Am 14. Januar 1944 geboren Peter Fechter: bekanntestes Opfer der Berliner Mauer

Der am 14. Januar 1944 geborene Peter Fechter ist das wohl bekannteste Maueropfer überhaupt. Er war erst 18 Jahre alt, als er am 17. August 1962 beim Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, von Grenzsoldaten der DDR erschossen wurde. Sein stundenlanger Todeskampf, bei dem ihm lange niemand half, erschütterte die Welt. Vielleicht wurde er deshalb zum Symbol, weil er den Maueropfern ein Gesicht gab.

Ein Grenzsoldat trägt einen Mann
Der tödlich verwundete Peter Fechter wird von einem Grenzsoldaten fortgetragen. Bildrechte: IMAGO

Wer war Peter Fechter?

Peter Fechter wohnt im Jahr 1962 mit seinen Eltern, seiner Schwester Ruth und seiner kleinen Nichte Jutta in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Berliner Stadtteil Weißensee. Er gilt als netter Jugendlicher, ruhig, bescheiden. Mit 14 Jahren hat er die Schule beendet und arbeitet seitdem auf der Baustelle als Maurer. Die Brigade ist zufrieden mit seiner Arbeit. Auf dem Bau hat er einen Kumpel namens Helmut. Mit ihm heckt er den Plan aus, in den Westen zu fliehen. Peters ältere Schwester wohnt im West-Berlin. Vielleicht will er dorthin? Seiner Familie erzählt er nichts von den Plänen.

Foto und Inschrift an Gedenken an das Maueropfer Peter Fechter 1944 - 1962 an der Bilderwand mit Fotos von Maueropfer
Foto von Peter Fechter Bildrechte: IMAGO

Flucht über die Berliner Mauer

Am verhängnisvollen 17. August ist es soweit. Peter Fechter und sein Freund Helmut sitzen in der Arbeitspause in einem kleinen Lokal unweit der Mauer. Sie trinken sich etwas Mut an, dann schleichen sie in ein gesperrtes Haus an der Zimmerstraße und verstecken sich. Durch eine Luke können sie die Berliner Mauer sehen. Es sind vielleicht 25 Meter bis in den Westen. Sie hören Geräusche. Sind es DDR-Grenzsoldaten? Sofort stürmen sie los - Peter Fechter vorneweg. Zu dieser Zeit geht der West-Berliner Kameramann Herbert Ernst in ein nahegelegenes Fotogeschäft. Seit dem Bau der Berliner Mauer hat Ernst viel zu tun. Für deutsche und internationale Sender dreht er Filme über die Geschehnisse im geteilten Berlin. Er will gerade neues Filmmaterial kaufen, als er Schüsse aus Richtung Mauer hört. Mit der Kamera in der Hand begibt er sich sofort dorthin.

DDR-Grenzsoldaten schaffen den sterbenden Peter Fechter nach 40 Minuten aus dem Todestreifen. Das Bildfotografierte ein Ost-Berliner Verlagsmitarbeiter.
DDR-Grenzsoldaten schaffen den sterbenden Peter Fechter nach 40 Minuten aus dem Todesstreifen. Bildrechte: BStU

Peter Fechter verblutet im Todesstreifen - niemand hilft!

An diesem Abschnitt der Berliner Mauer herrscht zu diesem Zeitpunkt eine grauenvolle Atmosphäre. Peters Kumpel Helmut hat es in den Westen geschafft und wird von der Polizei fortgeführt. Peter Fechter jedoch liegt schwerverletzt im Todesstreifen. Vier Grenzsoldaten haben auf ihn geschossen. Auch hinter der Mauer, im Westen, ist sein Schreien um Hilfe zu hören. Doch niemand kommt. Peter Fechter bekommt keine Hilfe. Eine Dreiviertelstunde liegt er mit einer offenen Bauchwunde langsam sterbend am Boden.

Mauertote Peter Fechter: am 17.08.1962 erschossen

Bis heute erinnern sich Augenzeugen lebhaft an den tragischen Tod Peter Fechters, dessen Flucht nach Westberlin tödlich endete.

