drei Porträts Stalins
Drei Porträtaufnahmen des sowjetischen Diktators Stalin. Bildrechte: imago/Russian Look

Das Sterben des "Unsterblichen" Stalins tagelanger Tod

Am 28. Februar 1953 erleidet der sowjetische Diktator Josef Stalin nach einem nächtlichen Trinkgelage einen Schlaganfall. Während die Ärzte um das Leben des Diktators ringen, kämpfen seine Höflinge schon um die Nachfolge.

drei Porträts Stalins
Drei Porträtaufnahmen des sowjetischen Diktators Stalin. Bildrechte: imago/Russian Look

Und aller Ruhm der Welt wird Stalin heißen! Lasst uns den Ewig-Lebenden lobpreisen!

Mit diesem überschwänglichen pathetischen Sätzen verabschiedet sich im März 1953 der DDR-Dichter und SED-Kulturpolitiker Johannes R. Becher im "Neuen Deutschland" von Stalin. Der Diktator, der Millionen Menschen mit seiner Terror-Herrschaft den Tod gebracht hat, wird noch einmal von Becher als Ewig-Lebender gepriesen.

Als Unsterblicher beschworen

Stalins Unsterblichkeit war in den Jahren seiner Herrschaft in einem solchen Ausmaß beschworen worden, dass sein Tod tatsächlich unvorstellbar schien. Er hatte sich selbst so sehr als gottgleicher Alleswisser, Führer und Übervater inszeniert, dass eine Zukunft ohne ihn undenkbar war. Der 1936 geborene russische Autor und Historiker Edward Rasinski versucht der Nachwelt dieses Phänomen zu erklären:

Die Menschen schlagen die Zeitung auf und der Name springt ihnen entgegen. Man konnte vielleicht das Radio ausmachen und die Zeitungen zerreißen, doch man würde diesen Namen aus dem Lautsprecher des Nachbarn immer noch hören. Stalin war immer präsent. Von der Geburt an bis zum Tod.

Historiker Edward Rasinski

Stalins Gesundheitszustand verschlechtert sich

Die Umstände von Stalins Tod waren jedoch das Gegenteil der brutal und perfekt durchorganisierten Herrschaft, in der nichts dem Zufall überlassen bleiben sollte. Stalins Sterben war so surreal und grotesk, wie man es sich gar nicht hätte ausdenken können.

Ende des Jahres 1952 hatte Stalin trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme die Karten im Sowjetreich mal wieder neu gemischt. Er war inzwischen 74 Jahre alt, sein Gedächtnis ließ nach und ihm war oft schwindlig. Er litt unter Arthritis und Arteriosklerose. Die Frage nach seiner Nachfolge stand unübersehbar im Raum. Doch auch hier lebte Stalin noch einmal seine zornigen, rachsüchtigen und paranoiden Anwandlungen aus.

Junge Unbekannte nominiert

Auf dem Parteitag  im Oktober 1952 entmachtete er all seine treuen Weggefährten, die als Nachfolger in Betracht gekommen wären. Zur Verblüffung der Anwesenden berief er junge, niemandem bekannte Aktivisten ins Parteipräsidium. Gleichzeitig schürte er einen hysterischen Antisemitismus. Er beschuldigte die jüdischen Ärzte in Moskau, die bis dahin auch die politischen Machthaber medizinisch betreut hatten, deren Ermordung zu planen.  Daraufhin begannen im Januar 1953 die Verhaftungen und die Folter. Es gab Befürchtungen, dass dies der Beginn einer neuen Terrorwelle sein könnte.

Josef Stalin: Ein Leben in Bildern

Josef Stalin, der "stählerne Diktator", Oberbefehlshaber des "Großen Vaterländischen Krieges" und "verdiente Mörder des Volkes" wurde am 18. Dezember 1878 im georgischen Gori geboren.

