Ferienlager in der DDR: "Der Fahnenappell gehörte dazu"

Zu den Sommerferien in der DDR gehörte für Millionen Mädchen und Jungen auch das Ferienlager. Trotz aller Ideologie erinnern sich die meisten an Nachtwanderungen, Diskos, Badespaß und die erste kleine Romanze. In etwa 5.000 Ferienlagern in der DDR konnten die jungen Menschen einen unbeschwerten Urlaub genießen. Doch die Zeit war mehr als nur Sommer, Sonne und Sonnenschein.

Kinder aus Polen und der DDR in einem Internationalen Pionierlager beim Tauziehen
Für eine Millionen Kinder gehörte ein Urlaub in einem der 5.000 Ferienlager in der DDR zum festen Programm in den achtwöchigen Sommerferien. Bildrechte: dpa

"Für uns war es immer wieder das große Abenteuer. Wir haben uns jedes Mal aufs Neue gefreut, wenn wir in den Ferien unseren Rucksack nehmen konnten und das Pionierhalstuch – und ab ging's ins Ferienlager. Das war für uns immer sehr schön", erinnert sich Helga Giegling, die damals wie Millionen andere Kinder in der DDR jedes Jahr in den großen Sommerferien ins Kinderferienlager fuhr. Der Aufenthalt dort verbindet sich in den Erinnerungen der meisten mit Ostseestränden, Kinoabenden, Nachtwanderungen oder dem ersten Kuss. Und der Abschied war immer das Schlimmste.

Ferienlager in der DDR

Was gehört zu einem Ferienlager in der DDR? Klicken Sie sich hier durch Momentaufnahmen aus verschiedenen Orten.

Im Zentralen Pionierlager "Rudi Arndt" Oybin im Zittauer Gebirge verbrigen Jugendliche aus der UdSSR, der VR Polen und Bulgarien zusammen mit Teilnehmern aus der CSSR und der DDR frohe Ferientage, sie sitzen zusammen und singen zur Gitarre.
In einigen Ferien- und Pionierlagern fanden sogenannte "internationale Begegnungen" statt. Die Teilnehmer kamen dabei meist ausschließlich aus osteuropäischen Staaten. Die Kinder und Jugendlichen aus der UdSSR, der Volksrepublik Polen, aus Bulgarien, der DDR und der ČSSR hatten so die Möglichkeit, miteinander Zeit zu verbringen und Freundschaften zu schließen wie 1975 im Pionierlager "Rudi Arndt" im Zittauer Gebirge. Bildrechte: dpa
Im Zentralen Pionierlager "Rudi Arndt" Oybin im Zittauer Gebirge verbrigen Jugendliche aus der UdSSR, der VR Polen und Bulgarien zusammen mit Teilnehmern aus der CSSR und der DDR frohe Ferientage, sie sitzen zusammen und singen zur Gitarre.
In einigen Ferien- und Pionierlagern fanden sogenannte "internationale Begegnungen" statt. Die Teilnehmer kamen dabei meist ausschließlich aus osteuropäischen Staaten. Die Kinder und Jugendlichen aus der UdSSR, der Volksrepublik Polen, aus Bulgarien, der DDR und der ČSSR hatten so die Möglichkeit, miteinander Zeit zu verbringen und Freundschaften zu schließen wie 1975 im Pionierlager "Rudi Arndt" im Zittauer Gebirge. Bildrechte: dpa
Kinder aus Polen und der DDR in einem Internationalen Pionierlager beim Tauziehen
Sport gehörte zum Tagesablauf im Ferienlager. Hier messen sich Kinder aus der DDR und aus Polen 1967 beim Tauziehen. Bildrechte: dpa
Ferienlager DDR Privatbilder
Das obligartorische Neptunfest - gehörte zu jedem Ferienlager am Wasser dazu. Bildrechte: Silke Heinz
Mädchen und Jungen aus der DDR, der UdSSR, Polen, Ungarn und der CSSR erholen sich in den Sommerferien im Pionierlager in Seifhennersdorf.
Tischtennis spielen - die wichtigste Beschäftigung für Ferienlagerkinder - damals wie heute. Bildrechte: dpa
Ferienlager DDR Privatbilder
Ein typisches Zeltlager für Ferienkinder. Bildrechte: Silke Heinz
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Preiswerter Ferienspaß

