Umweltsünden in der DDR "Bitteres aus Bitterfeld"

Umweltsünden der DDR waren zu riechen, zu schmecken und zu sehen. Eine Gruppe von Umweltaktivisten versuchte, sie öffentlich zu machen - obwohl Regierung und Stasi alles daran setzten, die katastrophalen Zustände zu verbergen.

1988 gelang einer kleinen Gruppe von Umweltaktivisten das scheinbar Unmögliche: Am 25. Juni filmten sie Eindrücke der katastrophalen Umweltsituation in der Industrieregion um Bitterfeld-Wolfen.

Das Datum war von den Aktivisten Hans Zimmermann aus Bitterfeld, Ulrich Neumann aus Ost-Berlin sowie dem West-Berliner Filmemacher Rainer Hällfritsch bewusst ausgewählt worden: Es war der Tag des Finalspiels der Fußball-Europameisterschaft 1988. Sie gingen davon aus, dass auch Stasi und Polizei das Fußballspiel sehen würden. Ihre Kalkulation ging auf - die Aktivisten blieben bei den Filmaufnahmen ungestört.

Bitterfeld Umweltverschmutzung
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hans Zimmermann hatte die Drehorte ausgewählt. Ulrich Neumann stellte als Vertreter des grünen Netzwerks "Arche" die Kontakte zu West-Berliner Journalisten her. Alles lief wie geplant, aber es war sehr riskant, wie sich Zimmermann erinnert: "Wenn sie uns erwischt hätten, wären wir für 15 Jahre nach Bautzen gegangen."

Verheerende Umweltsituation wurde öffentlich

Das heimlich gefilmte Material schaffte es sogar ins Westfernsehen. Am 27. September 1988 strahlte das ARD-Magazin Kontraste einen Beitrag über die verheerende Umweltsituation im Raum Bitterfeld aus. Gezeigt wurden Bilder vom sogenannten "Silbersee" - einer alten Tagebaugrube in einem Siedlungsgebiet - und von der Giftmülldeponie "Freiheit III". Damit war das Ausmaß der Umweltkatastrophe im Raum Bitterfeld öffentlich - im Westen, wie im Osten.

Bitterfeld Umweltverschmutzung
Achtung Lebensgefahr Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Ausstrahlung im Westfernsehen rüttelte auch die Menschen in der Region Bitterfeld wach. Der Kontraste-Beitrag war der Gesprächsstoff in den Betrieben und bei der Bevölkerung, was die Politiker bis zum Zentralkomitee der SED alarmierte. Politbüromitglied Günter Mittag erteilte den Auftrag, den Beitrag auszuwerten und Maßnahmen vorzuschlagen. Dieser Auftrag wurde bis nach ganz unten zum Rat des Kreises Bitterfeld "durchgestellt".

Am 9. November 1988 schlug dieser in einem Schreiben an den Rat des Bezirkes Halle eine lange Liste von Argumentationshilfen gegen den Fernsehbeitrag vor. So wurde anhand ausgewählter Daten über Schadstoffemissionen behauptet, dass die Belastungen im Raum Bitterfeld bereits deutlich verringert worden seien. Auch ideologische Argumentationshilfen wurden erstellt. So heißt es in Unterlagen, die dem Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt (Abteilung Merseburg) vorliegen: "Deponien gibt es in allen Ländern der Welt, das beweisen die Skandale in der BRD, wo unkontrolliert Giftstoffe deponiert werden und wo sogar Deponien als Bauland für Eigenheime vergeben werden."

Bewusst verschwiegen: Die genehmigte Umweltvergiftung

Was verschwiegen wurde: Rund um Bitterfeld wurde die Umwelt letztlich mit Genehmigung der Regierung vergiftet, da Umweltauflagen außer Kraft gesetzt worden waren, um die Produktion nicht einschränken zu müssen. Dies war in der DDR gängiges Mittel. Die Produktion hatte stets Vorrang.

Die amerikanische Schauspielerin (2.v.l.) wollte sich bei bei einem Besuch in Bitterfeld im Februar 1990 einen persönlichen Eindruck von der "schmutzigsten Stadt Europas" machen.
US-Schauspielerin Jane Fonda 1990 bei einem Besuch in Bitterfeld - um sich ein Bild von der "schmutzigsten Stadt Europas" zu machen. Bildrechte: dpa

Ökologisches Katastrophengebiet Bitterfeld-Wolfen

Die Industrieregion um Bitterfeld-Wolfen war von der chemischen Industrie mit den beiden zentralen Teilen VEB Filmfabrik ORWO und VEB Chemisches Kombinat Bitterfeld (CKB) geprägt.

Bitterfeld Umweltverschmutzung
Region Bitterfeld: verschmutztes Wasser Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Industrieanlagen wurden mehr und mehr auf "Verschleiß" gefahren und die Umweltschutzgesichtspunkte waren zweitrangig. Entsprechend wuchs die Belastung von Luft, Boden und Grundwasser stetig. Der Volksmund registrierte das sehr wohl und nannte die Straße Richtung Bitterfeld/Wolfen, "die Straße der 1000 Düfte", denn entlang der Werkshallen roch es alle 100 Meter anders: "Mal nach Phenol, mal nach Azeton, mal nach Farbstoffen", erinnert sich Hans Zimmermann.

Kranke Umwelt - Kranke Menschen

Diese Zustände waren eindeutig gesundheitsgefährdend. Im November 1990, kurz nach der Deutschen Einheit, stellte das Bundesumweltministerium fest: "Im Raum Bitterfeld - charakterisiert durch eine extreme Belastung der Luft, des Wassers und des Bodens - bestehen bei Kindern eine überdurchschnittliche Behandlungsbedürftigkeit bei chronischer Bronchitis und asthmatischen Erkrankungen und deutlich schlechtere Lungenfunktionswerte als bei Kindern in Vergleichsgebieten. Auffällig ist auch eine hohe Säuglingssterblichkeit wegen Missbildungen - sie betrug 1989 5,5/1000 gegenüber dem langjährigen Mittel von 2,3/1000."

Über dieses Thema berichtete Sachsen-Anhalt Heute: TV | 02.10.2019 | 19.00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2019, 05:00 Uhr