Josef Stalin (Russland/Mitglied SDAPR Bolschewiki) (1903) - retuschiertes Foto.
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als 25-jähriger Bolschewik kurz vor seiner Verbannung nach Sibirien 1903. Den Namen Stalin (der Stählerne) benutzte Stalin erst ab 1913. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin (Russland/Mitglied SDAPR Bolschewiki) (1903) - retuschiertes Foto.
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als 25-jähriger Bolschewik kurz vor seiner Verbannung nach Sibirien 1903. Den Namen Stalin (der Stählerne) benutzte Stalin erst ab 1913. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin auf einem Landwirtschaftskongress in Moskau. (1935)
17.02. 1938: Stalin auf einem Landwirtschaftskongress in Moskau Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin mit Tochter Swetlana Allilujewa auf den Armen. (1939)
Stalin mit seiner 1926 geborenen Tochter Swetlana Allilijewa im Jahr 1939. Swetlana wuchs abgeschottet auf und wusste nichts von dem Terror, mit dem ihr treusorgender Vater das ganze Land überzogen hatte. Swetlana Allijewa, die 1967 über Indien in die USA geflohen war und dort als Lana Peters lebte, starb 2011. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin und Klement Gottwald während einer Tagung. (1953) - retuschiertes Foto
Josef Stalin und Klement Gottwald, Vorsitzender der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, im Februar 1953. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin 1953 offen im Sarg aufgebahrt.
Der aufgebahrte Josef Stalin. Sein Leichnam wurde einbalsamiert und im Lenin-Mausoleum beigesetzt. 1961, auf Beschluss des 22. Parteitags der KPdSU, wurde der Leichnam des Diktators aus dem Mausoleum entfernt und an der Kremlmauer begraben. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin (Russland/Mitglied SDAPR Bolschewiki) (1908)
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als 28-jähriger Bankräuber 1907. Seit 1904 hatte er Banküberfälle für die Revolutionäre organisiert. Er wird mehrfach verhaftet und verurteilt und kommt doch immer wieder nach relativ kurzer Zeit frei. Es wird gemunkelt, er habe Kontakte zur Geheimpolizei. Bildrechte: imago/Russian Look
Wladimir Iljitsch Lenin zwischen Josef Stalin und Michail Kalinin, anlässlich des 8. Parteitages der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) in Moskau (1919).
Stalin, als politischer Kommissar an mehreren Fronten des Bürgerkriegs im Einsatz, mit Revolutionsführer Lenin und dem formellen sowjetischen Staatsoberhaupt Michail Kalinin auf dem 8. Parteitag der Kommunistischen Partei 1919. Lenin, der Stalin als "glänzenden Organisator" schätzt, hatte den georgischen Bankräuber 1912 ins ZK der Bolschewiki berufen. In seinem Testament hatte er allerdings die Genossen vor Stalin gewarnt – er sei sich nicht sicher, ob Stalin mit der Macht, die er besitze, stets sorgfältig umgehen werde. Bildrechte: imago/Russian Look
Grigori Ordschonikidse (Vorsitzender nationaler Wirtschaftsrat), Josef Stalin und Anastas Hovhannessi Mikojan (alle UdSSR/Zentralkomitee der KP Aserbaidschan) anlässlich der Unterzeichung des Beitrittsvertrages Litauens zur Sowjetunion. (1925)
Stalin, mittlerweile Generalsekretär der KPdSU, gemeinsam mit Anastas Mikojan, Volkskommissar für Außenhandel, und Grigori Ordschinikidse, Chef des Transkaukasischen Komitees und später Volkskommissar für Schwermaschinenbau, in Tiflis 1925. Bildrechte: imago/Russian Look
Josef Stalin auf einer Konferenz mit Ehefrauen des Führungsstabes und deren Kindern. (1935)
Josef Stalin mit den Familien einiger ZK-Mitglieder im April 1936. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin steigt ins Auto. (1941)
Stalin 1941 mit einer seiner Staatskarossen. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin mit anderen Militärs auf Visite bei Kampfflugzeugen in Moskau.
17.04.1943: Josef Stalin auf einem Fliegerhorst in Moskau. Bildrechte: imago/Russian Look
Joseph Stalin (ZK der WKP(b)) und Außenminister Wjatscheslaw Molotow (re., beide Sowjetunion/Vorsitzender Rat der Volkskommissare) sowie Joseph Davies (li., USA/Botschafter Moskau) während eines Treffens in Moskau. (1943)
17.04.1943: Josef Stalin und Außenminister Wjatscheslaw Molotow (re.) treffen den US-amerikanischen Botschafter Joseph Davies (li.) in Moskau. Bildrechte: imago/Russian Look
Politprominenz steht anlässlich der Beerdigung Josef Stalins auf dem Leninmausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. (1953)
Sämtliche Führer der kommunistischen Parteien waren zur Beisetzung am 9. März 1953 nach Moskau gereist, um vom "Führer der fortschrittlichen Menschheit" Abschied zu nehmen. Jedoch: "Nur zwei Trauergäste weinten – sein Sohn Wassili und seine Tochter Swetlana", schrieb der Moskauer "Zeit"-Korrespondent in seiner Reportage von den Trauerfeierlichkeiten. "Die anderen hohen Würdenträger hatten es sehr eilig, vom toten Stalin Abschied zu nehmen." Bildrechte: imago/Russian Look
Stalins Sarg auf dem Roten Platz in Moskau.
Stalins Sarg auf einer Lafette auf dem Roten Platz. Bildrechte: imago/Russian Look
Historische Fotomontage: Stalin aufgebahrt - Außenminister Wjatscheslaw Molotow (li., Vorsitzender Rat der Volkskommissare) und andere Politprominenz.
Fotomontage von 1953: der aufgebahrte Stalin, dahinter die Mitglieder des Politbüros der KPdSU. Bildrechte: imago/Russian Look
Gemälde: Stalins Tochter Swetlana Allilujewa bei der Leiche des Vaters Josef Stalin.
Das Gemälde zeigt Stalins Tochter Swetlana vor dem aufgebahrten Vater. Der Maler setzte Swetlana als Kind in Szene, dabei war sie 1953 bereits 27 Jahre alt.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 11.08.2017 | 17:45 Uhr)
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Aus Angst erst spät entdeckt

