Umweltschutz Greenpeace-Aktion in der DDR

Mit einem Heißluftballon von Berlin-West nach Berlin-Ost. Mit dieser Aktion wollen Aktivisten 1983, nur drei Jahre nach der Gründung von Greenpeace in der Bundesrepublik, gegen Atomwaffentests protestieren. Ein gewagter und gefährlicher Plan, geht es doch um die Verletzung des Lufraums. Und auch die Route ist nur schwer zu kalkulieren, denn darüber, wohin der Ballon fliegt, entscheidet allein der Wind.

Drei Männer an einem Heißluftballon auf einer Wiese
Drei Jahre nach der Gründung von Greenpeace wollen die Aktivisten in einem Heißluftballon von Berlin-West nach Berlin-Ost. Bildrechte: Caroline Fetscher/Greenpeace

Ein früher Sonntagmorgen auf dem Sportplatz in Wilmersdorf, Berlin/West: Greenpeace-Aktivisten bauen einen Heißluftballon auf. Zwei von ihnen haben einen spektakulären Plan: sie wollen über die Mauer in die DDR fliegen. "Und damit wollten wir gegen Atomwaffentests protestieren. Der Grund war, dass der Luftraum über Berlin von den vier Besatzungsmächten kontrolliert worden war. Und da alle vier Besatzungsmächte auch Atommächte waren, war das geteilte Berlin der einzige Ort auf der Welt, wo man gegen alle vier Atommächte gleichzeitig protestieren konnte.“ Monatelang haben die beiden Umweltschützer Gerd Leipold und John Sprange auf einer Wiese bei Aachen geübt, wie man den Ballon startet, lenkt und zur Erde herunterbringt. Unter streng konspirativen Bedingungen schmuggeln die Aktivisten den Ballon auf der Transitstrecke nach Berlin. 30 Jahre später, 2013, steht Gerd Leipold noch einmal an jenem Ort, wo einst die irrwitzige Ballonfahrt startete und erinnert sich:

Berlin hatte damals ja die größte Geheimdienstdichte. Deswegen haben wir das selbst innerhalb von Greenpeace, nicht nur gegenüber der Berliner Gruppe, auch in dem Hamburger Büro, geheim gehalten. Es wussten relativ wenige Leute, was wir vorhatten.

Gerd Leipold Greenpeace-Aktivist

Männer an einem Heißluftballon auf einer Wiese
Die Herausforderung bestand für Gerd Leipold (links), Jens Sprenger (rechts) und die anderen Greenpeace-Mitglieder zunächst darin, den Ballon nach Westberlin zu bringen und ihn von dort aus in die Luft zu kriegen. Bildrechte: Caroline Fetscher/Greenpeace

Mit dem Heißluftballon über den Todesstreifen

Kurz nach 6 Uhr morgens an jenem 28. August ist der Ballon in der Luft und fliegt Richtung Ostberlin, auf die Mauer zu. Damit verstoßen Sprange und Leipold gleich gegen mehrere Gesetze: privater Luftverkehr über Berlin war von den Alliierten untersagt. Und natürlich verletzen die beiden mit ihrem Überflug die DDR-Staatsgrenze.

Nachdem wir uns solange vorbereitet hatten und auch über eine Woche gewartet hatten auf gutes Wetter, war das eine riesige Erleichterung, als wir schließlich in der Luft waren und uns niemand aufgehalten hat. Das war ein Gegengewicht gegen die Angst, die natürlich auch da war. Als wir uns auf die Grenze zubewegten, sind wir vorsichtshalber ein bisschen höher gegangen.

