Gabelstapler
Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Schicksal der DDR-Betriebe TAKRAF in Leipzig

Gabelstapler
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Fast 30 Jahre hat Günter Pyschik bei der DDR-Betrieb Verlade- und Transportanlagenbau (VTA) Leipzig gearbeitet. Der gehörte zum TAKRAF Kombinat - kurz für Tagebau-Ausrüstungen, Kräne und Förderanlagen. Die Erinnerungen an seinen früheren Betrieb im Leipziger Norden sind heute noch lebendig. Die TAKRAF war zu DDR-Zeiten eines der Großzentren des Schwermaschinenbaus, stellte Krane, Bagger und Gabelstapler her. Hunderte Arbeiter gingen hier jeden Tag zur Schicht. Arbeiter wie Günter Pyschik. Doch mit der Wende kam das Aus für den Stahlbau-Giganten.

Nie hätte Günter Pyschik gedacht, dass von seinem Betrieb irgendwann nur noch Ruinen übrig sind: "Meine Hoffnung 1990 war gewesen, dass es verkleinert hier im Osten weiter Industrie geben wird. Daran wollte ich mitarbeiten. Die ganzen Maschinen, man hätte damit etwas machen können. Und was ist vom ganzen Volkseigentum übrig geblieben? Gar nichts."

Von Seilbahnen zu Gabelstaplern

Der VEB Verlade- und Transportanlagenbau zählte bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Unternehmen jener Zeit. Ihr Spezialgebiet waren Seilbahn-Konstruktionen. Damals lief die Herstellung noch unter dem Namen des Ingenieurs Adolf Bleichert.

TAKRAF Früher Seilbahnherstellung unter Adolf Bleichert
Seilbahnen-Betrieb unter Adolf Bleichert Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Zu DDR-Zeiten wurde der VEB VTA zum Stammsitz des TAKRAF-Großbetriebs. Das Kombinat aus verschiedenen Volkseigenen Betrieben beschäftigte insgesamt 26.000 Mitarbeiter. Der Betrieb florierte. Sonderschichten waren gang und gäbe, erinnert sich Günter Pyschik: "Hier waren drei Schichten angesagt, eine Woche früh, eine Woche spät, eine Woche Nacht. Wir haben auch sonnabends gearbeitet, das war ganz normal."

DDR-Produkte für die ganze Welt

Günter Pyschik ehemaliger Mitarbeiter
Günter Pyschik, ehemaliger Mitarbeiter im TAKRAF-Werk in Leipzig Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH

Mit 19 Jahren fing Günter Pyschik als einfacher Dreher im Werk an. Später holte er sein Abitur nach, studierte und kümmerte sich schließlich um die Gehälter, während sein Werk Gabelstapler in die halbe Welt verkaufte. Und so sehr Günther Pyschik das Ende dieser Industriegeschichte gedemütigt hat, so stolz macht ihn die Erinnerung: "Die letzten Tage der DDR standen hier viele Gabelstapler, die noch auf Eigentümer gewartet haben. Und damals dachte man natürlich, der Westen baut bessere Gabelstapler. Das stimmt nicht. Besser waren die auch nicht."

Ende der Planwirtschaft

Mit dem Fall der DDR wurde auch die Planwirtschaft abgeschafft. Schnell war klar, dass die personalintensive und mit alter Technik arbeitende Industrie nicht wettbewerbsfähig sein würde. In weniger als zwei Jahren schrumpften viele DDR-Großbetriebe zu kleinen Unternehmen -  wenn überhaupt.

Günther Pyschik saß damals im Personalvorstand der TAKRAF und kämpfte für den Erhalt des Unternehmens. Doch seine Hoffnungen erfüllten sich nicht. Das Kombinat zerfiel Stück für Stück und wurde privatisiert. Heute existiert das Unternehmen in neuer Form unter dem Namen Tenova TAKRAF. Günther Pyschik fand irgendwann einen neuen Job, seit 2007 ist er in Rente.

Stille Zeugen der DDR-Vergangenheit

Verlassen, verfallen, vergessen. Ein Schicksal, das viele DDR-Betriebe teilen. Einst waren sie das zweite Zuhause für Tausende Arbeiter. Geblieben sind meist nur leere Hallen.