Foto und Inschrift an Gedenken an das Maueropfer Peter Fechter 1944 - 1962 an der Bilderwand mit Fotos von Maueropfer
Das ist Peter Fechter. Der 18-Jährige lebt mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern im Ostberliner Stadtteil Weißensee. Am 17. August 1962 versucht er in der Nähe von Checkpoint Charlie zusammen mit einem Freund über die Mauer von Ost- nach Westberlin zu fliehen. Bildrechte: IMAGO
Foto und Inschrift an Gedenken an das Maueropfer Peter Fechter 1944 - 1962 an der Bilderwand mit Fotos von Maueropfer
Das ist Peter Fechter. Der 18-Jährige lebt mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern im Ostberliner Stadtteil Weißensee. Am 17. August 1962 versucht er in der Nähe von Checkpoint Charlie zusammen mit einem Freund über die Mauer von Ost- nach Westberlin zu fliehen. Bildrechte: IMAGO
Archivaufnahme: Jugendliche stellen Holzkreuz auf
In der Nacht und an den Tagen danach kommt es in Westberlin zu Ausschreitungen - junge Leute protestieren lautstark gegen die Mauer und schleudern wütend Steine über das Bauwerk. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt mahnt in einer Fernsehansprache zur Besonnenheit. Bildrechte: IMAGO
Gedenkstätte für Peter Fechter an der Berliner Mauer
Diese Aufnahme stammt von 1963. Eine Gedenkstätte erinnert in Westberlin an den jungen Peter Fechter, der ein Jahr zuvor vor den Augen der Öffentlichkeit starb. Bildrechte: IMAGO
Mahnmal fuer Peter Fechter, Westseite der Berliner Mauer, April 1990.
April 1990: Das Mahnmal für Peter Fechter, an der Westseite der Berliner Mauer. Unter einem Foto des jungen Mannes wurde in mehreren Sprachen das Drama seiner Flucht erzählt. Bildrechte: IMAGO
Blumenkränze an der Peter Fechter Gedenksäule in der Zimmerstraße in Berlin-Mitte
Seit 1999 erinnert eine 2,60 hohe Metallsäule an den tragischen Tod des 18-Jährigen. Eine Initiative, die Zimmerstraße in Peter-Fechter-Straße umzubenennen, scheiterte. Bildrechte: IMAGO
Ein Grenzsoldat trägt einen Mann
Doch sein Fluchtversuch scheitert. Während Fechters Freund die Flucht in den Westen glückt, wird Fechter von einer Gewehrsalve der DDR-Grenzposten getroffen. Fechter geht unmittelbar vor der Mauer zu Boden, ruft minutenlang verzweifelt um Hilfe und verblutet vor den Augen der Öffentlichkeit: Keiner wagt es, dem jungen Mann zu helfen. Nicht die amerikanischen Soldaten, nicht die Westberliner Polizei, nicht die Volkspolizisten der DDR. Stattdessen werden im Osten Nebelgeschosse gezündet, um den Fotografen die Sicht auf das Drama zu nehmen. Erst nach kanpp einer Stunde wird Peter Fechter geborgen. Doch er ist bereits verblutet. - Das Drama wird die Titelgeschichte des US-Magazin "Time" unter dem Titel "Wall of Shame". Bildrechte: IMAGO
Berlin, Zimmerstraße, die Stelle an der Peter Fechter starb, heute.
Berlin, Zimmerstraße, die Stelle an der Peter Fechter starb, heute. Bildrechte: MDR/Kerstin Mauersberger
Alle (7) Bilder anzeigen

Als Herbert Ernst endlich an der Mauer ankommt, muss er sich zunächst orientieren. Von West-Berliner Seite kann er kaum sehen, was hinter der Mauer geschieht. Er fragt herumstehende Polizisten, doch auch sie scheinen von den Geschehnissen überrascht und hilflos. Ernst erkennt seinen befreundeten Fotografen Wolfgang Bera von der "Bild"-Zeitung, der sich direkt auf die Mauer wagt und Bilder macht. So wagt sich auch Ernst heran. Er springt auf ein kleines Podest, stößt den darauf stehenden Polizisten zur Seite und beginnt zu filmen.