Der Abend des 28. Februar war wie gewohnt verlaufen. Stalin fuhr mit den engsten Kampfgenossen Chruschtschow, Malenkow, Bulganin und Berija auf seine Datscha nach Kunzewo nahe Moskau, wo bis vier Uhr  morgens gegessen und getrunken wurde. Die Gäste fuhren im Anschluss nach Hause.

Acht Stunden später, mittags um 12, rechneten die Leibwachen damit, dass Stalin aufsteht. Aber es rührte sich nichts. Auch in den nächsten Stunden nicht. Niemand wagte, nachzusehen. Denn Stalin zu überraschen oder zu stören, überhaupt irgendetwas ohne seinen Befehl zu tun, das konnte den Tod bedeuten. Um 22 Uhr sahen die Wachleute nach und fanden Stalin im Unterhemd auf dem Boden liegend: in seinem Urin, unfähig zu sprechen, aber bei Bewusstsein. Der Tyrann war Opfer seiner eigenen Schreckensherrschaft geworden. Weil er so viel Angst vor seinen unberechenbaren Launen verbreitet hatte, war ihm niemand früher zu Hilfe gekommen.

Das tagelange Sterben

Die vier inzwischen wieder herbeigeeilten Genossen, die in der Nacht zuvor noch mit ihm gezecht hatten, ahnten wohl, dass es mit Stalin zu Ende ging. Ganz sicher waren sie sich aber nicht, ob die Zeit schon reif war, sich als Nachfolger in Stellung zu bringen. Noch atmete Stalin ja. Womöglich war er noch betrunken. Doch die nach einigem Zögern herbeigerufenen Mediziner diagnostizierten einen Schlaganfall.

Sie bemühten sich hektisch, Stalins Leben zu retten. Allgemeines Hoffen und Bangen begann, ob der sterbende "Unsterbliche" noch einmal die Augen öffnet, sein Vermächtnis verkündet oder sonst irgendein Zeichen gibt.

Da hob er plötzlich die linke Hand, die noch beweglich war, und wies mit ihr nach oben und drohte uns allen.

Stalins Tochter Swetlana Allelujewa

So hat es Stalins Tochter Swetlana Allelujewa überliefert. Eine Szene, wie aus einem Horrorfilm oder einer surrealen Groteske. Mit einer Drohgebärde trat Stalin, der die Arbeiter und Bauern zu Kommunisten nach seinen Vorstellungen machen wollte, ab. Als wollte er die Zweifler ein letztes Mal warnen.

Schock fürs Volk

Am 5. März 1953 stellten die Ärzte um 21:50 Uhr den Tod fest, der erst am nächsten Morgen offiziell bekannt gegeben wurde. Das Unfassbare war geschehen. Die Parteiführung rief das schockierte Volk zur Einigkeit und Geschlossenheit auf. "Wir hatten", schrieb Ilja Ehrenburg, "völlig vergessen, dass Stalin ein Mensch war. Er hatte sich in einen allmächtigen und geheimnisvollen Gott verwandelt. Und nun war dieser Gott an Gehirnblutungen gestorben. Das erschien uns unwahrscheinlich."

Nachfolger Nikita Chruschtschow

Nikita Chruschtschow
Nikita Chruschtschow wurde 1958 Ministerpräsident der Sowjetunion Bildrechte: IMAGO

Stalins Tod stürzte die Sowjetunion in ein machtpolitisches und seelisches Vakuum. Denn weder war die Nachfolge des Diktators geregelt, noch war klar, wie es ohne ihn weitergehen könnte. Nikita Chruschtschow übernahm zunächst die Parteileitung, Jahre später wurde er auch Regierungschef. Er triumphierte beim Kampf um die Stalin-Nachfolge und warf sämtliche Rivalen, insbesondere den brutalen und gefürchteten  Geheimdienstchef Lawrenti Berija aus dem Rennen.

Und er ließ den "Unsterblichen" endgültig sterben. Zum einen mit seiner berühmten Geheimrede im Jahr 1956, in der Stalins Verbrechen und der absurde Personenkult erstmals offiziell benannt wurden. Zum anderen mit seinem Beschluss, den einbalsamierten Stalin von Lenins Seite im Mausoleum zu entfernen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 04.02.2018 | 23:56 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2019, 13:45 Uhr