Ungarns Wunde seit 100 Jahren Trianon: Ein Friedensvertrag stiftet Unfrieden

Heute vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Trianon unterzeichnet. Für die Ungarn ist er bis heute ein nicht verheiltes Trauma und Gegenstand der Politik. Rund zwei Drittel seines historischen Territoriums musste Ungarn damals an neu gegründete Nationalstaaten abtreten. Es waren Gebiete, die von anderen Völkern besiedelt waren: Slowaken, Kroaten, Slowenen und Rumänen. Bis heute sorgt die Regelung für Unfrieden in der Region.

Visualisierung eines Denkmals in Budapest
Visualisierung des Trianon-Denkmals in Budapest. Es sollte zum 100. Jahrestag der Vertragsunterzeichnung enthüllt werden. Das wurde aber wegen der Corona-Pandemie verschoben. Bildrechte: Steindl Imre

Pünktlich um 16:30 Uhr stand in Budapest alles still: Mit einer Gedenkminute gedachten die Ungarn ihrer einstigen Größe und erinnerten an diejenigen Territorien, die sie mit dem Vertrag von Trianon vor 100 Jahren verloren hatten. Das Parlament kam zu einer Gedenkstunde zusammen, bei der der Präsident János Áder eine Rede halten sollte. Der offizielle YouTube-Kanal der Regierung wartet mit zahlreichen Dokumentarfilmen und Liveübertragungen von Gedenkveranstaltungen und Konzerten auf. Denn vor 100 Jahren wurde die Aufteilung des historischen, multiethnischen Königreichs Ungarn besiegelt.

Die Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Ungarn im Trianon in Versailles. Der italienische Botschafter in Paris unterzeichnet gerade das Dokument mit seiner Unterschrift. 12 Juni 1920.
Am 4. Juni 1920 wurde der Friedensvertrag zwischen Ungarn und den Alliierten im Schloss Trianon in Versailles unterzeichnet. Bildrechte: imago/United Archives International

Mit dessen Zerfall haben sich viele Ungarn bis heute nicht abgefunden und auch die ungarische Regierung fährt eine Art Zickzackkurs zwischen EU-Integration, Nationalismus und Opfermythos. Immer wieder brüskiert Premierminister Viktor Orbán die Nachbarstaaten mit seiner Politik gegenüber der ungarischen Minderheit. Besonders schwerwiegend war die Verleihung der doppelten Staatsbürgerschaft an all jene Auslandsungarn, die in den alten ungarischen Grenzen leben. Inzwischen haben 1,1 Millionen Menschen diese Möglichkeit genutzt. Eine späte Folge des Vertrags von Trianon.

Die Donaumonarchie zerfällt

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war Ungarn Teil des Habsburgerreichs und ebenso wie die österreichische Hälfte der Doppelmonarchie ein Vielvölkerstaat. Lange Zeit stellte das kein größeres Problem dar, da sich die Menschen früher nicht so sehr über Sprache oder ethnische Zugehörigkeit definierten wie heute. Im 19. Jahrhundert durchliefen aber viele Völker der Doppelmonarchie eine Art nationale Wiedergeburt. Damit nahmen die Spannungen zu. Die beiden Reichshälften reagierten unterschiedlich. Während Wien einen relativ liberalen Kurs einschlug und den Völkern der österreichischen Reichshälfte viel Autonomie gewährte, setzte Budapest in seiner Reichshälfte auf Unterdrückung.

Die national erwachten Völker nutzten die Niederlage der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg, um sich den Traum von Eigenstaatlichkeit zu erfüllen. Reihenweise sagten sich Gebiete von Wien und Budapest los. Mit tatkräftiger Hilfe Frankreichs besetzten die Armeen dieser neuen bzw. wiederhergestellten Länder Territorien, auf die sie Anspruch erhoben, wie Siebenbürgen oder Slowakei.

Landkarte zeigt Ungarn in seinem heutigen Staatsgebiet. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Groß-Ungarn schrumpft zusammen

Als Ungarn Ende 1919 an den Verhandlungstisch eingeladen wurde, waren damit also bereits Fakten geschaffen. Nach mehrmonatigen Verhandlungen, bei denen Ungarn nicht als gleichwertiger Partner, sondern Kriegsverlierer behandelt wurde, wurde der Vertrag unterschrieben. Er besiegelte die Aufteilung der ungarischen Reichshälfte unter sechs Staaten. Die größten Gebiete gingen an Rumänien, die Tschechoslowakei und das spätere Jugoslawien. Das einst so mächtige Ungarn schrumpfte, ähnlich wie Österreich, zu einem Kleinstaat zusammen – von den ursprünglich 21 Millionen Einwohnern fanden sich nur knapp 8 Millionen in den neuen Grenzen wieder. Drei Millionen ethnische Ungarn wurden zu Minderheiten in den Nachbarländern, vor allem im nun rumänischen Siebenbürgen, aber auch in der Slowakei. Die Sieger des Ersten Weltkrieges unterstützten die Neugliederung, da sie die einstigen Gegner schwächen wollten und in den neuen Nationalstaaten in Mittel- und Osteuropa einen Puffer gegen Sowjetrussland sahen.