Der Tod an der Mauer, auf Zelluloid gebannt

Kurz darauf tragen DDR-Grenzer den sterbenden Peter Fechter aus dem Todesstreifen. Für Gefühle ist jetzt keine Zeit. Herbert Ernst dreht und dreht. Die Kamera fängt ein, wie Peter Fechter von aufgeregten Soldaten in eine Ost-Berliner Nebenstraße getragen wird, um kurz darauf zu sterben. Später wird Herbert Ernst immer wieder an dieses Bild denken. "Wie einen nassen Sack – schrecklich, schrecklich". Ernst filmt die herumstehenden Menschen, in Ost und West, die die Szenerie verfolgen. Er filmt auch US-amerikanische Soldaten, die vom wenige Meter entfernt liegenden Checkpoint Charlie herübergeeilt sind. Auch sie stehen hilflos herum.

Augenzeugin Westberlin Margit Hosseini 12 min
Bildrechte: MDR/Jan Schönfelder

Sie war so alt wie Peter Fechter, als dieser am 17. August 1962 starb. Margit Hosseini sah seinen Todeskampf von einem Balkon auf der anderen Seite der Mauer.

MDR FERNSEHEN Sa 13.08.2011 22:00Uhr 11:56 min

https://www.mdr.de/thueringen/kultur/zeitgeschehen/tote-im-kalten-krieg/video7014.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Straßenkrawalle in West-Berlin

Kurz darauf begibt sich Herbert Ernst mit dem hochbrisanten Filmmaterial zu seinem Auftraggeber. Er erhält sein Tageshonorar - wenige Mark. Im Nachhinein wird ihm bewusst, was er an diesem Tag gefilmt hat: Zum ersten Mal ist es einem Kameramann gelungen, den Tod an der Mauer zu filmen. Die Bilder gehen um die Welt. Die Öffentlichkeit kann nun sehen, was zwischen den beiden deutschen Staaten Realität geworden ist: Ein Mensch stirbt vor aller Augen und niemand greift ein. Auch nicht die alliierten Schutzmächte. In den Tagen darauf folgen wütende Straßenkrawalle in West-Berlin - gegen die DDR und ihr Mauerregime und auch gegen die Alliierten.

Jugendliche Demonstanten hinter einem umgestürzten Autowrack in der Kochstraße am frühen Morgen des 20.08.1962.
Aus Trauer wurde Wut: West-Berliner Jugendliche am 20. August 1962 Bildrechte: dpa

Ernst und Bera sind nicht die einzigen, die das Sterben von Peter Fechter auf Zelluloid bannten: Der Ost-Berliner Dieter Breitenborn arbeitet als Fotograf in einem Verlagshaus an der Zimmerstraße. Er kommt gerade von einem Auftrag zurück, als der Pförtner des Verlagshauses ihn rasch von der Straße ziehen will. Es werde geschossen, er solle sich in Sicherheit bringen. Breitenborn beginnt sofort, zu fotografieren. Sein Blick zum am Boden liegenden Peter Fechter ist unverstellt. Dann rennt er hoch und macht aus seinem Zimmer heraus weitere Aufnahmen. Die Bilder zeigen den Abtransport von Fechter, kreisende Hubschrauber, Nebeldickicht über dem Todesstreifen.

Stasi beschlagnahmt Fotos von der Ostseite der Mauer

Breitenborn begibt sich, so erzählt er es heute, sofort in die Dunkelkammer, um sein Material zu entwickeln. Doch es vergehen nur ein paar Minuten, dann klopft es an der Tür. Breitenborn muss das gesamte Material aushändigen. Die Staatssicherheit beschlagnahmt die Bilder. Sie sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Erst nach dem Fall der Mauer werden die MfS-Akten zugänglich und damit auch die Bilder, die Peter Fechters Tod von der DDR-Seite aus zeigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Charité - Geschichten von Leben und Tod | 19. Januar 2021 | 22:10 Uhr