Takraf Bleichert
Die TAKRAF-Werke Heute erinnert nicht mehr viel an den einstigen Stahl-Riesen aus Leipzig. Zu DDR-Zeiten war die TAKRAF - kurz für Tagebau-Ausrüstungen, Kräne und Förderanlagen - ein Großzentrum des Schwermaschinenbaus und beschäftigte insgesamt 26.000 Mitarbeiter. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Takraf Bleichert
Die TAKRAF-Werke Heute erinnert nicht mehr viel an den einstigen Stahl-Riesen aus Leipzig. Zu DDR-Zeiten war die TAKRAF - kurz für Tagebau-Ausrüstungen, Kräne und Förderanlagen - ein Großzentrum des Schwermaschinenbaus und beschäftigte insgesamt 26.000 Mitarbeiter. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
TAKRAF Bleichert
Der Betrieb verkaufte Gabelstapler in die halbe Welt, egal ob nach Äthiopien, Bosnien oder Griechenland. Das Geschäft florierte und die TAKRAF-Produkte waren gefragt - zumindest bis 1989. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Takraf Bleichert
Denn mit der Wende kam auch das Aus für den Stahlbau-Giganten. Tausende Arbeiter wurden arbeitslos, standen plötzlich auf der Straße. Seit 1993 liegt das Gelände brach und verfällt. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
TAKRAF Bleichert
Wie viele Großbetriebe der DDR hat auch die TAKRAF in ihrer damaligen Form den Sprung ins Heute nicht geschafft. Von den mehr als 8.000 Großbetrieben, die es zum Ende der DDR gab, wurden etwa drei Viertel geschlossen. Ganz Ostdeutschland hat damit binnen kürzester Zeit eine bis dahin beispiellose De-Industrialisierung erfahren. Was den Arbeitern der TAKRAF widerfahren ist, hat viele Menschen im Osten getroffen – auch in Riesa. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Verfallene Halle in Riesa, in der früher das Zündholzwerk war
Die Zündwarenwerke Riesa Unweit der Hochöfen der einstigen Stahlwerke steht die fast vergessene Industrie-Ruine der Zündholz-Fabrik. Hier wurden fast 70 Jahre lang Streichhölzer hergestellt. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Zündhölzer in Riesa
Die Zündwarenwerke Riesa werden 1976 zum Volkseigenen Betrieb. Bald ist Riesa der einzige Standort für die Streichholzproduktion in der DDR. Zu Hochzeiten arbeiteten hier 600 Menschen, die meisten davon Frauen. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Riesa Zündhölzer
Die "Zündholz", wie die Fabrik von vielen genannt wurde, existiert heute nur noch in der Erinnerung ihrer einstigen Mitarbeiter. Der Betrieb konnte sich noch bis 1993 halten, dann wurde er abgewickelt und an einen westdeutschen Investor verkauft. Hunderte Menschen wurden über Nacht entlassen. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Riesa Zündhölzer
Heute werden immer noch Zündhölzer und Feuerzeuge unter dem Riesaer Logo vertrieben, doch hergestellt werden sie nicht mehr in Sachsen, sondern in Osteuropa und Fernost. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Feinpapierfabrik Neu Kaliß Noch immer prägt die alte Papierfabrik den kleinen Ort Neu Kaliß in Mecklenburg-Vorpommern. Doch die meisten Produktionsgebäude und Wohnhäuser stehen leer. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Früher bevölkerten 400 Mitarbeiter das Areal. Die Papierfabrik war der Treffpunkt des Ortes, fast jede Familie war hier vertreten. Verschiedene Generationen standen zusammen in der Werkhalle. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Werk kurz vor dem Aus. Die Hallen waren stark beschädigt und die Maschinen wurden als Reparationsleistung nach St. Petersburg gebracht. Doch in der jungen DDR brauchte man Papier und so bauten ein paar Ingenieure und der alte Besitzer eine Maschine aus dem Nichts. Jedes Teil, jeder Bolzen wurde von den Männern selbst geschmiedet. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik NEU Kaliß
Trotz aller Engpässe und Schwierigkeiten lief die Papiermaschine bis zur Wende. Doch in den 90ern änderte sich viel für die Arbeiter der Papierfabrik. Die Treuhand verkaufte das Werk an den Papier-Giganten Melitta. Der übernahm Hallen, Maschinen und Mitarbeiter. Bildrechte: Hoferichter & Jacobs GmbH
Feinpapierfabrik Kaliß
Die Produktion in den alten Hallen war jedoch unrentabel. So wurde in dem Ort ein neues Werk gebaut. Ein Stück DDR-Geschichte lebt also in Neu Kaliß weiter, trotz aller Wendewirren und Umbrüche.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Orte der Arbeit - 23.04.2019 | 30.04.2019 | 07.05.2019 | jeweils 22:05 Uhr.)
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch in der Doku-Reihe: Orte der Arbeit - 23.04.2019 | 30.04.2019 | 07.05.2019 | 22:05 Uhr

(zuerst veröffentlicht am 28.04.2017)

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 14:48 Uhr

"Orte der Arbeit" zum Nachsehen

Anne Marie Splittgerber - VEB Getreidewirtschaft Pasewalk
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Fortschritt und Niedergang

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Der lange Weg zum Neuanfang

Film von Marianne Harr

Folge 3 von 3

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