19. bis 22. August 1954 Turn- und Sportfestspiele: Festivalfeeling im Arbeiter- und Bauernstaat

Vom 19. bis 22. August 1954 findet in Leipzig zum ersten Mal das Deutsche Turn- und Sportfest statt. Insgesamt acht Mal wird die Messestadt der Austragungsort für die Spiele sein. Während dieser Großveranstaltung weht ein festivalartiges Flair durch die Straßen.

Während der Darbietungen der Turnerinnen und Turner auf dem Rasen formen Tausende von Sportlern auf den Rängen Losungen wie hier gerade ''Unser Herz dem Sport''.
Bildrechte: dpa

August 1954. Leipzig wird Mittelpunkt für die Turn- und Sportfestspiele. Tausende von Schaulustigen und Sportbegeisterten strömen auf die Festwiese in Leipzig. Das Zentralstadion gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst ein Jahr später wird der Bau der Arena realisiert und mit dem zweiten Turn- und Sportfestspiel im August 1956 feierlich eingeweiht. Die Spiele sind fortan Treffpunkt von Amateursportlern aus dem ganzen Land. Spaß und Freude am Sport stehen im Vordergrund. Allerdings dienen sie auch als Propagandaveranstaltungen - stets verbunden mit dem öffentlichen Bekenntnis zu Staat und Partei.

Die Sportschau: Das Highlight der Turnfestspiele

Doch die Bevölkerung liebt die mehrtägigen Veranstaltungen - sie sind im wahrsten Sinne populär. Die Turn- und Sportfeste, die fünf bis sechs Tage dauern, laufen alle nach dem gleichen Schema ab, wie der bekannte Sportwissenschaftler Jürgen Leirich in einem Aufsatz schreibt: "Feierliche Eröffnungsveranstaltung mit höchster politischer Repräsentanz, Wettkämpfe in vielen Sportarten im Rang von DDR-Meisterschaften, Massensportveranstaltungen, Vorführungen von Sportwerbegruppen, Spielmannzüge, kulturelle Veranstaltungen als Rahmenprogramm, Festumzug mit Vorbeimarsch an der Ehrentribüne, Sportschau (mehrere Veranstaltungen) mit Abschlussveranstaltung im Stadion und Feuerwerk."

Die Kaderschmiede in Leipzig

Dass Leipzig als Zentrum der Sportspiele gewählt wird, ist kein Wunder. Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist sie die Sporthauptstadt Deutschlands. 1900 gründet sich der Deutsche Fußballbund und zieht Sportler sowie Turnvereine magnetisch an. Im Sommer 1950 wird in Leipzig die "Deutsche Hochschule für Körperkultur" (DHfK) gebaut und in Rekordzeit zur Kaderschmiede. Die Partei- und Staatsführung hat zu diesem Zeitpunkt den Sport zur politischen Waffe deklariert. Der Breitensport wird zum Talentepool  des geförderten Spitzensports. Schließlich will man auf dem internationalen Parkett glänzen. Mit Weltmeistertiteln und Olympiasiegern. Und davon gibt es so einige: Täve Schur, Jutta Seyfert oder Klaus Köste haben für Gold, Silber oder Bronze in der DHfK gestrampelt, geschwitzt und geturnt.

Mit Kind und Kegel zum Turnfest

Und auch für viele Amateur-Turner und Sportler der DDR sind die Turn- und Sportfeste prägende Höhepunkte ihrer sportlichen Laufbahn. In vielen Familien sind sie Kult und bekommen schnell einen Festivalcharakter, so dass das "Stadion der Hunderttausend" schon zu den dritten Turnfestspielen aus allen Nähten platzt.

Logo MDR 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

damals - heute | WM-Stadien in Mitteldeutschland Familie Donner im Turnfest-Fieber

Familie Donner im Turnfest-Fieber

Das DDR-Fernsehen begleitet Familie Donner aus Frankfurt/Oder beim VIII. Turn- und Sportfest der DDR 1987 in Leipzig. Auszug aus dem DDR-Fernsehen vom 25.11.1987.

MDR FERNSEHEN Mi 25.11.1987 10:01Uhr 04:11 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/videowand/video-128262.html

Rechte: DRA

Video

Zwei Jahre Vorbereitung, Trainingslager, Stadionproben

Organisiert und ausgeführt werden die Spiele vom Deutschen Turn- und Sportbund der DDR (DTSB). Und dieser legt Wert darauf, dass das Turnen als Gemeinschaftserlebnis wahrgenommen wird. Die Sportschau, das zentrale Element aller Turn- und Sportfeste, legt den Grundstein für dieses Gefühl. Die Massenchoreographie der Amateursportler des Landes wird 1956 von 27.000 Turnern und Sportlern in 19 Übungskomplexen gestaltet, 1959 sind es 24.000. Um bei der Sportschau mitmachen zu können, braucht es zwei bis drei Jahre Vorbereitungszeit. Die Sportler werden kurz vor dem Fest einen Monat für das Trainingslager - davon die letzte Woche in Leipzig mit täglichen Stadionproben. Kost und Logis sind frei.

Die Osttribüne: Der lebende Werbeblock

Und noch eine Gruppe probt zwei Jahre im Vorfeld – davon drei Monate vorab im Stadion: Der Übungsverband "Osttribüne". Diese Seite der Arena wird zur lebenden Werbetafel. Politische Losungen wie "Turner auf zum Streite", "Der Sozialismus siegt", "Dank der SED", "Klassenbrüder – Waffenbrüder" werden ab 1969 zum festen Teil der Festspiele. Über 12.000 Mitglieder wechseln während der Veranstaltung live die Texte.

Acht Mal wird Leipzig für eine knappe Woche Ort der Begegnung und körperlichen Ertüchtigung. 1987 finden die Turn- und Sportfestspiele das letzte Mal statt. Schon zwei Jahre später ist klar: Der Sozialismus hat doch nicht gesiegt.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 24.03.2019 | 22:00 Uhr