

Preiswerter Ferienspaß

Für die Familien in der DDR war die Möglichkeit, die Kinder ins Ferienlager reisen zu lassen, eine willkommene Entlastung. Und preiswert war die Sache obendrein: Drei Wochen Ferienlager kosteten zwischen 15 und 20 Mark inklusive An- und Abreise, Unterkunft, Betreuung und Verpflegung. Manche Kinder fuhren auch gleich zweimal pro Jahr ins Ferienlager – einmal in das vom Betrieb der Mutter und das andere Mal in das vom Betrieb des Vaters unterhaltene.

Jeder Betrieb hat sein Ferienlager

Jeder größere Betrieb der DDR hatte für die Kinder seiner Betriebsangehörigen in den Urlaubsgegenden der Republik Ferienlager eingerichtet - an der Ostsee ebenso wie an der Müritz, im Elbsandsteingebirge oder im Thüringer Wald. Sie finanzierten das Sommervergnügen und sorgten auch für die Betreuung der Kinder. Entweder verpflichteten die Betriebe Erzieher und Pionierleiter oder sie stellten Betriebsangehörige als Betreuungspersonal ab.

Die Vorgaben über die Gestaltung des Alltags in den Ferienlagern lieferte das "Ministerium für Volksbildung der DDR". Denn die Ferienlager waren nicht reiner Selbstzweck. Sie hatten vielmehr das Ziel, die "sozialistische Erziehungsarbeit" auch außerhalb der Schule systematisch fortzusetzen. "Es war schon alles geprägt durch die Ideologie", erinnert sich Jana Helm, die ihre Sommer häufig in Ferienlagern verbrachte, "aber die Lagerleiter haben sich immer tolle Sachen ausgedacht."

Statt Ideologie "frohes Jugendleben"

Die Versuche einer konsequenten ideologischen Beeinflussung wurden jedoch ab den späten 70ern von Jahr zu Jahr schwächer. In den 80er-Jahren spielte die parteipolitische Ausrichtung im Ferienalltag der Kinder kaum noch eine Rolle, wenn man einmal vom Ritual des "Fahnenappells" absieht, zu dem das rote Pionierhalstuch getragen und ein Pionierlied geträllert werden musste. Erzieher und Betreuer bemühten sich ansonsten mehr oder weniger erfolgreich, ein "frohes Jugendleben" in den Ferienlagern zu etablieren. "Natürlich haben wir dort montags früh immer Fahnenappell gehabt", sagt Helga Giegling, "aber das gehörte dazu, das war ganz normal".