Gerd Leipold Greenpeace-Aktivist

Männer an einem Heißluftballon auf einer Wiese
Damit der Start umbemerkt blieb, mussten sie besonders auf Schnelligkeit trainieren. Bildrechte: Ali Paczensky/Greenpeace

Begrüßung mit Maschinengewehren

Im Osten bleibt diese Aktion nicht unbemerkt. Der Ballon setzt auf einer kleinen Anhöhe in der Nähe des Flughafens Schönefeld zehn Minuten später auf. "Sie parkten da unten und rannten hoch, mit ihren Maschinengewehren im Anschlag. Wir beide, John und ich, fühlten uns einfach toll. Wir hatten geschafft, worauf wir lange trainiert hatten. Wo wir nicht sicher waren, schaffen wir das tatsächlich. Wir fühlten uns prima. Und ich weiß noch, dass ich, ohne viel nachzudenken, schrie: 'Ihr braucht keine Angst haben, wir haben keine Waffen!'.

Die beiden Aktivisten werden verhaftet. Und bei den DDR-Behörden beginnt das große Rätselraten; wer sind diese Leute, wer steckt hinter der ominösen Umweltgruppe? Greenpeace war 1970 in Kanada gegründet worden und hatte mit aufsehenerregenden Aktionen gegen Atomwaffentests und Umweltzerstörung protestiert. Immer gewaltfrei. 

Dass man sagt, wir haben keine ideologische Position, sondern wir haben eine Position für die Umwelt, das war von Stasiseite aus eben genau das, eine wohlmeinende naive Position. Und so ganz hatte man das, glaube ich, nicht verstanden. Gleichzeitig aber, und das kommt auch aus den Akten hervor, hatte man Angst, dass Greenpeace Kontakte zur Umweltbewegung hat.

Gerd Leipold Greenpeace-Aktivist
Greenpeace Ballonfahrt 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch genau das geschieht. Bürgerrechtler aus der Umweltbibliothek der Ostberliner Zionskirchgemeinde treffen Greenpeace-Leute. Regelmäßig kommen Umweltschützer aus dem Westen in die DDR, um Material und Informationen auszutauschen. Uwe Bastian war in den achtziger Jahren in dieser Umweltbibliothek aktiv. Später hat er erforscht, wie die Staatssicherheit versuchte, den Umweltverein auszuspionieren. Auslöser dafür war eben der Ballonflug vom 28. August 1983.

Bis dahin hatte die Staatssicherheit keinen Kontakt, also den ersten internen Mitarbeiter, einen IM, inoffiziellen Mitarbeiter, in den  Reihen von Greenpeace. Und versuchte natürlich ab jetzt sofort, um genaue Informationen über Vorhaben zu bekommen, da jemanden einzuschleusen.

Uwe Bastian DDR-Bürgerrechtler

Gerd Leipold und John Sprange in einem Ballon
Gerd Leipold und John Sprange beim Training am 01. August 1983 für Protestflug gegen Atomtests. Bildrechte: Caroline Fetscher/Greenpeace

Ein Überflug mit Folgen

Für die Ballonfahrer geht die Aktion glimpflich aus. Nach zwei Stunden Verhör werden Leipold und Sprange ohne den Ballon abgeschoben. Kurz vorher war ein Transittourist an der innerdeutschen Grenze verstorben. Die DDR wollte neuen Ärger vermeiden. Und Gerd Leipold hat beim deutsch-deutschen Überflug etwas gelernt.

Das Schöne an dem Flug war auch, dass, wenn man auf dem Boden war, dann war die Mauer unüberwindlich, man konnte nicht drüber sehen, man konnte nicht drüber gehen, es war ein Ende. Und wenn man drüber geflogen ist, dann war es ein ganz dünner Strich. Und dann merkte man auch, wie künstlich es eigentlich war.

Gerd Leipold Greenpeace-Aktivist

Im Westen gibt es noch ein Nachspiel: die Staatsanwaltschaft Berlin erhebt Anklage. Weil Sprange und Leipold unerlaubt ein Kriegsgerät – eben den Ballon – eingeschmuggelt haben, müssen sie eine Geldstrafe zahlen. 1988 dann erhalten sie sogar ihren konfiszierten Ballon von der DDR zurück. Gegen Zahlung von 8034 Westmark Lagergebühren dürfen ihn die Umweltschützer an der Grenze abholen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV:

Greenpeace | 16. Juli 2020 | 19:30 Uhr