Kein unschuldiges Opfer

Ein unschuldiges Opfer war Ungarn allerdings nicht. Als dominante Ethnie im alten Groß-Ungarn setzte die ungarische Führung einen harten Assimilierungskurs durch. Die anderen Völker der ungarischen Reichshälfte wurden in Sprach- und Bildungsfragen benachteiligt und ihre Emanzipations- und Autonomiebestrebungen unterdrückt.

Doch das wird in Ungarn bis heute kaum selbstkritisch thematisiert. Noch im Februar 2020 sprach Ministerpräsident Viktor Orbán von dem "Friedensdiktat" und nannte den Vertrag von Trianon ein "Todesurteil". Eine Wortwahl, die sehr deutlich an die andauernde Diffamierung des Versailler Vertrags in der Weimarer Republik und im Dritten Reich erinnert.

Riesen-Denkmal für die verlorenen Gebiete

Zur Erinnerung an die einstige Größe leistete sich Ungarn ein eigenes Trianon-Denkmal in Budapest, das eigentlich zum 100. Jahrestag der Vertragsunterzeichnung enthüllt werden sollte, was aber wegen der Corona-Pandemie verschoben werden musste. Die 100 Meter lange, in den Erdboden eingelassene "Rampe" der Regierung soll daran erinnern, wie groß Ungarn einmal war.

In die Mauern wurden die Namen von 12.537 Orten eingemeißelt, die bis zum Vertrag von Trianon ungarisch waren. Besonders pikant dabei und selbst unter Ungarn umstritten: Viele dieser Orte erscheinen nicht unter ihrem historischen Namen, sondern in einer magyarisierten Form, die sie erst bei einer großen Umbenennungsaktion von 1913 bekamen, die das nationalistische Königreich Ungarn noch ungarischer erscheinen lassen sollte. Dass viele davon nie mehrheitlich von Ungarn besiedelt waren scheint niemanden zu stören. Der offizielle Name des Bauwerks: "Denkmal der nationalen Einheit".

Visualisierung eines Denkmals in Budapest
Das Denkmal wird die Namen aller Ortschaften aufzählen, die einst zu Ungarn gehörten. Bildrechte: Steindl Imre

Friedensvertrag stiftet Unfrieden

Die Neuordnung Mittel- und Osteuropas mit dem Trianon-Vertrag brachte keine Stabilität. Als Teil der Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, brachte das Vertragswerk in Wahrheit dauerhaften Unfrieden. Bereits unmittelbar nach Kriegsende entstand im zusammengeschrumpften Ungarn ein reaktionäres Regime unter dem sogenannten Reichsverweser Miklós Horthy.

Miklos Horthy
Miklós Horthy, der als ungarisches Staatsoberhaupt mit dem Nazi-Regime kollaborierte (Aufnahme zu Beginn der Nürnberger Prozesse 1945). Bildrechte: IMAGO

Sein wichtigstes Ziel war die Rückholung der verlorenen Gebiete. Teilweise gelang das für einige Jahre, zwischen 1938 und 1941, dank einer Allianz mit Nazideutschland. Der Preis dafür war aber hoch: Ungarn wurde zu einem Handlanger des deutschen Terrors in Osteuropa und lieferte sogar die eigenen jüdischen Staatsbürger aus, die kurz vor Kriegsende in Auschwitz vergast wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ungarn teils Teil des sowjetisch dominierten Ostblocks. Seine Länder wurden zwangsweise, künstlich befriedet, die alten Konflikte nicht gelöst sondern eingefroren. Trianon wurde für 40 Jahre zu einem Tabu-Thema. Unter der friedlichen Oberfläche gärte es aber weiter.

Ungarn strickt an Opfermythos

Nach dem Zerfall des Ostblocks schlug Ungarn einen Kurs Richtung EU ein. Dadurch wurden die Beziehungen zu den Nachbarstaaten zumindest oberflächlich befriedet. Der Vertrag ist aber zu einem bequemen Element in der Innenpolitik geworden. Seit Jahren strickt Ministerpräsident Orbán an einem Mythos von Ungarn als Opfer des Trianon-Vertrags und sichert sich mit der Erinnerung an einstige Größe und die vermeintliche Demütigung durch Trianon Wählerstimmen.

(baz)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Brisant | 28. Januar 2017 | 17:10 Uhr