Feature | MDR FIGARO | 06.09.2014 | 09:05 Uhr "Geduldiges Insistieren"

25 Jahre Friedliche Revolution

Gerd Poppe gehörte in den 1980er-Jahren zu den wichtigsten Köpfen der Ostberliner Opposition. Er war mit Robert Havemann und Wolf Biermann befreundet, schrieb für Untergrund-Zeitschriften und lud in seiner Wohnung zu Lesungen. 25 Jahre nach der Friedlichen Revolution in der DDR bringt MDR FIGARO ein Porträt.

Die Autorenlesungen in Gerd Poppes Berliner Wohnung sind Legende. Der Tisch im Wohnzimmer seiner Wohnung auf dem Prenzlauer Berg war die Dichterbühne. Adolf Endler, Lutz Rathenow, Uwe Kolbe und andere Schriftsteller lasen hier aus ihren Texten, die kein Verlag in der DDR drucken durfte. An manchen Abenden drängelten sich 130 Menschen in der Wohnung.

Kritischer Geist mit Berufsverbot

Seit 1968, seit der Niederschlagung des Prager Frühlings, bewegte sich der studierte Physiker in oppositionellen Kreisen. Aus Prostest schrieb er einen Brief, den er in der tschechoslowakischen Botschaft in Ostberlin abgab. Er begann, Lesungen mit kritischen Rednern zu organisieren und knüpfte Kontakt zu Rudi Dutschke, dem westdeutschen Studentenführer. Poppe freundete sich mit dem Regimekritiker Robert Havemann und dem Liedermacher Wolf Biermann an. Als Wolf Biermann 1976 ausgebürgert wurde, gehörte Poppe zu den Protestierenden. Prompt wurde eine Einstellungszusage der Akademie der Wissenschaften zurückgezogen. Seitdem faktisch mit Berufsverbot belegt, arbeitete er bis 1984 als Maschinist in einer Berliner Schwimmhalle und bis 1989 als Ingenieur im Baubüro des Diakonischen Werkes. In dieser Zeit wurde Poppe einer der wichtigsten Köpfe der Ostberliner Opposition.

Im Visier der Staatssicherheit

1980 initiierte Poppe gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau Ulrike Poppe einen unabhängigen Kindergarten, den "Kinderladen" im Prenzlauer Berg, um Kinder ohne SED-Ideologie aufwachsen zu lassen. Im gleichen Jahr begannen auch die legendären Lesungen in seiner Wohnung. Aufgrund seiner Kontakte zu Unterzeichnern der "Charta 77", die die Wahrung der Menschenrechte in der Tschechoslowakei forderten, belegten die DDR-Behörden Poppe mit einem Auslandsreiseverbot. Längst im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit, wurde Poppe Ostern 1982 auf dem Weg zur Beerdigung von Robert Havemann festgenommen und kurzzeitig inhaftiert. Als Poppe 1992 seine Akten in der Stasi-Unterlagen-Behörde einsah, sollte er über 40 Inoffizielle Mitarbeiter finden, die seit 1971 sein Leben bespitzelt haben.

Schreiben für den Untergrund

Poppe gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern der "Initiative Frieden und Menschenrechte" (IFM), einer Bürgerrechtsbewegung, die aus einem Menschrechtsseminar 1985 hervorging und sich im Januar 1986 gründete. Weitere Gründungsmitglieder waren unter anderem seine Frau Ulrike Poppe, Bärbel Bohley oder Wolfgang Templin. Die Organisation, die zwar das Dach der Kirche nutzte, sich aber als von ihr unabhängig verstand, veröffentlichte ihre politischen Positionen unter anderem in der illegalen Zeitschrift "grenzfall". Diese war nur eine der Untergrund-Zeitschriften, an denen Poppe mitgearbeitet hat, ebenso schrieb er für "Spuren. Zur Geschichte der Friedensbewegung der DDR" (1988) und für "Ostkreuz" (1989).

In politischen Ämtern

Von 1989 bis 1990 war Poppe Sprecher der IFM am Zentralen Runden Tisch, der am 7. Dezember 1989 erstmals zusammentrat. Dort arbeitete er an der Arbeitsgruppe "Neue Verfassung der DDR" mit. Von Februar bis April 1990 wurde er einer der acht Minister ohne Geschäftsbereich in der Regierung Modrow und von März bis Oktober 1990 Abgeordneter für das "Bündnis 90" in der frei gewählten Volkskammer.

Bis 1998 war Poppe für die Fraktion "Bündnis90/Die Grünen" im Bundestag. Mit seiner Forderung nach deutschen Militäreinsätzen in Krisengebieten, so 1993 für Bosnien, machte er sich in seiner Partei viele politische Gegner. Als Poppe 1998 nicht mehr als Kandidat antrat, ging sein geduldiges Insistieren weiter - als erster Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung und Mitglied des Vorstandes der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Beide Ämter hatte er bis 2003 inne.

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2011, 09:57 Uhr