Für die Familien in der DDR war die Möglichkeit, die Kinder ins Ferienlager reisen zu lassen, eine willkommene Entlastung. Die Kinder blieben in der Regel 14 bis 21 Tage dort. Und preiswert war die Sache obendrein: Drei Wochen Ferienlager kosteten zwischen 15 und 20 Mark inklusive An- und Abreise, Unterkunft, Betreuung und Verpflegung. Manche Kinder fuhren auch gleich zweimal pro Jahr ins Ferienlager – einmal in das vom Betrieb der Mutter und das andere Mal in das vom Betrieb des Vaters unterhaltene.

Jeder Betrieb hat sein Ferienlager

Jeder größere Betrieb der DDR hatte für die Kinder seiner Betriebsangehörigen in den Urlaubsgegenden der Republik Ferienlager eingerichtet - an der Ostsee ebenso wie an der Müritz, im Elbsandsteingebirge oder im Thüringer Wald. Sie finanzierten das Sommervergnügen und sorgten auch für die Betreuung der Kinder. Entweder verpflichteten die Betriebe Erzieher und Pionierleiter oder sie stellten Betriebsangehörige als Betreuungspersonal ab.

Die Vorgaben über die Gestaltung des Alltags in den Ferienlagern lieferte das "Ministerium für Volksbildung der DDR". Denn die Ferienlager waren kein reiner Selbstzweck. Sie hatten vielmehr das Ziel, die "sozialistische Erziehungsarbeit" auch außerhalb der Schule systematisch fortzusetzen. "Es war schon alles geprägt durch die Ideologie", erinnert sich Jana Helm, die ihre Sommer häufig in Ferienlagern verbrachte, "aber die Lagerleiter haben sich immer tolle Sachen ausgedacht". Abenteuerausflüge und Nachtwanderungen durch den Wald mit Lagerfeuer und Kartenlesen wurden von den Kindern nicht als militärische Übung gesehen.

Statt Ideologie "frohes Jugendleben"

Die Versuche einer konsequenten ideologischen Beeinflussung wurden jedoch ab den späten 1970ern von Jahr zu Jahr schwächer. In den 80er-Jahren spielte die parteipolitische Ausrichtung im Ferienalltag der Kinder kaum noch eine Rolle, wenn man einmal vom Ritual des "Fahnenappells" absieht, zu dem das rote Pionierhalstuch getragen und ein Pionierlied geträllert werden musste. Erzieher und Betreuer bemühten sich ansonsten mehr oder weniger erfolgreich, ein "frohes Jugendleben" in den Ferienlagern zu etablieren. "Natürlich haben wir dort montags früh immer Fahnenappell gehabt", sagt Helga Giegling, "aber das gehörte dazu, das war ganz normal".

Nostalgie: Erinnerung an das Ferienlager in der DDR

Protagonisten aus "Kinder des Ostens" 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass die Zeit im Ferienlager ein unvergessliches Erlebnis war, zeigen auch verschiedene Fangruppen und Fanseiten auf sozialen Netzwerken. Auf der Facebook-Seite "DDR Ferienlager" erinnern sich beispielsweise mehr als 45.300 Menschen kollektiv an die "bestimmt schönste Zeit in der DDR" zurück, teilen Bilder und Erlebnisse und begeben sich gemeinsam auf die Spuren ihrer Kindheit. Noch heute finden sich an einigen Orten, an denen früher die DDR-Ferienlager waren, Erholungszentren für Kinder und Jugendliche. Die bekannte Tradition des "Neptunfestes", also eine Spaßtaufe für Kinder, hat sich übrigens bis heute gehalten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 23. Juli 2020 | 13:59 Uhr

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